Reisebuch „Die sieben Farben der Nacht“: Befreiendes Lachen

Der Reiseführer „Die sieben Farben der Nacht“ führt durch Marokko, nah am Jazz und der Trance. Es ist eine Begegnung mit dem Unbekannten.

Eine alte Stadt mit Türmen am Meer.

Sehnsuchtsort des Autors: Essaouira, weiße Stadt am Meer Foto: Peter Schickert/imago

Èntîna almâni? Hast Du Glück!“, sagt der Taxifahrer, als er mit ­Andreas Kirchgässner Ouarzazate im südlichen Marokko verlässt. „Nur weil ich Deutscher bin, habe ich Glück?“ – „Weil du reisen kannst!“ Und glücklicherweise reist Kirchgässner nicht nur, sondern er schreibt seine Reiseerlebnisse auf. Beispielsweise seine spannenden literarischen Reportagen von Orten und Menschen in Marokko, die in seinem Buch „Die sieben Farben der Nacht“ veröffentlicht sind.

Die 14 Reportagen führen uns von der Atlantikküste bei Agadir nach Osten in Oasendörfer am Rande der Wüste, von da über die Berge in die Stadt der Städte: Marrakesch. Und dann endlich das Ziel seiner Reisen, der Sehnsuchtsort Essaouira.

Die Hälfte der Reportagen und fast zwei Drittel des Buches spielen in der weißen Stadt am Meer. Hier besucht er das traditionelle Musikfestival, feiert, diskutiert, verhandelt und trinkt mit Musikern und richtet letztlich selbst eine lila, eine Trancenacht mit Gnawa-Musik aus.

Sehr persönlich sind seine Geschichten, schmerzlich und peinlich manche, warmherzig und komisch andere. „Die Reise von der gewohnten in die fremde Welt öffnet uns Zugänge zu unserer eigenen Nachtseite“, resümiert der Autor. Kirchgässners Reiseführerin ist die Musik, und so lautet der Auftakt: „Marokko hätte nie eine solche Bedeutung für mich gewonnen, wäre ich nicht dieser Musik begegnet: Gnawa-Musik, so nah am Jazz, am Blues, zart, gebrochen, melancholisch und zugleich archaisch, dann wieder laut, rasselnd und wild.“

Aber nicht nur Ton und Klang faszinieren ihn und berühren sein Herz: „Gnawa ist zugleich Trance­musik, die in Marokko zu nächtlichen Heilungszeremonien gespielt wird. (…) In diesen Nächten werden die Mlouk aufgerufen, Geistwesen, Dämonen, Verführer, mit denen die ‚Patienten‘ der Gnawa sich gut stellen müssen.“

Andreas Kirchgässner: „Die sieben Farben der Nacht“. 2020, 172 Seiten, 24 Euro

Kirchgässner spürt der Musik und den Mlouk nach, erkundet deren Bedeutung im Alltag der Menschen und wird selbst so von der spirituellen Seite dieser westafrikanischen Kultur gepackt, dass er am Ende feststellt: „Auch wenn ich zu Anfang noch wenige Vorstellungen davon hatte, was die Mlouk wohl sein mögen, spürte ich doch deutlich, dass ich eine Reise in eine fremde Welt würde antreten müssen.“

Seine Beweggründe: „Wie nichts anderes auf der Welt bringt die Begegnung mit dem Fremden meine Gewohnheiten, mein Selbstbild, meine Strategien durcheinander. (…) Die Begegnung verschiebt meine Koordinaten, klärt meinen Blick und lässt mich mit einem befreienden Lachen zurück: nicht über die Fremden, sondern über mich selbst.“

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