Protest gegen die AfD

Ein Dorf wehrt sich

Im kleinen niedersächsischen Ort Schwagstorf demonstrierten Hunderte Menschen laut und friedlich gegen eine AfD-Veranstaltung.

Protest mit Dudelsack: Schwagstorfer gehen gegen die AfD und Beatrix von Storch auf die Straße Foto: Harff-Peter Schönherr

SCHWAGSTORF taz | Dorffeste hat es in Schwagstorf schon viele gegeben. Aber eins wie am Freitag noch nie: Bettlaken-Banner mit Botschaften wie „Hass ist krass, Liebe ist krasser!“ sind zwischen Bäume gespannt, an eine Hecke geknotet, in Bushaltehäuschen gehängt. Kids beschriften mit Malkreide die Straße: „Schwagstorf ist bunt!“

Bleche voller Liebesperlen-Kuchen werden rumgereicht, Luftballons schweben über den Köpfen, mittendrin marschiert Fabian auf und ab, zwischen Kirchplatz und Polizeisperre, mit seinem Dudelsack. „Nicht hinnehmbar, dass die da ihren Reichsparteitag abhalten!“, sagt er.

Mit „die“ meint Fabian die AfD. Im gemeindeeigenen Veranstaltungszentrum hat sie zu einem „Bürgerdialog“ eingeladen; Hauptrednerin ist die Vizechefin ihrer Bundestagsfraktion Beatrix von Storch. Die AfD hat knapp 60 Anhänger mobilisiert. Die Dorf­ge­meinschaft 600, sagt die Polizei; viele der Anwesenden schätzen: 1.000, wenn nicht mehr.

Der Verlierer des Abends, neben der AfD, ist Rainer Ellermann (CDU), der Bürgermeister der niedersächsischen Gemeinde Ostercappeln, zu der Schwagstorf gehört. Er ist kein Freund der AfD, und als er ans Mikro tritt, um zu erklären, warum er ihr trotzdem die Gemeindehalle vermietet hat, klingt er kraftlos. Ob er noch immer glaubt, dass es die Demo, die sich vor ihm formiert, ohne ihn nicht gäbe?

Einheimische sind da, vom Kleinkind bis zum Rentner. Städter sind da, viele in schwarz gekleidet, viele mit roten Fahnen. Land und Stadt haben sich solidarisiert, ohne Ellermann.

Plakate, Fahnen und Protest

Neben der Kirche steht ein „Kein Bock auf Nazis“-Stand. Antifa-Fahnen werden entrollt, das „bunt und solidarisch“-Banner von Ver.di spannt sich über die Straße, zwei junge Frauen halten ein Doppelplakat hoch: „Aus Protest AfD zu wählen, weil die aktuelle Politik nicht gefällt, ist wie im Club aus der Toilette zu trinken, weil das Bier nicht schmeckt.“ Alle sind sie da, vom Sportverein bis zu den Omas gegen Rechts. Die Linke hat einen Wald Parteifahnen dabei, der Deutsche Gewerkschaftsbund ein Megaphon.

Auch Filiz Polat, Bundestagsabgeordnete der Grünen, steht auf dem Kirchplatz. „Ich stehe ja für all das, was die AfD abschaffen will“, sagt sie. „Und ich freue mich, dass sich die Zivilgesellschaft hier so breit aufstellt, so sichtbar macht.“ Ob das der AfD zu viel Aufmerksamkeit gibt? „Menschen, die unter Angriffen der Rechten leiden, müssen sehen, dass sie nicht allein sind!“

Fikret Dokumaci, der Inhaber des Döner-Imbiss „Figos“, ein paar Schritte die Straße runter, hat noch keine Angriffe erlebt. Er sagt: „Ich habe mich hier immer zuhause gefühlt.“

Löffel auf Töpfe hämmern

Die Demo zieht Richtung AfD-„Dialog“. Regenbogenfahnen werden geschwenkt. Trillerpfeifen schrillen. Sig­naltröten, Trommeln, Klatschpappen ertönen. Familien hämmern Löffel auf Töpfe. Die Kirchengemeinde rollt eine riesige Glocke nach vorn, lässt sie dröhnen. „Nazis raus!“-Sprechchöre branden auf, die „Internationale“ ist zu hören.

Der Schwagstorfer Landwirt Henning Aumund, der zum ersten Mal eine solche Demo mitorganisiert, schwenkt eine Kuhglocke. Chris, auch er von hier und Mitorganisator, sagt: „Es ist wichtig, dass Proteste von Bürgern ausgehen, nicht vom Bürgermeister, der die Sache, gegen die der Protest sich richtet, viel zu spät an die Öffentlichkeit gegeben hat!“

Kein Rückzu, sondern neue Demo

Die Polizei, mit drei Hundertschaften im Einsatz, ist entspannt. „Chaoten“ kommen keine. Ellermann hatte vor ihnen gewarnt – und nicht die AfD gemeint. Als er die Demonstrierenden zum Rückzug auffordert, melden die spontan eine neue Demo an und bleiben. Von jetzt an ist es endgültig ein Fest der Bürger.

Nur ihr 50-Mann-Außenkommando am anderen Ende des Orts ist unglücklich: Von Storchs Wagen kam durch, trotz Blockade.

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