■ Querspalte: Lenin - hübsch häßlich
Berlin ist prima, und seitdem in den letzten Tagen auch der Frühling vorbeikam, wird es immer besser. Merkt man überall; U-Bahnkontrolleure lassen Schwarzfahrer mit freundlichem Gruß laufen, Autofahrer lächeln verschmitzt, und die Leute machen komische Sachen. Die Berliner Zeitung, der man, seitdem eine Ex-FAZ-Combo da das Sagen hat, schon den einen oder anderen kuriosen Durchdiestadtflaniernachdenkgedanken zu verdanken hat, schrieb grad zum Beispiel was von „dem verwüsteten Hauptkampfplatz Berlin“, auf dem ständig „aktuelle Indianerbauten und historische Cowboyfestungen, Landschaftsreservate und Stadtkonserven“ einander abwechseln, und erinnerte zustimmend an Frühexpressionisten, die früher mal „die häßliche Schönheit der Jahrhundertwendemetropole“ besungen hatten.
Ins Lob gewachsener Häßlichkeit, die sich zudem in vielen Berliner Junggesellenwohnungen erhalten hat, stimmt auch die Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit ein. Nun sprach sie sich ganz entschieden gegen die vorgesehene „Verhübschung“ der Stadt aus. Nicht nur das: Gutgelaunt plädierte sie dafür, das vorwitzig abgerissene Lenindenkmal wieder aufzubauen. Bis 1993 imponierte der 15 Meter hohe Philosoph als schönstes Denkmal der DDR-Hauptstadt. Ganz aus hübschem rotem Marmor geformt, versammelte Lenin um sich wunderbar trostlose Bonzenhochhäuser, die seitdem wie hingestellt und nicht abgeholt herumstehn. Selbstbewußt hieß das 60er-Jahre-Ensemble Leninplatz und genoß Weltruf und Ansehen. Kleinlaut wurde es in Platz der Vereinten Nationen umbenannt und zum Gespött der Touristen. Die Steine des sozialistischen Politikers wurden in einer geheimen Sandgrube östlich von Berlin vergraben. Ein paar Meter vom Leninplatz wohnt übrigens Bommi Baumann, der inzwischen – nomen est omen – im Baugewerbe tätig ist. Am besten wäre es also, wenn das ehemalige Zentralratsmitglied der „umherschweifenden Haschrebellen“ den Lenin da wieder hinstellen würde. Detlef Kuhlbrodt
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