Regensburgs Rettung: Donau, Dom und Wurschtkuchl

In den Siebzigern kämpften Regensburger Bürger für die Sanierung der Altstadt statt dem Modernisierungswahn. Und retteten das Welterbe. Ein kleiner Ausflug

Regensburg am Ende des Tages. Bild: webpsycho/pixelio.de

Ein bisschen Zeit sollte man sich schon nehmen, um das oberpfälzische Regensburg kennenzulernen. Mehr Zeit als die zahlreichen Kreuzfahrer, die bei ihrer Donaufahrt hier anlegen und von einem der 120 Stadtführer in großen Gruppen durch die Altstadt gelotst werden. Mehr Zeit auch als der japanische Besucher, der seinen Koffer am Bahnhof an einem Hinweisschild anschloss und sich dann zum Stadtbummel aufmachte. Mit dem Ergebnis, dass der Bahnhof evakuiert wurde und der öffentliche Verkehr für Stunden blockiert war.

"Donau, Dom und Wurschtkuchl" waren die bekannten Attraktionen, als Oberpfälzer Schülergruppen vom Land die bayrische Stadt an der Donau besuchten, erzählt Herbert Grabe. Er lebt seit den Siebzigerjahren hier und zeigt Reisegruppen auf seiner "Drei-Flüsse-Tour" auch seine Stadt an der Donau. "Damals in den Siebzigerjahren, als ich zum Studieren hierherkam, war die Stadt düster und grau", gesteht Grabe. "Und zu allem Überfluss wollte die Stadtverwaltung auch noch ohne Rücksicht auf Verluste Straßenschneisen durch die Altstadt schlagen."

Damit hätte man das verhindert, was heute das touristische Aushängeschild von Regensburg ist: Die Altstadt ist seit 2006 Weltkulturerbe. Und nicht zuletzt der Papst machte Werbung für die katholische Stadt an der Donau, als er sie 2006 besuchte.

Natürlich sprach er im gotischen Dom Sankt Peter, wo jeden Sonntagmorgen um 10 Uhr - außer in den Ferien - die Domspatzen mit heller Stimme den Gottesdienst begleiten. Und überhaupt macht sich so ein Dom gut in einer Stadt, vor allem wenn der Kalkstein dank aufwendiger Reinigung der Außenfassade so hell herausgeputzt ist wie in Regensburg. Die Steinmetzen im Schatten des Domes haben immer zu tun: dort einen alten Pfeiler ersetzen, hier eine alte, von Umwelteinflüssen angefressene Figur wieder neu in Form bringen. Die Dombauhütte hat zwölf Steinmetzen, die alle beim bayrischen Staat beschäftigt sind. Sie arbeiten ausschließlich mit Steinmetzwerkzeugen, die schon im Mittelalter verwendet wurden.

Historische Wurstküche. Bild: dpa

Der Dom ist dem dichten Altstadtkern ein repräsentatives Zentrum, und er gibt dem eiligen Besucher, der sich in den verbundenen Hofgängen der Altstadt zu verirren droht, Orientierung. "In den Innenhöfen lagerte noch in den Siebzigerjahren der Müll", erzählt Grabe beim Gang durch die Stadt. Bis engagierte Bürger mit einem Altstadtfest auf die schlummernden Schätze der Stadt aufmerksam machten.

Nach und nach wurden in der Folgezeit die gut erhaltene, vom Krieg kaum zerstörte Altstadtsubstanz der 2.000 Jahre alten Stadt mit ihren von Italien inspirierten sogenannten Patrizierburgen mit den ungewöhnlichen Geschlechtertürmen saniert. Heute bummelt es sich gut in den bunt getünchten Altstadtgassen mit Straßencafés, schicken Läden und trendigen Kneipen. Denn dank Auto -und IT-Industrie verdient man gut in und um Regensburg.

Sitzt man an einem der alten Bistrotische im Orphée in der Unteren Bachgasse mit den hölzernen alten Vitrinen, den Spiegeln und Jugenstilplakaten, dann bestellt man automatisch "Café au lait, sil vous plait". Mit diesem Bistro setzten Studenten der Sozialpädagogik während der Regensburger Aufbruchstimmung ebenjener Siebzigerjahre französisches Flair gegen deutschen Mief. Das dazugehörige Hotel Orphée gilt übrigens als die Topadresse in Regensburg. Es besteht aus drei Häusern, die über die Regensburger Altstadt verteilt sind. Das Interieur unter barocken Stuckdecken bilden zusammengesammelte Antiquitäten und Raritäten. Ein eisernes Himmelbett, alte Porzellanwaschschüsseln, Kronleuchter, barocke Gemälde. Die bunten Fliesen im großzügigen Bad stammen aus der Türkei, die Waschbecken mit Unterschränken aus einem Frisiersalon der Fünfzigerjahre. Ein liebevolles, spielerisches Stilpotpourri. Ein Gegenentwurf zur uninspirierten Retortenhotellerie.

Ein Gegenentwurf zu allzu bodenständiger bayrischer Küche ist auch das Restaurant Leerer Beutel. Ein Slow-Food-Restaurant mit regionalen Produkten. Der Wirt Winfried Freisleben führt auch den Jazzclub Regensburg im ausgebauten Getreidespeicher über dem Restaurant, eine Institution in Regensburg. Auch Freisleben kommt aus der Szene von Leuten "mit einem bestimmten Hintergrund", wie er sagt. Meist Studenten, die in den 70ern/80ern frischen Wind, aber vor allem neue Ideen ins bayrisch-konservative, katholische Regensburg brachten.

