Resilienz für mehr Demokratie: Notfallkit für die Seele nach der Wahl
Wahlkatastrophe, Rechtsruck, Endzeitstimmung – was hilft? Unserer Autorin Schmerztabletten, Hühnersuppe und sphärische Musik.
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Z wei Tage nach der Wahlkatastrophe sitze ich mit meinen Kolleginnen in der Redaktion. „Hat jemand von euch zufällig eine Schmerztablette?“, fragt eine und schon kramen drei andere einen kleinen Beutel hervor. „Ich hätte eine Ibu“, sagt die Kollegin mir gegenüber. „Ich eine Buscopan“, höre ich von links. „Oder willst du lieber eine Dolormin?“
Mich erstaunt, wie gut sie ausgestattet sind und schon sprechen wir über ihre Minitaschen, gefüllt mit Dingen, die das Leben erleichtern.
Ich finde das Konzept ja super. Warum habe ich nicht selbst ein Notfallkit, das mir durch diese beschissene Zeit hilft? Okay, vielleicht habe ich doch eins. Zwar nicht so quadratisch, praktisch, gut wie die kleine Tasche, aber ähnlich effektiv wie eine Kopfschmerztablette.
Mein Notfallkit sind die Gespräche mit A., seine selbst gekochte Hühnersuppe und die Rotz erprobten Umarmungen, wenn ich mal wieder sehr verzweifelt bin.
Daneben muntert mich der unbeugsame Optimismus meiner Mutter auf. Im Handy das Gruselkabinett der Tech-Bros, aber sie erzählt mir, dass bei ihr im Garten die Schneeglöckchen blühen.
Zweckgemeinschaft mit der Wärmflasche
Bis vor wenigen Tagen hätte mich auch mein geliebtes Dinkelkornwärmekissen getröstet. Es war eigentlich kein Wärmekissen, sondern in vielen Momenten mein Rettungsring. Leider hat es den Wahlkampf nicht überlebt. Während draußen hitzige Debatten die Luft zum Brennen brachten, fackelte es in meiner Mikrowelle ab. Jetzt bilden die Rossmann-Wärmflasche und ich eine neue Zweckgemeinschaft.
Zum Glück habe ich wenigstens wieder Appetit auf Musik. In den abscheulichsten Phasen, und von denen gab es viele, gingen echt nur Nachrichten-Binging und saure Gummiwürmchen.
Dann entdeckte ich zufällig den Sound von Irène Drésel. Sphärisch. Seither schwebe ich einfach ganz viel über glitzernde Bäche und frisches Moos. Hart gelandet wird dann mit Les Vulves Assassines. Bestem französischen Punkgeschrei gegen die Ungerechtigkeit.
Der „Himmel über Berlin“-Mantel
Auch gut in Sachen Resilienz sind für mich die kilometerlangen Spaziergänge in meinem „Himmel über Berlin“-Mantel. Er ist meine sanfte Rüstung, wenn ich mal wieder an einem katastrophalen Neubauprojekt vorbeilaufe und die soziale Kälte mir aus jeder Ecke entgegenschlägt.
Angie, Linda – sprecht mit ihnen. Fragt, was sie brauchen. Gebt Geld.
Im Übrigen ist auch Schlafen Widerstand. Bevorzugt in frisch gewaschener Bettwäsche unter selbst aufgeklebten Neonsternen an der Wand. Mit genügend Erholung lässt es sich dann auch wieder besser für unsere Rechte kämpfen. Denn eins ist klar, wir lassen uns ganz sicher nicht durch eine rückwärtsgewandte Politik in die 50er Jahre zurückbugsieren. No way.
Ein Lachanfall ist die beste Medizin
Aber wo bekommt man neue Inspiration, um das Patriarchat zu demontieren?
Ich hole sie mir in der Literatur u. a. bei Virginia Woolf und Deborah Levy, im Theater bei Florentina Holzinger und Falk Richter. Und wenn wir schon dabei sind: Politisch gibt mir Heidi Reichinnek Hoffnung. Sie hat die Dinge auf den Punkt gebracht.
Apropos Notfallkit: Ein anderes kleines Täschchen war die Papiertüte, in die ich neulich gekotzt habe. Es war der vorgezogene Kommentar meines Körpers zum Wahlausgang. Alles in mir wehrt sich gegenwärtig gegen den konservativen Backlash und eine extreme Rechte als zweitstärkste Fraktion im Bundestag.
Normalerweise bespreche ich so etwas ja mit meiner Schwester, aber die ist gerade nicht da. Mit ihr passiert es immer mal wieder, dass wir in schallendes Gelächter ausbrechen. Und genau das brauche ich jetzt. Denn ein Lachanfall ist die beste Medizin in widrigen Zeiten. Er katapultiert die Angst aus dem System.
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