Reichensteuer für Corona: Corona-Vermögensteuer bitte!

Dauerhaftes Homestaying nimmt sogar den richesten Rich People Sahne vom Kuchen.​ Andere verticken Zeug auf Ebay.

Berliner Skyline im Abendrot. Die Leuchtanzeige auf einem Haus fordert: "Stay at home".

Da kann man schon mal rot sehen: das coronabedingt verwaiste Areal an der Bonz-Arena Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Die Show-Off-Menschen am anderen Spreeufer, deren auf die Stadt herabblickender Wohnturm uns seit Wochen per LED-Band zur Disziplin ermahnte – #Stay at Home –, sind durch mit Corona. Sie lassen wieder wie eh und je die Worte „Living Levels“ rund um die Krone ihrer strahlend weißen Exklusivimmobilie laufen, den ganzen Abend, die ganze Nacht.

Der Projektentwickler, der seinen „Erwerbern“ auf der Website noch ein „gesundes, friedliches und ertragreiches Jahr“ wünscht, sieht nun offenbar doch die Bilanz gefährdet. Dauerhaftes Homestaying nimmt sogar den richesten Rich People einen Schlag Sahne vom Kuchen.

Der Regierende Müller übrigens nutzte die sagenhafte Kulisse, um von den Living Levels herunter seinen TV-Silvestergruß zu sprechen. Ich finde das unmoralisch, ist das Hochhaus doch ein Schlag ins Gesicht der im gültigen Bürgerentscheid „Spreeufer für alle“ im Jahr 2008 formulierten Minimalforderungen: Mindestabstand für Neubauten zum Ufer von 50 Metern, keine Hochhäuser über eine Traufhöhe von 22 Metern.

Ich würde diese tausend Plateaus der gelebten Nichtebenheit nur betreten, um die LED-Botschaft da oben zu hacken: Grundeinkommen jetzt! Corona-Vermögensteuer bitte! Veggie-Week in allen Schulkantinen! Parkplätze zu Urban Gardening! Europa together! Welt united! Ach, mir fiele noch mehr ein.

Auch uns reicht es mit der wochenlangen häuslichen Zermürbung. Wir wollen ein paar Tage am Stück im noch kurz vor Ende 2019 ergatterten Bungalow am Oberuckersee verbringen. Die Hütte ist noch nicht eingerichtet, wir wühlen uns durch Ebay-Kleinanzeigen. Finden alles, was wir brauchen. Bekommen innerstädtische Ausflugsziele und flüchtige Sozialkontakte frei Haus. Bei manchen Inserenten fürchtet man, dass sie aus purer Not ihre letzte Pfanne für fünf Euro verticken, viele misten im Homeoffice wohl einfach mal aus.

Die Matratze ist zu laut

In Neukölln verkauft ein erst vor Kurzem zusammengezogenes bilinguales Paar die noch fast neue Matratze. Sie sei „zu laut“. Was müssen die jungen Menschen dem Kaltschaum angetan haben! In einem Haus am Kotti stellt mir ein Familienvater, nachdem ich mit einem fürchterlich klapprigen Aufzug weit nach oben gefahren bin, Töpfe auf die Fußmatte, die er in eine, wie die Kinder finden, „sehr schöne“, türkisch beschriftete Plastiktüte gepackt hat.

In der Nicht-Gegend zwischen Anhalter Bahnhof und Potsdamer Platz händigt mir ein Student mit blonden Pudellocken und angedeutetem Moustache eine Bratpfanne, einen Fön und eine Teekanne aus – man habe Zeit zum Aufräumen, Uni ohne Präsenzpflicht sei schnell gemacht.

Weil ich zu faul bin zum Handeln, kriege ich noch zwei Flaschen Sterni obendrauf, was mich ewig jugendlich von meinen Tagen im AZ Wuppertal faseln lässt. Der Student will lieber wissen, woher ich meinen schicken Fjällräven-Rucksack habe, und ich empfehle Wildhood, den „Concept-Store mit den schönen Dingen fürs Draußen-Sein“, den zwei Kita-Bekannte betreiben.

Draußen in den Kiefern neben dem Hüttchen lärmen brütende Fischreiher. Die Nachbarin im Bungalow rechts, eine Norma-Kassiererin aus Prenzlau, schenkt den Kindern verspätete Osterhasen und erzählt ihnen, dass die Reiher tellergroße Kotfladen auf Autoscheiben fallen lassen. Die Nachbarin zwei weiter flieht seit sieben Wochen mit Tochter, Schwester und Enkelin die Hellersdorfer Enge und überlässt uns ein Elektroöfchen für die Nacht.

Am Abend zeigt der MDR „Die Legende von Paul und Paula“. Bei der rauschhaften Großgruppen-Hochzeitsszene in der Rummelsburger Bucht heule ich wie ein Schlosshund.

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