Pause in der Altstadt. Bild: montreon/pixelio.de

Diese Szene war es auch, die aktiv für die Altstadtsanierung kämpfte, gegen den damals verbreiteten Modernisierungswahn. Auch Winfried Freisleben hat Sozialkunde und Englisch studiert, bevor er Jazz und Slow Food in Regensburg kultivierte. "Irgendwann bekommt man dann Anerkennung, weil die Sturheit siegt", sagt er beim schmackhaften Abendessen mit geschmorter Rehkeule in Pflaumen-Portwein-Soße mit Reiberknödel und Salat.

Doch Regensburg musste sich immer schon öffnen. Weil die Donau vorbeifloss und neben Seide, Pelzen, feinem Tuch und vor allem Salz auch fremde Einflüsse hereinspülte. Die reichen Patrizier hatten Handelsbeziehungen nach Kiew im Osten und nach Venedig im Süden. Vom alten Rathaus aus machte Regensburg Geschichte: Nach dem Dreißigjährigen Krieg residierte hier der Immerwährende Reichstag. Gesandte aus ganz Europa entschieden hier am "grünen Tisch" über Europas Schicksal, manchmal verschoben sie Entscheidungen allerdings auf die "lange Bank". Diese Bank, auf der die Kurfürsten saßen, ist heute noch im Reichssaal zu sehen.

Das Hotel und Restaurant Orphée mit drei Häusern gehört zu den besten Adressen von Regensburg: Untere Bachgasse 8, 93047 Regensburg, Tel. (09 41) 5 96 02-0, Fax (09 41) 5 96 02-1 99, www.hotel-orphee.de

http://www.hotel-orphee.deDas Restaurant Leerer Beutel bietet lokale Spezialitäten in Slow-Food-Qualität. Seit 1988 wird das Restaurant von Winfried und Traudl Freisleben geführt. Bertoldstraße 9, 93047 Regensburg, Tel. (09 41) 56 33 75,Fax (09 41) 5 99 97 15, www.leerer-beutel.de

Der dazugehörige Jazzclub Regensburg e. V. ist ein gemeinnütziger Verein ohne Gewinnabsichten. Er pflegt die Jazzkultur und -tradition in Regensburg. Der Jazzclub arbeitet eng mit den anderen Institutionen im Haus (Städtische Galerie, Arbeitskreis Film) zusammen und versteht sich als Teil des Kulturzentrums Leerer Beutel. info@jazzclub-regensburg.de, www.regensburg.de

Herbert Grabe, der Veranstalter von Erde und Wind Reisen, bietet eine Reise in und um Regensburg an: 3 Flüsse, 4 Landschaften, 5 Gasthäuser. Wandern und Genießen in Ostbayern, Bayerwaldstr. 33, 93093 Donaustauf, Tel. (0 94 03) 96 92 54, Fax (0 94 03) 96 92 55, info@erdeundwind.de, www.erdeundwind.de

Touristeninformation Regensburg: Altes Rathaus, 93047 Regensburg, Tel. (09 41) 5 07 44 10, Fax (09 41) 5 07-44 18, tourismus@regensburg.de, www.regensburg.de

Gleich hinter der innerstädtischen Bausünde, dem Großkaufhaus im Siebzigerjahre-Einheitsstil, liegt der Neupfarrplatz. Hier stand einst die jüdische Synagoge. Der israelische Künstler Dani Karavan hat exakt an der Stelle der 1519 zerstörten mittelalterlichen Synagoge das Misrach-Denkmal errichtet: ein Bodenrelief aus weißen Granitblöcken, das den Grundriss und die Fundamente der Synagoge nachbildet. Heute ruhen sich Passanten auf den weißen Steinen vom Shoppen aus. Sie lesen Zeitung oder chillen im urbayrischen Slang.

Innere Einkehr bietet auch die kleine Kapelle Maria Läng in einer Seitenstraße des Doms. Ein Raum der Stille und der Bitten. Mit Reißzwecken sind die Bitten an ein Brett geheftet. "Liebe Maria, hilf mir bei meiner Ballettausbildung in New York". Vielleicht war die Kapelle auch Inspiration für die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Nach schrillen jungen Jahren mit Rock n Roll und Jetset hat Fürstin Gloria nun einen Marienkreis gegründet. Regensburg ist der Hauptsitz der Thurn und Taxis. Seit dem 18. Jahrhundert prägen die Erfinder des Postwesens die Stadt entscheidend. In ihrem Schlosshof im Café Gloria kann man verkitschtes, fürstliches Ambiente schnuppern.

Die besten Blick auf die Stadt hat man auf der anderen Seite der Donau, die man am geschichtsträchtigsten auf der Steinernen Brücke überquert. Diese gehört zu den bedeutendsten Brückenbauwerken des Mittelalters und war unter anderem Vorbild für die Prager Karlsbrücke. Kein Wunder, dass sich heute die Touristenmassen darüberwälzen. Die Steinerne Brücke mit dem Brückentor wurde 1135 bis 1146 gebaut. Im Schatten der Brücke soll für die Bauarbeiter die erste Imbissbude der Welt entstanden sein: die Wurschtkuchl. Die historische Wurstküche gibt es heute noch. "Sechs auf Kraut", lautet knapp die Bestellung. Die selbst gemachten Würstchen sind sehr zu empfehlen. Auf der anderen Seite der Stadt kann man durch das Fischerviertel in die Donauauen spazieren. Oder man bleibt gleich unter alten Bäumen im Spitalgarten bei einem eingestandenen Spitalbier sitzen. Das können dann auch schnell zwei werden.

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