: Pseudo-Razzia bei den Hells Angels
NOTRUF Ein Mitglied der Rockerbande beordert eine Hundertschaft Polizisten in sein Vereinsheim
Der Angeklagte ist bemüht, vor Gericht so wenig wie möglich zu sprechen. Trotzdem hört man, dass Ralf R.* eine jungenhafte, berlinernde Stimme hat – genau so eine, wie sie von den vier als Zeugen geladenen Kriminalbeamten beschrieben wird, genau so eine, die auf dem Mitschnitt des Notrufs zu hören ist.
Doch auf wie viele andere Stimmen treffen diese Eigenschaften auch zu? Und welches Motiv hatte das 45-jährige Mitglied der Hells Angels, mittels Notruf eine Hundertschaft Polizisten zu einer Durchsuchung im „Sahara“, dem Vereinsheim seines eigenen Rockerclubs, zu beordern? Der Richterin blieben zu viele Fragen offen, sie sprach R. frei vom Vorwurf, er habe missbräuchlich die Polizei angerufen.
Am Abend des 5. Juni 2014 hatte sich jemand unter dem Namen „Ringert“ bei der Polizei gemeldet, von einer Telefonzelle aus, wie sich später herausstellte. Er habe die Unterhaltung zweier Südländer mitbekommen. „Mann, die Bullen suchen mich wegen der Bombe“, habe der eine gesagt. „Die habe ich auf das Clubhaus der Bandidos geschmissen.“ Die beiden Südländer hätten gerade das Hells- Angels-Vereinsheim betreten, so der Anrufer. Einer der beiden trage ein schwarzes Poloshirt.
Fünf Minuten später traf eine Hundertschaft Polizisten in der Weddinger Gerichtsstraße ein und kontrollierte die Personalien der Anwesenden. Sie fanden weder einen Südländer mit schwarzem Poloshirt noch einen mit Haftbefehl Gesuchten.
Nach einer Stunde zog die Polizei wieder ab, die Akte über den Anruf wanderte zum LKA. Dort hatten Beamte bereits seit Monaten die Telekommunikation von Mitgliedern der Hells Angels ausgewertet, darunter auch die von Ralf R. Aber wieso sollte der so etwas tun?
„Vielleicht wollte er den Kronzeugen Kassra Z. unglaubwürdig machen“, mutmaßt der Kriminaloberkommissar. Dieser Kronzeuge hatte über dieTaten der Hells Angels ausgepackt, er identifizierte auch denjenigen, der die drei Sprengstoffanschläge auf das Vereinsheim der Bandidos verübt hatte.
Vielleicht basierte der Anruf von Ralf R. aber auch auf einem internen Streit der Hells Angels? Dieser Frage hätten die Beamten bei der Erstattung ihrer Strafanzeige genauer nachgehen müssen. Uta Eisenhardt
* Name geändert
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