Regisseur Travis Mathews über Pornos: „Das ist fast schon Punk“

In gängigen schwulen Pornos gehe es immer nur um harten Sex, ärgert sich US-Regisseur Travis Mathews. Wo bleibt die authentisch-intime Darstellung?

Neben dem Sex ist auch Musik wichtig. Bild: Travis Mathews

taz: Herr Mathews, warum enthalten Ihre Filme explizite Sexszenen?

Travis Mathews: Sex ist ein wichtiger Bestandteil und legt dar, wie man sich selbst sieht und wie man mit Intimität umgeht. Das sagt viel über den Menschen und die Beziehung aus. Da sind also Story und Plot-Entwicklung drin, aber es ist auch für die Entstehung eines Charakters relevant. Meistens wird Sex in Filmen sehr süß dargestellt und nicht super sexuell. Oder es ist sehr hart und es mangelt an Gefühlen und Emotionen – ficken, ficken, ficken.

Was ist daran problematisch?

Der Filmemacher, 36, lebt in San Francisco. 2009 kam die Doku-Reihe „In Their Room“ über schwule Männer und ihr Sexleben heraus. Die Folgen Berlin und San Francisco liefen auf internationalen Festivals. 2010 erschien der Kurzfilm „I Want Your Love“. Ein deutscher Filmstart für Mathews ersten Spielfilm „I Want Your Love/Feature“ steht noch nicht fest. Momentan sammelt er Geld für „In Their Room/London“.

Mehr über die Kickstarter Aktion und über Travis Matthews.

"In Their Room" ist bei Edition Salzgeber erhätlich.

Ich erlebe Sex selbst nicht so und glaube, dass auch viele andere Menschen es nicht so erleben. Ich mag es, wenn man rummacht und man dann einfach eine Pause einlegt. Man hängt so rum, spricht oder auch nicht. Und dann hat man wieder Sex. Solche Szenen finden im Film zum Beispiel nicht statt.

Wie definieren Sie denn Pornografie?

Die primäre Absicht von Pornografie ist es, Menschen zum Orgasmus zu bekommen. Wenn ich meine Drehbücher schreibe, ist es aber das Letzte, woran ich denke, ob es jetzt heiß genug ist und jemand zum Orgasmus kommen kann. Das Ironische daran ist, dass manche Szenen erregen, weil sie halt roh und offenherzig sind.

Ihre Filme sprengen die gängigen Konvention von klassischen Pornos. Sie erzählen eine Geschichte und arbeiten nicht auf den Orgasmus hin.

Das sehe ich auch nicht so und ist nicht Sinn und Zweck meiner Arbeit.

Dennoch tragen Sie dieses Label des Pornoregisseurs mit sich.

Menschen mögen es, Dinge zu kategorisieren. Und dann finanziert noch eine Pornofirma meine Filme. Außerdem hört man schwule Männer in einer rauen und offenherzigen Art über Sex reden und sieht das auch noch.

Alles begann 2009 mit ihrer Doku-Serie "In Their Room". Sie haben Männer in ihre Schlafzimmer begleitet. Danach drehten Sie einen Kurzfilm, der auf Festivals und im Internet lief. Und nun haben Sie Ihren ersten Spielfilm abgedreht. Wie war der Entstehungsprozess?

Meine Produzenten wollten, bevor sie richtig viel Geld investieren, einen Kurzfilm sehen. Der Kurzfilm „I Want Your Love“ war dann erfolgreich, genug Menschen haben ihn gesehen und mochten ihn.

Was hat Sie als Regisseur und Schreiber an einen Spielfilm gereizt?

Es ist eine einfache Bühne, um mit Gegenüberstellungen zu spielen, mit den Dingen, die ich mag, die sweet, spielerisch und sexy sind – in Retrospektive vielleicht sogar eher bittersüß.

War es schon immer Ihre Idee, Filme mit pornografischen Elementen zu drehen?

Nein. Ich habe mich zehn Jahre lang mit dokumentarischen Arbeiten beschäftigt und war immer daran interessiert, etwas zu Gay-Männern und Intimität zu machen. Ein Thema, über das nicht viel gesprochen, geschweige denn dokumentiert wird. 2004 habe ich den Film „Do I Look Fat“ gedreht, der Body Image und Essstörungen behandelte. Das formte sehr meine späteren Arbeiten.

Was meinen Sie damit?

Es geht immer noch um Intimität, um diese offenherzigen Momente, wo Männer sich offenbaren und dadurch verletzlich sind. In meinen besten Tagen glaube ich, dass es eine heilende Qualität hat. Man sieht Darstellungen, die man reflektiert oder einfach ehrlich fühlt. „I Want Your Love“ und „In Their Room“ resultieren aus einer Frustration gegen den Zustand des „Gay Cinema“ und wie die Darstellungen darin nichts über mein Leben aussagt.

Können Sie das genauer beschreiben?

Wenn Minderheiten anfangen, Filme zu machen, dann reicht am Anfang nur die Darstellung dieser Gruppen. Es ging erst mal um Präsenz – darunter litten aber oft die Produktion und die Geschichte. In den letzten zwanzig Jahren hatte ich das Gefühl, dass es den Geschichten an Authentizität mangelt. Es gab Aids-Filme, Coming-out-Filme, und dann kam das neue Queer Cinema.

