Ramadan in der Türkei: Fastenbrechen mit dem Chef

Wenn er ruft, eilen alle herbei, auch Verleger und Chefredakteure. Wie Präsident Erdoğan das Fastenbrechen zum politischen Ringelpiez instrumentalisiert.

Iftar mit Promis hat Tradition, jetzt auch mit Journalisten.

Der Welt seine wichtigen Gedanken mitzuteilen, lässt der türkische Staatspräsident kaum eine Gelegenheit aus. Eine der hervorragenden Gelegenheiten dazu sind die alljährlichen offiziellen Fastenbrechen, also Iftar, im Ramadan. Wie jedes Jahr schubsen sich bekannte Stars und Sternchen gegenseitig zur Seite, um am Rande dieser Abendveranstaltungen die Hand des Staatspräsidenten drücken zu können.

Wie aggressiv sich die Stars darum bemühen, zusammen mit Erdoğan bei diesen Dinners in pompösen Räumlichkeiten abgelichtet zu werden, ist ein wichtiger Gradmesser für den aktuellen Stand der Anbiederung an die Staatsoberen. Wird hingegen die Einladung aus dem Präsidentenpalast nicht befolgt, so kann die Karriere eines Stars oder Sternchens sehr abrupt enden.

Kein gewöhnliches Abendessen

Am vergangenen Samstag folgten der Einladung zum Fastenbrechen die Journalisten des Landes. Unter normalen Umständen ist diese Berufsgruppe dafür zuständig, der Regierungspartei auf die Finger zu schauen und die Öffentlichkeit zu informieren.

In der ersten Reihe saßen Medienvertreter der Boulevardzeitungen ebenso wie ihre Kollegen aus der AKP-freundlichen Berichterstattung sowie Medienvertreter, die nach dem Putschversuch am 15. Juli 2016 nicht nur ihre Füße im Pool der regierungsnahen Mediengruppen nass machen, sondern inzwischen mittendrin im regierungsfreundlichen Becken der AKP-Medien mitschwimmen.

Rauchen, aber nur heimlich

Der Kolumnist der AKP-nahen Zeitung Sabah, Sinan Özedincik, schrieb anschließend, dass der Service „nach französischen Standards“ gewesen sei. Serviert wurden getrocknete, gefüllte Paprika und Auberginen in Olivenöl, Suppe nach Süleymaniye-Art, Paçanga Börek mit Pastrami, Grüner Salat mit Artischocken, Kalbfleisch Teriyaki Dessert mit Aprikosen und Tamarinden-Sherbet.

Zudem habe Erdoğan habe den Journalisten nahegelegt, sich Bart und Schnurrbart wachsen zu lassen. Die Aversion des Staatspräsidenten im Blick, hätten einige seiner Kollegen nur heimlich rauchen können.

Verträumte Medienpatrone

Der Patron der Doğan Mediengruppe, Aydın Doğan, verantwortlich für die Zeitungen Hürriyet und Posta (mit einer Auflagenstärke von jeweils mehr als 250.000) und der Inhaber der regierungsfreundlichen Mediengruppe Doğuş Grubu, Ferit Şahenk, verantwortlich für TV-Kanäle wie NTV und STAR TV, waren nur einige der hochrangigen Namen, die am großen Tisch dabei saßen.

Auch wenn die Gäste auf den Fotos mit Erdoğan zufrieden ausschauen, träumt sich jeder einzelne der Medienchefs wohl gedanklich woanders hin. Diese Einladung versteckte nämlich eigentlich eine Drohung. Denn in der Villa Huber in Istanbul sprach der Staatspräsident über den Journalismus.

Westliche Desinformationskampagne

Andernorts wird der Staatspräsident ja angesichts der weltweit höchsten Zahl an inhaftierten Journalisten als Gefängniswärter gesehen. Trotzdem kann der Staatspräsident zum Themenpunkt “wahrhafter und unparteiischer Journalismus“ viel sagen. Nein, das war nicht ironisch von Erdoğan gemeint. Er betonte, dass die sich im Gefängnis befindenden Journalist*innen nicht wegen der Ausübung ihres Berufs im Gefängnis säßen. Die Zahlen, die er frisch vom “Justiz“-Ministererhalten habe, sprächen für sich.

Nur zwei der im Gefängnis sitzenden Journalisten hätten den gelben Presseausweis. Einer dieser 177 Medienschaffenden sitze wegen Mordes, und die anderen wegen ihren Verbindungen zu Terrororganisationen. Dass die westliche Welt einer Desinformationskampagne aufgesessen sei, was die inhaftierten Journalist*innen betrifft, musste er noch anfügen. Die Gruppe der Medienvertreter fragt er anschließend, ob sie sich den Lügen der westlichen Medien oder den Unterlagen der heimischen Ministerien vertrauen würden. Einstimmiges Kopfnicken bei den Gästen.

Ein Fall für den Präsidenten

Dem Istanbuler CHP-Abgeordneten Aykut Erdoğdu zufolge ist die Einladung des Präsidenten eine Verwarnung in Bezuga auf die Berichterstattung über den sogenannten „Marsch der Gerechtigkeit“. Nach der Verurteilung (zu 25 Jahren Haft) von Enes Berberoğlu, CHP-Abgeordneter und ehemaliger Journalist, formierte sich ein Solidaritätsmarsch von Ankara nach Istanbul, der sich nicht ignorieren ließ.

So soll Erdoğan allen voran Aydın Doğan, dem Chef der Doğangruppe, befohlen haben den Marsch der Gerechtigkeit in keiner Weise zu covern und setzte darüber hinaus die Berichterstattung mit Terrorpropaganda gleich. „Erdoğan hat Angst, denn die Rufe nach Gerechtigkeit, die aus Anatolien hallen, erschüttern auch den Präsidentenpalast“, so Erdoğdu.

Solidaritätsmarsch sei Terrorpropaganda

Die regierungsnahen Medien hatten den Marsch der Gerechtigkeit von Anfang an diffamiert. Allerdings muss Erdoğan das Verhalten der sogenannten Poolmedien für nicht ausreichend erachtet haben, so dass er persönlich eingriff.

Für Erdoğan ist die von der CHP gestartete Aktion Terror: „Wo ist der Unterschied zwischen euch und den Putschisten vom 15. Juni? Die haben mit Waffen und Panzern angegriffen, ihr seid auf die Straße gegangen, marschiert tagsüber und ruht euch Abend in Karawane aus. Natürlich haben wir nicht den Luxus euch das zu gestatten.

Die Gnade der türkischen Regierung

Der Grund für die Legitimität eurer Aktion ist nur der Gnade unserer Regierung zu verdanken. Gerechtigkeit gibt es nicht auf den Straßen, sondern in Justizgebäuden. In diesen muss eure Kollaboration mit der FETÖ untersucht werden.

Jene, die die Justizanstalten attackieren, wenn ihnen das Urteil nicht gefällt, schaden diesem Land am meisten. Nicht die Straßen, sondern das Parlament ist der Ort, an dem politische Sprecher, die etwas mitzuteilen haben, auch sprechen sollten.“

Erdoğan instruiert die Chefredakteure und Medienchefs, über den Marsch der Gerechtigkeit der Oppositionspartei nicht zu berichten. Denn Erdoğan weiß besser als wir alle, wie Journalismus funktioniert.

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1990 in Istanbul geboren. Für die Zeitung Cumhuriyet arbeitete er als Reporter und Redakteur. Während eines Stipendienaufenthalts in der taz beschloss er, in Deutschland zu bleiben und das Projekt taz.gazete aufzubauen.

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