Psychiatrie: Medikamente statt Menschen

Um die Versorgung psychisch Kranker sorgt sich eine Besuchskommission aus Politikern und Fachleuten. Die Gesundheitsbehörde sieht keinen Handlungsbedarf.

Pillen sind schnell ausgeteilt Bild: dpa

Kritik an der Situation der psychiatrischen Einrichtungen in Bremen übt eine Kommission aus Gesundheitspolitikern, Vertretern des Gesundheitsressorts, Fachärzten und Richtern. Sie sehen die "Gefahr, dass die psychiatrische Versorgung in Verwahrung kippt", heißt es in einem Bericht, der gestern der Gesundheitsdeputation vorgelegt wurde. Personalmangel gefährde Behandlungserfolge, statt "menschlicher Zuwendung" würden "vermehrt Medikamente gegeben".

Jugendliche, die in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum-Ost fixiert und dann unbeaufsichtigt gelassen werden. Begleitete Ausgänge, die wegen Personalmangel ausfallen. Betten, die in der Klinik Reinkenheide in Bremerhaven auf den Fluren stehen. Mängel wie diese hat die Kommission bei ihren Besuchen in den vergangenen zwei Jahren festgestellt. Die suchtpsychiatrische Aufnahmestation am Klinikum Ost wurde gleich mehrmals besucht - wegen vermehrter Beschwerden. Zeitweise habe man "in Frage gestellt, ob überhaupt noch von einer qualifizierten Entzugsbehandlung gesprochen werden kann". Ebenso wie die Frage, ob die Standards der so genannten Psychiatrie-Personalverordnung in den Einrichtungen erfüllt werden.

Die Sprecherin der öffentlichen Krankenhäuser, Melanie Walter, versichert, im Klinikum Ost würden Personal-Verordnungen eingehalten. "Probleme gab es bei der Besetzung", sagt sie. Krankheiten und Schwangerschaften hätten zu "Engpässen", vor allem in der Suchtpsychiatrie, geführt. Es sei jetzt mehr Personal eingestellt worden.

Über das Personal selbst äußert sich Kommissionsmitglied und Grünen-Politikerin Doris Hoch positiv: "Wir haben in allen Einrichtungen Menschen erlebt, die sich darum bemühen, dass sich die Patienten so wohl wie möglich fühlen können."

Die Überprüfung der Versorgung psychisch und suchtkranker Menschen ist nach dem "Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten" (PsychKG) Aufgabe der Kommission. Auch die stationäre Zwangsunterbringung und -behandlung psychisch Kranker sind in dem Gesetz geregelt, das im Juni ausläuft.

Verbände der Psychiatrie-Erfahrenen kritisieren die Situation in Bremens psychiatrischen Einrichtungen bereits seit längerem. Sie fordern eine Änderung des PsychKG, strengere gesetzliche Vorschriften zu Zwangsbehandlungen und -medikation. "Das kann lebenswichtig sein", sagt Detlef Tintelott, Sprecher des Landesverbandes Psychiatrie-Erfahrener. "Die Nebenwirkungen beispielsweise von Neuropleptika sind heftig, zudem gibt es die Gefahr von Überdosierungen und Langzeitfolgen."

Im Gesundheitsressort sieht man nach dem Bericht der Kommission keinen grundsätzlichen Handlungsbedarf. "Uns ist daran gelegen, dass Mängel sichtbar und ausgeräumt werden", sagt Sprecherin Petra Kodré. "Kritisierte Punkte wie Personalmängel müssen die Kliniken aber selbst beheben, das können wir nicht", sagt sie. Auch beim PsychKG gibt es aus Sicht der Behörde keinen Änderungsbedarf. Das Gesetz habe sich in der Praxis "bewährt".

"Alle Alarmglocken" schrillen angesichts des Berichts hingegen beim Bremer Rechtswissenschaftler Helmut Pollähne. Er verweist zudem auf die 2009 in Kraft getretene UN-Behindertenrechtskonvention, die jegliche Diskriminierung aufgrund einer Behinderung verbiete. Ein Großteil der in Psychiatrien untergebrachten stünden unter dem Schutz der Konvention. "Aber das muss sich wohl erst noch rumsprechen", meint Pollähne. Er lehnt eine pauschale Verlängerung des Bremer PsychKG ab: Der Kommissionsbericht und die Rechtsentwicklungen seien Anlass genug, "mit Mühe und Sorgfalt" über das Gesetz zu beraten.

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