Sächsischer Autor vor den Landtagswahlen : „Die AfD ist eine denkfaule und arbeitsscheue Partei“
Der Schriftsteller Lukas Rietzschel über AfD, Existenzängste eines Kreativen, Vereinzelung, die SPD, Schutz vor Zynismus und seinen Roman „Sanditz“.
Foto: picture alliance/dpa | Sebastian Willnow
taz FUTURZWEI | Lukas Rietzschel lebt in der Lausitz, ist erst knapp über 30 und schreibt Romane und Theaterstücke, die dem ganzen Land seine ostdeutsche Heimat näherbringen. So auch in seinem neuesten Roman „Sanditz“ – es ist die Zeit der Coronapandemie und des beginnenden Kriegs in der Ukraine.
Dieser Blick mache ihn aber nicht zum „Osterklärer“, wie Medien ihn oft vorstellen. Er sei eine Stimme der Gegenwart. Sanditz steht auf der Bestsellerliste und Lukas Rietzschel ist gerade ständig im ganzen Land unterwegs. Zum Glück aber per Telefon erreichbar. Auch für taz-FUTURZWEI-Autor Aron Boks.
taz FUTURZWEI: Herr Rietzschel, seit unserer letzten Begegnung haben Sie nicht nur Ihren Roman fertig geschrieben, sondern treffen auch immer öfter Politiker der Bundesregierung. Was wollen die von Ihnen wissen?
Lukas Rietzschel: Ich stelle fest, dass Politiker wenig Literatur lesen. Sie werden stattdessen täglich mit vielen Zahlen und Statistiken und Umfragewerten belegt. Das führt dann vielleicht zu dem Missverständnis, dass Leute wie ich, denen man unterstellt, ein besonderes Gespür für alles das zu haben, das außerhalb von Messwerten liegt, diese Gesellschaft verstanden hätten. Und nun, nächste falsche Annahme, als wären wir so eine Art Scharnier zwischen Politik und der Gesellschaft. Das kann so nicht klappen.
Warum nicht?
Weil ich ja auch nur zuschaue, beobachte und mich selbst erkläre. Ich arbeite im Kleinen, nicht mit dem Anspruch eine vermeintliche Ganzheit zu beschreiben. Hinzu kommt, dass der Osten keine homogene Masse ist.
Ihr Theaterstück „Das beispielhafte Leben des Samuel W.“ handelt von einem AfD-Oberbürgermeisterkandidaten aus Görlitz. Was interessiert Sie an der AfD?
Ich versuche mich immer mit Realitäten auseinanderzusetzen, die nicht meine sind oder sogar mir radikal gegenüberstehen. Ich versuche das einfach nur nachzuvollziehen und mich anzunähern. Vielleicht versuche ich dadurch auch mehr über mich herauszufinden, gut möglich. Die AfD interessiert mich dabei eigentlich relativ wenig, da sie als Partei wie alles andere auch von Menschen gestaltet wird und diesen Menschen wende ich mich dann zu.
Der Mensch: geboren 1994 in Räckelwitz in der ostsächsischen Oberlausitz, studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Kulturmanagement in Kassel und Zittau/Görlitz.
Das Werk: Gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Gegenwart. Sein Debütroman Mit der Faust in die Welt schlagen erschien 2018 und wurde 2025 verfilmt. Sein 2024 erschienenes Theaterstück Das beispielhafte Leben des Samuel W. handelt von einem AfD-Oberbürgermeisterkandidaten aus Görlitz. 2025 folgte mit Der Girschkarten eine Überschreibung von Anton Tschechows Der Kirschgarten. Im März 2026 erschien sein dritter Roman Sanditz.
Das Buch: Sanditz erzählt von der Kleinstadt Sanditz und ihren Bewohnerinnen und Bewohnern – darunter ehemalige Offiziere, Bürgerrechtler, Handwerker, Journalistinnen und die Familie Wenzel. Aus miteinanderverflochtenen Perspektiven entsteht ein Bild vom Leben in Deutschland vom Ende der DDR bis in die Gegenwart, geprägt von Umbrüchen, Ortswechseln und unterschiedlichen Erfahrungen zwischen Vergangenheit und Jetztzeit. | Sanditz, dtv 2026, 480 Seiten, 26 Euro
Ein besonders tragischer Charakter, dem Sie sich zuwenden, wird sich im Verlauf Ihres neuen Romans „Sanditz“ dem Verteidigungskampf der Ukraine gegen Russland anschließen.
Ja, solche Fälle gab es und gibt es.
Sie haben daraus den Protagonisten Tom geschaffen. Was bringt diesen Mann dazu, sich in den Krieg zu begeben?
Tom ist zur Zeit der Coronapandemie nicht geimpft, sieht sich isoliert und merkt, wie unverbunden er ist. Nicht nur mit der Umwelt, sondern auch mit seiner Familie. In so einer Situation fragt er sich konkret – was mache ich in dieser Gesellschaft? Was soll ich hier und worauf warte ich? Was ist Sinn, was ist Aufgabe in meinem Leben? Im Roman erscheint ihm der Moment, als Russland die Vollinvasion startete, so makaber es klingt, gelegen. Auf einmal war ganz klar, was gut und was böse ist und auf welcher Seite er stehen möchte. Ich beurteile das im Roman nicht. Man darf außerdem feststellen, dass diese Entscheidung sehr egoistisch ist. Das ist nicht sein Krieg. Seine Freiheit, sein Land; nichts davon steht auf dem Spiel.
Das Thema Vereinzelung zieht sich durch den Roman. Haben Sie ein gesellschaftliches Wohnzimmer, in das Sie gehen können?
Als Romanautor befinde ich mich von Zeit zu Zeit in einer Bubble, in der ich an tolle Orte wie die Buchmesse Leipzig komme, die dieses Jahr, 2026, den Besucherrekord geknackt hat. Das ist toll, weil es entgegen aller Unkenrufe bedeutet: Menschen lesen, Menschen beschäftigen sich mit der Gegenwart, sie setzen sich durch Sprache ins Verhältnis zu ihren Mitmenschen. Das ändert aber nichts daran, dass gleichzeitig messbar ist, dass sich Teile unserer gesellschaftlichen Institutionen auflösen. Die Parteienbindung lässt nach, die Mitgliedschaft in Kirchen und die Bindung an Gewerkschaften. Dabei gibt es diese Orte für Gemeinschaft ja noch, niemand hat sie verboten. Nur warum nutzen wir sie nicht mehr? Warum zieht es uns vielleicht auch in die Vereinzelung?
Haben Sie eine Antwort darauf?
Wenn ich jetzt sozialistisch rangehen würde, würde ich sagen: Weil die Zeit monetarisiert und knapp ist und der Kapitalismus unsere Freizeit frisst. Wäre ich Kulturpessimist, würde ich sagen: Das einzelne Individuum bedroht ab einem gewissen Punkt seiner andauernden Liberalisierung das Gruppengefüge.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°37: Nachspielzeit.
Die offene Gesellschaft liegt gegen Rechtspopulisten und Autoritäre höher im Rückstand, als sie wahrhaben will und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Politik und Gesellschaft wirken gelähmt. Wir analysieren die Blockaden, suchen Auswege und finden Handlungsspielraum. Mit: Hartmut Rosa, Maja Göpel, Daniel Cohn-Bendit, Karoline Eichhorn, Alina Frieske, Ruth Fuentes, Dana Giesecke, Diana Kinnert, Reinhard Loske, Wolf Lotter, Anna-Verena Nosthoff, Lukas Rietzschel, Uwe Schneidewind, Harald Welzer u. v. m..
Wie ist das bei Ihnen?
Ich bin selbstständig, habe eine Familie, mit der ich natürlich die meiste Zeit verbringen möchte. Ich darf nicht krank werden und bräuchte dringend eine Pause. Es kostet mich Kraft, mich andauernden Existenzängsten zu stellen, die mit kreativer Arbeit zwangsläufig verbunden sind. Wenn es gut läuft, schaffe ich es währenddessen noch ein Buch oder eine Zeitung zu lesen, um mit der Welt verbunden zu bleiben und dann gucke ich abends auf die Uhr und denke mir: Scheiße, ich hab vergessen die Wäsche aufzuhängen.
Sind Sie noch in der SPD?
Ja.
Wieso eigentlich?
Ich habe einfach eine Verklärung gegenüber dem Arbeitermilieu und bin vielleicht grundsätzlich etwas seltsam. Ich hadere innerhalb der SPD mit Ralf Stegner oder Rolf Mützenich und ihrer Russlandverklärung. Aber ich mag den grundsätzlich sozialdemokratischen Gedanken der Solidarität.
Ihre Partei ist sich ziemlich einig in der Forderung eines AfD-Verbots. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD vor den Wahlen im Herbst in den Umfragen vorn. Sollte man sie regieren lassen?
Ich halte grundsätzlich nichts von dem Narrativ, eine Partei erst mal regieren zu lassen. Dafür sind die Kollateralschäden zu hoch, Demokratie ist kein Planspiel. Andererseits haben wir nicht umsonst eine Gewaltenteilung, und die Möglichkeit von Machtwechseln erachte ich als den wichtigsten Bestandteil dieser Demokratie.
