piwik no script img

Rahmenprogramm der Geno-Versammlung 2026 Hauptsache miteinander reden

„Demokratie. Getragen von Vielen“ war das Motto der Genossenschaftsversammlung 2026. Beim Rahmenprogramm ging es darum, Demokratiearbeit von unten zu fördern. Vor allem durch den Dialog untereinander.

taz Genossenschaft | Das Netzwerktreffen der feministaz findet in einer Sitzecke im Festsaal Kreuzberg statt. Durch den verglasten Bau fällt Tageslicht auf die Interessierten und Teilnehmenden der Sonderausgabe der wochentaz, die früher „frauentaz“ hieß und jährlich zum internationalen feministischen Kampftag am 8. März erscheint, dieses Jahr erstmalig unter dem neuen Namen. Und dem Titel „Unsere Waffe ist Solidarität“.

Besonders das Stichwort international hat die feministaz ernst genommen. Sechs Frauen aus Kolumbien, Pakistan, Kanada und Großbritannien, die Teil der diesjährigen Ausgabe waren, sind zur Geno-Versammlung angereist, um sich untereinander und mit Ge­nos­s*in­nen auszutauschen.

Eine dieser Frauen ist Ana Cristina González Vélez aus Kolumbien. Als Ärztin und Aktivistin setzt sie sich seit Jahren für reproduktive Rechte ein und arbeitet nun in Panama-Stadt bei UN Women. Seit 2022 ist in Kolumbien eine Abtreibung bis zur 24. Schwangerschaftswoche legal. „Der Erfolg hat damit zu tun, dass wir infrage stellten, warum Abtreibung kriminalisiert wurde“, sagt González Vélez. Sie habe es geschafft, die Art, wie über Abtreibung gedacht und gesprochen wird, zu ändern.

Netzwerk ohne Grenzen

Ute Jessel sitzt in einem Stuhl neben González Vélez. Die taz-Genossin hat in den 80ern selbst in der taz gearbeitet und ist heute selbstständige Journalistin. „Viele Flüchtlinge kamen von Argentinien zu uns, deshalb habe ich Spanisch gelernt“, erzählt sie.

Sie und González Vélez unterhalten sich teilweise auf Spanisch, meistens auf Englisch. Zum Beispiel über das Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“ des uruguayischen Autors Eduardo Galeano über die Kolonisierung des Kontinents. Nach dem Gespräch tauschen die beiden Frauen ihre Kontakte aus. Zum Abschluss sagt González Vélez eines der wenigen Wörter, die sie auf Deutsch kann: „Frauen“, in ihrer Muttersprache „Mujeres“.

Eine weitere der sechs Frauen ist Julie Grenier, 47 Jahre alt, aus Kanada. Sie lebt in Montréal und ist Generaldirektorin für das Fernsehen und den Radiosender Taqramiut Nipingat Incorporated (TNI), der nur in der indigenen Sprache Inuktitut ausstrahlt.

„In Nord-Québec gibt es 14 isolierte Communitys. Das Radio wurde vor 50 Jahren gegründet, um diese miteinander in Verbindung zu bringen“, erzählt sie. Organisiert und finanziell gefördert wird das feministaz-Netzwerktreffen von der taz panterstiftung.

Von Hausbesetzungen und Avocados

Auch beim Generationendialog lädt die taz zum Austausch ein. Hier sollen junge und alte taz-Genoss*innen ins Gespräch kommen. Andreas Ottmer, 63, ist mit Irit Sowada, 72, auf der Geno-Versammlung. Die beiden sind seit 13 Jahren ein Paar und sind am Morgen mit dem Zug von Osnabrück nach Berlin gereist. Als sie in einer Sitzecke sitzen, wissen sie noch gar nicht, was hier stattfindet.

Über Dennis Chiponda, der das Gespräch in zwei Runden moderiert, erfahren sie, dass ein Dialog zwischen den verschiedenen Generationen stattfinden soll. Und das tut er, aber wie! Auch gekommen sind Naja Weszlau und Konrad Stöcker, beide 23 und aus Potsdam. Stöcker befindet sich gerade im Masterstudium, Weszlau geht zur Schule.

Sie sind extra für den Generationendialog gekommen: „Die Frage, was Ältere mit Jüngeren anfangen können, ist interessant. Wir haben uns über Stammtische und Hausbesetzungen ausgetauscht“, erzählt Ottmer später, während er eine Avocado löffelt. Bei der ersten Gesprächsrunde nehmen um die sechs Leute teil, eine gute Größe, um in einen tiefen Austausch zu kommen, findet er.

Stöcker war schon vergangenes Jahr auf der Geno-Versammlung, aber es ist sein erstes Mal beim Generationendialog. Er habe über das Generationenprojekt eine kostenlose Mitgliedschaft in der Genossenschaft bekommen, erzählt er. „Kommerzfreier, linker Journalismus hält mich bei der taz.“

Dann geht es um die Frage, wie Medien junge Menschen erreichen. Stöcker regt an, der taz eine Beilage hinzuzufügen, die von einer Jugendredaktion stammt und Themen für junge Menschen abdeckt. „Der taz fehlt ein Whatsapp‑Channel. Alle öffentlich-rechtlichen Medien betreiben einen“, fügt Ute Jessel, 67, hinzu.

Auf's nächste Mal am taz Stammtisch

Ebenfalls den Diskurs untereinander anregen sollen die sogenannte taz Stammtische, die es seit Mai dieses Jahres gibt. Das sind bundesweite Stammtische, die von taz-Genoss*innen organisiert werden. Die taz Genossenschaft veröffentlicht die Termine unter anderem auf ihrer Webseite und verschickt Einladungen an Ge­nos­s*in­nen in der Umgebung.

Beim Stammtischtreffen auf der Geno-Versammlung sitzen erst mal vier Männer um eine Tafel und tauschen ihre Erfahrungen mit dem neuen Format aus. Einer von ihnen ist Rudolf Weis, 69 Jahre alt. Er organisiert einen Stammtisch in Reutlingen in einem alten Turm, der noch bewirtschaftet wird.

„Ich habe die mittlere Etage gemietet, muss nichts zahlen, aber konsumieren ist erwünscht“, sagt er. Die Männer wundern sich, dass keine Frauen da sind, und überlegen, dass es daran liegen könne, dass der Begriff „Stammtisch“ männlich geprägt sei. Weis schlägt vor, den Stammtisch in Meinungsaustausch umzubenennen.

Später gesellt sich doch Anne Ulrich, 65, dazu. Sie wohnt in Kaulsdorf, im Osten Berlins, wo ein Genosse zum Stammtisch geladen habe: in einer Kneipe am S‑Bahnhof. „Bei den Wahlen am Sonntag wird es dort bedauerlicherweise tendenziell blau markiert sein“, sagt sie. Ein Thema bei ihrem Stammtisch sei gewesen: „Wie reden wir mit unseren Kindern, die denken, die AfD wird sich schon entzaubern?“ Das Gespräch soll auf jeden Fall beim nächsten Mal fortgesetzt werden.

🐾 Mehr über die Genossenschaftsversammlung 2026 erfahren Sie hier.