: Revolution aus dem Toilettenhäuschen
Von Hamburg bis Málaga: Der Sammelband „Mikropolitiken“ stellt geglückte und gescheiterte Interventionen für ein Recht auf Stadt vor
Von Amanda Böhm
Als der marxistische Soziologe Henri Lefebvre 1968 in „Le droit à la ville“ („Das Recht auf Stadt“) beschrieb, wie Städte immer trostloser und nach neoliberalen Prinzipien organisiert wurden, wodurch soziale Partizipation und Urbanität eingeschränkt wurde, da trafen seine Äußerungen einen anderen politischen Zeitgeist. Die Siebziger, das waren die wilden Jahre, als ganze Straßen besetzt wurden, als Ton Steine Scherben den „Rauch-Haus-Song“ schrieben, als Lefebvres Forderung nach „Recht auf Stadt“ wie eine Prophezeiung klang. Die Krise der Stadt, die er beschrieb, ist geblieben. Womöglich hat sie sich sogar verschärft: rasant steigende Mieten, Verdrängung, fehlende soziale Infrastruktur treffen auf eine von den multiplen Krisen der Gegenwart ausgebrannte radikale Linke. Ist der Kampf um das „Recht auf Stadt“ also vorbei?
Kayoung Kim, Lisa Marie Zander, Marius Töpfer, Thies Warnke (Hg.) : „Versammlung der Mikropolitiken“. Adocs Verlag, Hamburg 2025, 224 Seiten, 22 Euro
Ein kleines silbernes Buch erinnert daran, dass dem nicht so ist. „Versammlung der Mikropolitiken“ heißt es, veröffentlicht in dem kleinen Hamburger Verlag Adocs und benannt nach der tatsächlichen Versammlung der Mikropolitiken im August 2023. In einem besetztem Toilettenhäuschen im Hamburger Stadtteil Rothenburgsort kamen damals Aktivist*innen zusammen, um über Stadtteilkämpfe zu diskutieren, sich auszutauschen, in der Elbe baden zu gehen. Auf 208 Seiten kommen einige dieser Menschen nun erneut zu Wort. Vielleicht musste sich der Protest weiterentwickeln, heißt es im Vorwort. Vielleicht zeigt er sich nicht mehr wie in den Siebzigern in Form von Großdemonstrationen oder auf den Titelseiten von Zeitungen. „Aber der Aktivismus ist nicht verschwunden. Er trägt nur ein anderes Kleid.“
Ein Beispiel: Der Beitrag von Lila und Kamel, zwei Aktivist*innen aus dem Quartier Nord von Marseille, einem Stadtteil, der Lefebvres Krise der Stadt kaum deutlicher illustrieren könnte: fehlende Verkehrsanbindungen, marode Häuserblocks, Leerstand. Und eine McDonald’s-Filiale, in der Menschen unter prekären Bedingungen arbeiteten. Die Filiale wurde von Anfang an zum Schauplatz von Arbeitskämpfen. Diese Kämpfe schwappten vom prekären Norden Marseilles bis nach Zürich, London, in die USA und verbesserten die Arbeitsbedingungen von Tausenden von Menschen. Als die Filiale 2019 geschlossen werden sollte, wurde sie besetzt. Ehemalige Arbeiter*innen und Anwohner*innen eröffneten sie unter eigenen Bedingungen neu: „Wir wollen nicht nur ein einfacher Fast-Food-Laden sein. Wir wollen kostenloses soziales Essen mit viel Kultur anbieten. Das, was die Menschen eben brauchen“, heißt es in dem Beitrag. Und so wird ausgerechnet ein McDonald’s, die Verkörperung kapitalistischer (Ess)kultur, zu einem widerständigen Ort, der jenseits neoliberaler Logiken funktionieren darf. Einem Ort, der von unten her gestaltet wird, an dem Solidarität und Autonomie keine leeren Parolen, sondern gelebte Praxis sind.
„Was wäre, wenn nicht die Fantasien der Eigentümer:innen, Wohnungsbaugesellschaften oder Aktienfonds […] entscheiden würden?“ Der Band „Versammlung der Mikropolitiken“ zeigt, dass das Recht auf Stadt weit mehr als nur eine utopische Forderung sein kann. Das Buch ist gewidmet all jenen „die täglich unsere Städte durchlöchern und diejenigen, die daran scheitern“. In zwölf Beiträgen aus Marseille, Hamburg, Berlin, London und Málaga wird vom Durchlöchern und Scheitern erzählt – als praktischer Erfahrungsbericht, als theoretische Analyse, als Aufforderung. Und, vor allem: als Inspiration. Die selbst betriebene McDonald’s-Filiale, das besetzte Toilettenhäuschen und andere aktuelle sowie historische Interventionen werden auf 56 Fotos und Grafiken gezeigt.
Es ist ein Buch, das gerade jetzt – zur vermutlich schlechtesten Ausgangslage überhaupt – Mut macht, weil es zeigt, dass Städte denen gehören, die in ihnen wohnen, die sie gestalten. Um eine Stadt zu durchlöchern, so betonen die Herausgeber*innen des Buches, braucht man keine Anleitung, sondern eine Haltung. Möge das Buch also Mut geben, sich zu „vernetzen, versammeln, verzahnen und verknoten“. Schließlich, so schreiben die Herausgeber*innen, geht es um „nicht weniger als die Revolution der Städte“.
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