Das würde bedeuten, dass die AfD in Sachsen-Anhalt dann auch den Ministerpräsidenten stellen können muss.
In der Konsequenz: ja. Aber ich will hier nicht falsch verstanden werden. Das ist eine denkfaule, arbeitsscheue Partei, die im Kern viele Nationalisten und Rechtsextremisten vereint, die noch dazu zu einer großen Korruption und Selbstbedienungsfähigkeit neigen. Und ich finde es wahnsinnig gefährlich, dass Parteien im Grunde genommen bis zur Selbstaufgabe einfach nur aufrufen, „die Demokratie“ zu wählen und dann dabei zusehen, wie sie selbst am Wahlabend einfach nicht über die Fünf-Prozent-Hürde kommen.
Nervt es Sie eigentlich, dass vorwiegend nur über die AfD-Wähler gesprochen wird und nicht über die Mehrheit, die nicht AfD wählt?
Ja. Es gibt ohnehin eine ganz eigenartige Zuwendung zu den Wählern dieser Partei, von denen man glaubt, sie „zurückgewinnen zu können“. Seltsame Worthülse, finden Sie nicht? Ein Grundübel steckt in der Annahme, dass die Wahl dieser Partei eine antidemokratische Grundhaltung zum Ausdruck bringen würde. Ich halte das für fragwürdig.
„Diese Gesellschaft ist, bei allen berechtigten Bedenken, in ganz vielen Bereichen ziemlich in Ordnung“
Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Deutschen in den Grundsätzen vieler gesellschaftlicher Themen ziemlich einig ist. Trotzdem empfinden viele, die Gesellschaft als gespalten. Wie erleben Sie das?
Das gilt übrigens auch für die Einstellung zur Demokratie als Staatsform. Hohe Zustimmung, stabil seit Jahrzehnten. Es ist auch nicht evident, dass die Gesellschaft polarisiert oder gespalten ist. Trotzdem wird das immer wieder behauptet und dann sortiert, wer Demokrat ist oder nicht. Solche Aufteilungen finde ich brandgefährlich. Aber ich komme immer wieder zu dem Punkt, um festzustellen: Diese Gesellschaft ist, bei allen berechtigten Bedenken, in ganz vielen Bereichen ziemlich in Ordnung.
Wo merken Sie das?
Ich war erst gestern bei einem Freund, der jetzt seine zweite Chemotherapie hinter sich hat. Er lebt allein, aber wird von seinen Freunden, Nachbarn und der Kirchengemeinde mit Essen und Besuchen versorgt. Das ist ein Einzelfall, klar, und dennoch wage ich mich jetzt mal in die Kitschfalle: Menschen sind gut zueinander, sie kümmern sich umeinander, sie nehmen Anteil aneinander. Auch bei dieser Sache mit dem Wal.
Sie meinen den Buckelwal Timmy, der im Frühjahr in der westlichen Ostsee gestrandet war?
Ja, das ist doch erst mal schön, dass Menschen das so bewegt, dass sie mitfühlen, dass sie handeln wollen. Dass es dann Leute gibt, die sich darüber lustig machen mit dem Verweis auf unseren sonstigen Umgang mit Tieren: geschenkt. Diese grauenhaften KI-Songs, ja, mein Gott. Ich bin einfach so müde von diesem gegenseitigen Anblaffen und Verhöhnen. Das hat Auswirkungen auf mich, da ich dann so einen Zynismus gegenüber meiner Umwelt entwickle, und das will ich gar nicht.
Wie schützen Sie sich vor Zynismus?
Das ist nicht so einfach. Das geht damit einher, sich verletzlich zu machen. Normalerweise öffne ich meine Schutzpanzer nur im Schreiben, nicht im Alltag.
Sie haben angekündigt, jetzt erstmal etwas ganz anderes zu machen als Schreiben. Was haben Sie vor?
Diese finanzielle Abhängigkeit meines eigenen Schöpfens, das Mich-Äußern, das Aus-mir-Schürfen erschöpft mich zunehmend, und ich habe Sorge, mich dabei zu verlieren. Davon abgesehen ist mir meine Lebenszeit zu schade für nur eine Profession. Ich möchte so viel mehr lernen und verstehen. Was genau, weiß ich noch gar nicht. Ich weiß auch noch nicht, wann und ob überhaupt. Ich weiß allerdings, dass ich leider sehr inkonsequent bin.
🐾 Die Fragen stellte Aron Boks für unser Magazin taz FUTURZWEI.
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