Sanssouci: Nachschlag
■ In Freiheit läßt sich über Medien wohlfeil nörgeln: Writers in Prison Day in der literaturWERKstatt
Am Dienstag abend hatte die literaturWERKstatt Pankow zu einer Veranstaltung eingeladen, in der Texte verfolgter Autoren gelesen wurden. Es war der „Writers in Prison Day“, und er wurde weltweit begangen. Publikum ließ sich kaum sehen, desto stärker war die Pressepräsenz. „One world Ideologie unter dem Zeichen medialer Nivellierung“; hier zeigte sich, was es wert ist, das wohlfeile Genörgele westlicher Schöngeister, die nie am eigenen Leibe erfahren mußten, wie lebenswichtig freie weltweite Information ist.
Sabine Kebir, die über die Lage algerischer Intellektueller berichtete, erzählte von einem ermordeten Freund, der als Armenarzt in der Kasbah von Algier und Chronist des Alltags für den FIS eine doppelte Bedrohung war. Auch immer mehr Psychiater würden Opfer der Anschläge, die sich gegen das Gedächtnis und Erinnern schlechthin richten. Die exilierte iranische Schriftstellerin Fahimeh Farsaie, die unter dem Schah im Gefängnis saß und von den Mullahs dann aus dem Lande getrieben wurde, las im Wortlaut den berühmten Appell der 134 iranischen Schriftsteller, ein bewegendes Dokument des Universalismus der Menschenrechte.
Daß der Angriff auf diese Rechte im Namen des „Verständnisses der Dritten Welt“ eine europäische Spezialität ist, bemerkte der kubanische Schriftsteller Jorge Pomar. Nirgendwo habe er so dummdreiste Rechtfertigungen des Castro-Regimes gehört wie in Deutschland aus dem Munde braver Linker. Kleine Episode am Rande: Salvador Allendes Botschafter in Havanna wurde zur Persona non grata erklärt, weil der Sozialist mit dem kubanischen Dissidenten Herberto Padilla befreundet war. Die Erinnerungen dieses Diplomaten fanden erst jetzt einen deutschen (Klein-)Verleger. Jorge Pomar las Reinaldo Arenas Geschichte seines Fluchtversuches aus Kuba, Fahimeh Farsaie trug eine eigene Erzählung über eine Frau vor, die aus dem Iran fliehen muß und in der Wüste stirbt.
„Leg dein Wort neben mein Wort“ heißt es in einem türkischen Gedicht, das der Moderator Joachim Walther zitierte. Im Anschluß daran las er aus Andrej Sinjawskijs Gulag-Erinnerungen. One world. Und die vielgescholtenen Medien übertrugen alles. Daß die Funktionäre der beiden deutschen PEN-Clubs durch Abwesenheit glänzten, war demgegenüber zweitrangig. Marko Martin
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 60 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen