Reportage

Die Toskana-Friktion

Im toskanischen Monticchiello ist alles da für eine spannende Geschichte: Einheimische, Zugereiste, ein Spekulant und eine grandiose Kulisse. Die Dörfler inszenieren den Konflikt als Drama.

Monticchielo taz "Seit dreißig Jahren sehe ich dieses Panorama, und jeden Tag geht mir das Herz auf." Mit ausladender Geste weist Daniele Mangiavacchi auf die prächtige Kulisse vor ihm: Sein Blick fällt durch das alte Stadttor auf die von der Sonne in Gold getauchten, sanft geschwungenen Hügel der Südtoskana, auf die Felder, die in allen nur denkbaren Brauntönen schillern, auf Wiesen und die flammengleich in den Himmel ragenden Zypressen.

Monticchiello ist einer der Orte in der Toskana, die zu Beginn der 60er-Jahre besonders unter der Landflucht zu leiden hatten. Von ursprünglich 800 Einwohnern leben heute nur noch 150 im Dorf.

Das Teatro Povero, das "Arme-Leute-Theater", wurde 1967 gegründet - vor allem, um ein neues Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Seitdem führen die Dörfler jedes Jahr in der letzten Juli- und den ersten beiden Augustwochen ein von ihnen selbst geschriebenes Stück auf. Meist behandelt es ein aktuelles Thema aus dem Dorfleben. In diesem Jahr ist es der Streit um Profit und Moderne.

Mangiavacchi muss sich nicht verstellen, um den Part des Glückspilzes zu geben. Er muss nur vor die Tür seiner Boutique "Madalisa" treten, am Ortseingang von Monticchiello, direkt hinter der mittelalterlichen Wehrmauer. Mangiavacchi gibt in diesem Drama auf dem Lande den glücklichen Toskaner. Alles an ihm stimmt: die strahlenden Augen, das verzückte Lächeln, die schwärmerische Stimme. Nie, versichert er, würde er aus seinem Dorf wegziehen, wunderschön sei es hier. Diese Gegend: das Orcia-Tal, Toskana pur, 2004 von der Unesco zum Weltkultur-Erbe erhoben. Nicht zu vergessen das gute Essen - Mangiavacchi klopft sich auf den enormen Bauch -: die Schweineleber in Fenchelkraut, die pici, handgemachte Nudeln mit Wildschweinragout, die Ribollita, toskanische Suppe mit Kohl und dicken Bohnen.

Brutal gestörte Idylle

Es könnte alles perfekt sein, meint Magiavacchi, "wenn bloß nicht diese Geschichte wäre Die hat hier ganz schön eingeschlagen." Von "Spekulanten" spricht er jetzt, von "der Baustelle" direkt vor der Stadtmauer, diesem "Monster, das unser Dorf gespalten hat". Er zeigt auf die Baukräne, die sich hangabwärts hinter den Bäumen erheben. Acht große Rohbauten stehen dort, reißen eine Wunde in die toskanische Idylle. Der eben noch gut gelaunte Magiavacchi sagt, der Streit um diesen Neubau sei eine Geschichte, mit der das Dorf bisher nicht fertig geworden sei. Ein Drama, das Monticchiello - dem Toskana-Dorf mit dem bei den Italienern so beliebten teatro povero, dem alljährlichen Sommertheater - im ganzen Land Negativschlagzeilen beschert habe. Weil ein paar Geldhaie das Paradies verkaufen wollten!

Drei Stunden später erscheint Daniele Mangiavacchi zur Generalprobe. Er steht in seinem ordengeschmückten Frack auf der dreieckigen Piazza neben der gotischen Kirche und gibt den "General". Wie jeden Sommer spielt das ganze Dorf Theater, wie jedes Jahr wird der Dorfplatz zur Bühne - aber diesmal ist alles anders. Denn die achtzig Dörfler von Monticchiello spielen ihre eigene Geschichte. Sie adaptieren Tschechows "Die Hochzeit", inszeniert haben sie das Stück als "Auto-Drama", also eine von allen Mitspielern gemeinsam entschiedene und verfasste theatralische Selbstanalyse. Der Mann im Frack, der "General", ist einer der wichtigsten Protagonisten.

In dem Stück warten alle Hochzeitsgäste sehnsüchtig auf ihn, er ist eingeladen, um der Feier Glanz zu verleihen. Schließlich platzt er tatsächlich herein - und ruiniert das ganze Fest. Am Schluss fährt gar ein Meteorit auf die Gesellschaft nieder.

