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■ QuerspalteDer Anglizismen-Indikator

Gerade habe ich eine Wette gewonnen, deren Ziel es war, die Bewunderer der deutschen Sprache zu demütigen. Es galt, zu beweisen, daß der Kioskmann im Prenzlauer Berg mich nicht verstehen würde, wenn ich zehn Pfennig hinlegen und ein Blasengummi fordern würde.

Nun ist Blasengummi ein unbestritten ekliges Wort, das klingt, als könnte das Ding statt am Gaumen genausogut an der wundgeriebenen Ferse kleben. Dagegen die englische Entsprechung, das Bubblegum: sämig-rosa Genuß verspricht sie, sanft wie Haferschleim, und ist auch kaugummikauend leicht auszusprechen. Deshalb werden Begriffe wie Blasengummi aus den Mündern gemobbt und durch englische ersetzt. Dafür wiederum hat das nordrhein-westfälische Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung jetzt ein Wort gefunden: den Anglizismen-Indikator. Je wichtiger etwas ist, sagen sie, desto englischer sein Name.

Das ist gut für Dinge, die sich nicht ohne Verlust der Ernsthaftigkeit auf deutsch sagen lassen. Hot Dogs zum Beispiel heißen zum Glück ihrer Verkäuferinnen nicht „Brötchen mit Majo, Gurken und Würstchen“ und Mouse Pads nicht Unterleggummis. Schlecht ist der Indikator dagegen für Sachen, deren Nutzwert die Deutschen nur deshalb verkennen, weil sie keine englischen Namen tragen. Die Forscher würden zum Beispiel gerne mehr Lasträder anschaffen. Das können sie aber nicht, weil Lasträder nicht Lorrybikes heißen und deshalb vom Volk nicht ernst genommen werden. „Lastrad“ klingt eben nach knarzenden Gepäckträgern, Lorrybike hingegen nach wuchtigen Speichen und geballter Trittkraft.

Gelernt haben die Forscher aus ihrer Erkenntnis nicht. Zum einen ist „Anglizismen-Indikator“ lateinisch und damit akzeptanztechnisch nicht sehr schlau. Zum zweiten verbreiten die Stadtentwickler ihre Erfindung sprachkonservativ in einem Monatsbericht, wo ein fact sheet angebracht gewesen wäre. Und so wird der Anglizismen-Indikator selbst seine Erfinder um die verdiente Publicity bringen. Judith Weber

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