■ Radiodays: Montag
Melancholisch klappe ich A.S. Byatts „Possession“ zu, diese mitreißende Verschränkung postmoderner und viktorianischer Wirklichkeit. Und ich frage mich: War damals denn wirklich alles schöner, sinnlicher? Die glitzernde Natur, gestärkte Spitzen, duftende Liebesbriefe und – selbst das Sterben? Auf Seide und Satin gebettet, haucht der glückliche Held seine Seele aus, derweil ihm die treue Gefährtin seine wächserne Hand hält... Unsere Zeit dagegen ist mit Phillippe Ariès die des „ausgebürgerten Todes“: Abgeschoben in sterile Wartehallen sterben wir einsam vor uns hin. Ob es die Möglichkeit eines angenehmen Ablebens überhaupt noch gibt, lotet S2-Kultur in Sterben oder Sterben lassen aus (8.30 Uhr).
Auch das schlechte Gedächtnis in puncto Historie zählt zu den Unarten der späten Moderne und schon 1952 schrieb Wolfgang Weyrauch dagegen an. Woher kennen wir uns bloß, stutzen der Jude und der einstige Gestapo- Mann, vis-à-vis an einer bundesdeutschen Ampel wartend. Dann rattert der Gedächtnisfilm und – die beiden reden. Ein Hörspiel. (WDR 5, 16.00 Uhr).
Im Dienste der Erinnerungslücken steht auch der Mythos von der „Stunde Null“. Stellvertretend für andere Kulturbereiche zeigt Wolfram Wessels am Hörspiel Traditionen und Brüche in der jungen Bundesrepublik auf: Nun senden sie wieder belauscht die Hörkunst der ersten fünf Nachkriegsjahre (BR 2, 20.05 Uhr).
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