Nach dem Einschlag stehen auf der Bühne sechs Personen in einem Kreidekreis. Ein großes, fein gesponnenes Netz hält sie gefangen, die Situation scheint ausweglos. Die sechs wähnen sich "in einem Krieg", sie fürchten, in einer Geschichte gelandet zu sein, "die uns über den Kopf wächst". Auf weißem Bühnenhintergrund erscheinen Baukräne in toskanischer Landschaft.

Ein bisschen Brecht, ein bisschen Beckett: Unschwer ist die Parabel von Hoffnung und Enttäuschung zu entschlüsseln, die den Bürgern von Monticchiello ihren Frieden rauben. "Der General", flüstert ein Mann im Publikum seiner Frau zu, "das soll dieser Professor sein, der mit seinen blöden Protesten gegen das Bauprojekt den Streit ins Dorf getragen hat". "Von wegen", hält die Frau dagegen, "der General steht für das Ökomonster, für diese Häuser am Hang, die als Traum versprochen waren und sich als Albtraum entpuppt haben." Jeder im Dorf macht sich seinen eigenen Reim.

Am nächsten Morgen spricht auch "dieser Professor" von einem Albtraum. Alberto Asor Rosa hat auf einer Steinbank neben dem alten Brunnen Platz genommen. In der Tschechow-Inszenierung, die heute Abend Premiere haben wird, spielt er nicht mit, doch im wirklichen Monticchiello hat er sich die Rolle der Kassandra längst gesichert. Der Altlinke, ein Spezialist für italienische Gegenwartsliteratur, ist in ganz Italien bekannt. Hier in Monticchiello aber hat wohl kaum jemand seine Schriften gelesen - außer natürlich jenen Zeitungsartikel, mit dem er die Dorferweiterung frontal attackiert hatte. Seither schwelt die Debatte um Tradition und Profit.

Während der Sommerwind ihm das weiße Haar zerzaust, rechnet Asor Rosa ab. "Ich habe hier seit 25 Jahren eine Wohnung, und ich konnte das nicht mit ansehen. Direkt vor einem Dorf mit gerade mal 150 Einwohnern werden da acht große Bauten mit insgesamt 75 Wohnungen errichtet, ursprünglich waren sogar 96 geplant. Angeblich für die jungen Leute aus dem Dorf, die keine Wohnungen finden. Das war der Traum. Jetzt haben wir hier bloß den Albtraum. Die verschandeln diese einzigartige Landschaft mit einem Spekulationsobjekt, das sich ja doch nur an wohlhabende Auswärtige wendet". Eine einzige Familie aus dem Dorf, sagt er, mache da das Geschäft ihres Lebens. "und außerdem Geldgeber von auswärts, die wir nicht kennen". Mit vieldeutigem Blick zuckt er die Schultern, "vielleicht ist es auch besser, diese Namen nicht zu wissen".

Was ihn zur Weißglut treibt, ist auch, dass der linke Bürgermeister von Pienza - zu dieser Stadt gehört Monticchiello - das ganze Projekt schon abgesegnet hat. Und dass der Architekt, der für die Kommune den Bebauungsplan entworfen hat, nun als Bauleiter die Häuser errichtet.

Weil Wochenende ist, liegt die Baustelle verwaist da, abgeschirmt ist sie durch einen zwei Meter hohen Zaun. Man sieht Sandberge, Zementmischer, Holzstapel - doch dann fährt ein schwarzer Geländewagen vor. Ein drahtiger Mittdreißiger steigt aus, er schiebt sich die Sonnenbrille ins schwarze Haar. Aus Rom sei er, sagt er, und er habe hier eine Wohnung gekauft. Selbstbewusst öffnet er eine Lücke im Zaun. Mit einem Blick auf die Rohbauten erzählt er, er habe schon schwer gezittert angesichts der Proteste, die "dieser Großintellektuelle" angezettelt habe, "der bloß politisch Karriere machen will". Dann aber huscht ein Lächeln über sein Gesicht. "Vielleicht waren die Proteste am Ende aber gar nicht so schlecht. Das Kulturministerium in Rom hat jetzt alle weiteren Bauten hier auf dem Hügel untersagt. Für mich heißt das, dass sie mir ganz sicher niemals das herrliche Panorama vor meiner Ferienwohnung verbauen werden".

