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Rendezvous im Waschsalon

■ Auf Visite in einem 90-Grad-Tempel

„Was soll denn noch passieren? Wacht endlich auf!“ Agitation im Waschsalon. Schwarzgefilzter Edding auf rotem Grund.

Für „Flasche“ und „Dose“ hat die aufrüttelnde Parole keine Bedeutung. Überhaupt keine. Sie sitzen „uff de Banke“ und kippen - Bier aus der „Dose“ und Wacholder aus der „Flasche“. Warm ist es hier, allein fühlt man sich auch nicht, Zigaretten und Zigarren gibt es auf Schnorrertour: Was verlangt man mehr vom Leben. Diese Waschsalons sind eine sinnvolle Erfindung. Wirklich.

Die fünf Rentner dort würden auch mehr als nur ein Loblied auf diesen Treff singen. Angeregt unterhalten sie sich, tauschen Neuigkeiten aus und rümpfen die Nase über ihre Kolleginnen, die jetzt bei Bilka „billigfressen“. Nein, hier ist alles umsonst. Hier weißte, was de hast. Wärme, Wasserdampf, Laugengeruch und die Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen.

Vor den sich drehenden Trommeln der Waschmaschinen und Trockner etwa. Einfach darauf starren. Ihre gleichförmige Bewegung einsaugen und überhaupt den Singsang dieses 90-Grad -Tempels aufnehmen. Das gefällt selbst den jungen Leuten hier. Jaja, die Omas lächeln wissend. Det iss eben Kultur.

Selbstverständlich findet hier Kultur statt. Im besten Sinne sogar. Lesekultur. Der da vorne zum Beispiel sitzt über die Philosophie des Geldes gebeugt, sucht also Trost bei Georg Simmel. Und der, ganz in Leder, der gerade so trotzig die Schleuder bedient, blätterte eben noch begeistert im Handbuch politischer Theorien und Ideologien. Bildung findet eben auch im Waschsalon statt, ... direkt neben dem TT753, einem dieser Trockner, die fast nie funktionieren. Dämliche „Polettenschlucker“ sind das. Fressen dir das Geld aus der Hand: „Was soll denn noch passieren?“ Sehr richtig - man könnte zum Maschinenstürmer werden.

Die Tempel-Atmosphäre dieser Räume ist für „Dose“ zuviel. Er steht auf und wankt auf einen dieser akademisch aussehenden Wäscher zu, der seine Strickjacke ohne Wimpernzucken in die 90-Grad-Wäsche geben würde. Dem flüstert er etwas ins Ohr. Keine Reaktion. Oder doch: Distanz.

„Dose“ lacht sein „Har, har“, kehrt zu „Flasche“ zurück und macht sich dann gleich wieder auf den Weg zu „Strickjacke“, grinst den an, läßt ihm großzügig seine „spirituelle“ Ausdünstung zurück, kichert wieder Richtung Bank und schlägt Flasche „Patsch“ auf die Schulter. Ein paar Mal macht er das noch - mit Variationen sogar. Wiegt sich in den Hüften, ist ganz und gar der stone-washed Django vom Mehringdamm. Bei seinem letzten Auftritt gibt er der Luke einer Maschine einen gezielten Tritt und hinkt zu seinem Kumpel.

Pech, die Flasche ist inzwischen leer.

Detlef Berentzen

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