In der Geschichte der queeren Filmbewegung war es erst einmal relevant, in Filmen überhaupt repräsentiert zu werden.

Ja, aber es ist so beschützend und zeigt keine dreidimensionale Darstellung – stattdessen ein sehr behutsam gefertigtes Konstrukt. Wir sind aber an einem Punkt, und das schon seit geraumer Zeit, wo es wichtiger ist, uns als völlig entwickelte Menschen zu zeigen, die Fehler machen – wie alle anderen auch. Und diese Fehler sind wirklich interessant, wobei Fehler wahrscheinlich nicht das zutreffende Wort ist.

Sondern?

Wir sind Menschen, die Probleme und Ängste haben, und gleichzeitig auch sexuelle Wesen. Das queere Kino der letzten zwanzig Jahre war desexualisiert. Als ich „In Their Room“ drehte, wollte ich wirklich dokumentieren, wie das Leben dieser Männer ist, und stellte fest, dass Sex ein großer Teil ihres Lebens darstellt – und das zu ignorieren, fühlte sich falsch an. Es geht mehr darum, zu zeigen, wer die Menschen sind und wie ihr Leben in dieser bestimmten Station ist.

Für alle Männer in „In Their Room/San Francisco“ scheint Musik enorm wichtig zu sein.

Als ich anfing, in die Schlafzimmer der Jungs zu gehen, suchte ich nach einer Art rotem Faden. Alle hatten ein sicheres Gespür für Musik – und fast schon eine Obsession.

Tattoos und haarige Körper scheinen die verbindende ästhetische Gemeinsamkeit zu sein.

Das war kein Design. Ich filme oder caste keinen aufgrund dessen, wie heiß ich die Männer finde. Sie müssen interessant sein, Zugang zu ihrer inneren Welt haben und gewillt sein, das zu teilen. Es geht um Authentizität und Ehrlichkeit.

Herr Mathews, kommen wir zu etwas anderem. Sie werden von der Produktionsfirma NakedSword finanziert, die konventionelle Pornofilme dreht. Wie kam das?

Sie hatten „In Their Room“ gesehen und mochten es. Sie wollten etwas mit der gleichen Sensibilität und Gefühl haben. Ich hatte mit NakedSword viele Diskussion. Sie sagten mir, dass ich das, was ich mache, weniger pornografisch drehen sollte. Ich finde das eigentlich sehr cool, dass sie mir trotzdem die Chance gegeben haben und das Projekt gemeinsam mit mir machen wollten. Ich hoffe, dass der Spielfilm erfolgreich genug sein wird und andere Pornofirmen mehr darüber nachdenken, was Porno und Erotik sein kann.

Auf der Internetseite zeigt NakedSword auch Bareback-Szenen, also Sexszenen ohne Kondom. Haben Sie dieses heikle Thema im Vorfeld bedacht?

Eine Finanzierung auf diesem Niveau ist nie perfekt. Es gibt immer Dinge, mit denen man lernen muss umzugehen. Aber viel wichtiger: Ich wollte keinen Film mit Bareback-Szene machen. Und noch mal, ich hoffe, dass mein Film erfolgreich sein wird und Dinge in einer anderen Art verlagert. Das heißt nicht, dass die Pornofirmen keine Bareback-Szenen mehr drehen werden. Aber das kann mich nicht davon abhalten, einen Film zu drehen.

Eine weitere Kritik ist, dass, wenn man Liebesgeschichten erzählt – außerhalb der Diskriminierungs-, Coming-out- oder HIV-Dramatik–, das politische Moment völlig verloren geht. Sind aber nicht gerade diese Geschichten politisch?

Genau so ist es. Verpflichtet zu sein, eine historische Gay-Geschichte über Aktivismus, Aids oder Coming-out zu machen, ist sehr defensiv.

Die Diskussion wird seit langer Zeit geführt – und ist immer noch aktuell.

Für mich war es mit dem Spielfilm wichtig, dass die Menschen gay sind und dass das einfach so ist. Ihre Konflikte sind menschlich und bestehen aus Beziehungs- und Sexkonflikten. Sie führen aber nicht diese Kämpfe, weil sie gay sind.

Warum hält sich die Kritik so hartnäckig?

Es waren ja lange Zeit die einzigen Geschichten, die wir erzählen durften. Aber junge queere Menschen sollten in Beziehung zu den Geschichten stehen, denn sonst interessieren sich die Zuschauer einen Scheiß dafür. Ich finde es sehr wichtig, Geschichten zu erzählen. Und es ist egal, was man erzählen will, aber sie müssen reflektieren, wo wir gerade stehen.

Das scheint im Moment zu passieren. Es gibt eine neue Welle von queeren Filmen, die auf dieser Authentizität beruhen.

Bis jetzt waren ja immer Krisen, Aktivismus und Hypermaskulinität Themen. Sehr zarte Geschichten zwischen zwei Männern zu erzählen, das ist fast schon Punk.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de