Signora Grappi mag es

Er hat den Satz noch nicht beendet, da trifft Manuela Grappi ein. Die füllige, resolute Frau gehört zur Bauherrenfamilie, in ihren roten Badelatschen schlurft sie über die Baustelle, als spiele sie eine geldgierige Vettel, die ihren Reichtum gut zu verstecken weiß. "Total gelungen" findet Signora Grappi das Bauprojekt, sie zeigt auf die handgebrannten toskanischen Dachziegel, auf die Natursteinmauern und überreicht schließlich den aufwändig gestalteten Verkaufsprospekt für die "Häuser zum Verlieben": "Nur 340.000 Euro für eine Achtzig-Quadratmeter-Wohnung". Die Frau hat ein erkennbar gutes Gewissen. Den als Verkaufsbüro genutzten Baucontainer jedenfalls hat sie vollgehängt mit Großfotos von Monticchiello, von Weinhängen und malerischen Kastellen aus dem Orcia-Tal, als könnten ihre Baukräne dieser Idylle nichts anhaben.

Vielleicht ist es auch gar nicht so sehr diese Idylle, die durch die Neubauten in kopierten toskanischen Landhausstil in Gefahr gebracht wird. Antonio Cardinali bewirtschaftet unten im Tal einen Hof von 280 Hektar. In dem Drama von Monticchiello ist er wohl der etwas abseits stehende Chor, der das Geschehen kommentiert. Und der macht sich ganz andere Sorgen - nämlich um den sozialen Frieden im Dorf. "Das ist doch so", schimpft er, "als würde man direkt vor den Toren Roms ein zweites Rom bauen, mit noch einmal drei Millionen Einwohnern. Wir haben keinen einzigen Tabakladen in Monticchiello, kein einziges Lebensmittelgeschäft. Wie soll das gehen mit einem Haufen Zweitwohnungsbesitzern?"

Dann rechnet er ganz pragmatisch vor, dass die Müllabfuhr auch noch teurer werden wird, weil der alte Kleinlaster für die Abfuhr nicht mehr reichen wird. Asor Rosa? "Ein Freund von mir" - doch die Freundschaft habe Grenzen. "Wo waren diese Professoren und Lehrer, die jetzt hier ihr Sommerhaus haben, als wir vor fünfzig Jahren ohne Strom, ohne fließendes Wasser, ohne asphaltierte Straßen lebten, als ich noch 15 Kilometer zu Fuß zum Friseur marschieren musste? Es ist ziemlich bequem, hereinzuschneien und sich an den gedeckten Tisch zu setzen, wenn das Essen fertig ist."

Und was sagt er zum linken Bürgermeister, der das Bauprojekt genehmigt hat? "Auch er ein Freund von mir", sagt Cardinali, "aber er täte gut daran zurückzutreten." Dann redet der Bauer sich in Rage. Über die ungeklärten Quellen, aus denen die Gelder für das Bauprojekt geflossen seien, darüber, dass "die ganze Familie hier vor Ort, die in der Firma mit drinsteckt, zu Berlusconis Partei Forza Italia gehört. Da würde es mich gar nicht wundern, wenn der Nachname des Kofinanziers mit B beginnt".

Das Misstrauen bleibt

Von auswärts das Geld, von auswärts die Sommergäste um Asor Rosa, die jetzt die Protestfront anführen, von auswärts die Heerschar der zukünftigen Wohnungseigner im "Öko-Monster" - Antonio Cardinali fürchtet, dass im Drama von Monticchiello keiner mehr dem anderen trauen kann.

Ein Eindruck, der am Abend wiederkehrt, beim Aperitif vor der großen Premiere des Theaterstücks der Dorfbewohner. Außer dem Bürgermeister sind alle da, auch "il professore", Alberto Asor Rosa. Bei Wein und Spanferkel machen alle dicht, wenn sie nach den politischen Fronten in Monticchiello gefragt werden - vom jungen Chef des Bürger-Theater-Ensembles bis zur betagten früheren Bürgermeisterin und Darstellerin. Katharsis sei die Arbeit am Theaterstück gewesen, sagt schließlich der dicke "General". Auf der Bühne habe das Dorf zu einer gemeinsamen Sprache zurückgefunden, nicht ein einziges Mal habe es während der Erarbeitung des Stückes Krach gegeben zwischen Befürwortern und Gegnern des Bauprojektes.

Eine Stunde später dann macht eine in ein strenges, dunkles Kostüm gewandete Sängerin mit einem Song in Brecht-Weill-Stil den im Dorf gefundenen Kompromiss deutlich: "Noch schweigen diese Bürger / ihr Denken ist verschlossen in ihren Herzen / es ist ein Denken voller Schmerz." Die Zuschauer applaudieren.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de