Projekt gegen Genitalverstümmelung: Helfen auf Augenhöhe

Es gibt viel zu wenig Anlaufstellen im Kampf gegen weibliche Genitalbeschneidung. Rheinland-Pfalz will Betroffene nun besser schützen.

Anne Spiegel Portrait

Frauenministerium Rheinland-Pfalz: Grünen-Spitzenkandidatin Anne Spiegel initiierte das Projekt Foto: Thomas Frey/imago

BERLIN taz | Da ist die Frau, die immer wieder Entzündungen im Unterleib hat. Außer Antibiotika, die bald nicht mehr wirken, bekommt sie von ihrer Gynäkologin keine Behandlung. Die Entzündungen kommen wieder. Bis sie auf Nurhayat Canpolat vom psychosozialen Zentrum für Flucht und Trauma der Mainzer Caritas trifft.

„Ich habe nachgefragt, ob es vielleicht damit zu tun hat, dass sie zugenäht ist“, sagt Canpolat. Die Klientin bejaht. Canpolat empfiehlt der Frau eine spezialisierte Stelle der Uniklinik. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Deutschland wird dort die richtige Diagnose gestellt – und wirklich geholfen.

Wie Canpolats Klientin geht es vielen beschnittenen Frauen hierzulande. Die Bundesregierung geht davon aus, dass schätzungsweise etwa 67.000 Frauen in Deutschland von weiblicher Genitalverstümmelung oder FGM (englisch: Female Genital Mutilation) betroffen sind.

Zwischen 2.785 und 14.752 Mädchen sollen bedroht sein – im Vergleich zum Jahr 2017 bedeutet das einen Anstieg um bis zu 160 Prozent, der vor allem auf die verstärkte Migration aus Ländern wie Somalia, Eritrea, oder dem Irak zurückzuführen ist.

Mit Communities arbeiten

Tod durch Verbluten, Infektionen, Geburtskomplikationen, Schmerzen beim Sex und Traumata gehören zu den möglichen Folgen der schweren Körperverletzung. Doch noch immer wissen Ärzt*innen, Er­zie­he­r*in­nen und Lehrkräfte viel zu wenig über FGM.

In Rheinland-Pfalz hat sich das Frauenministerium nun mit einem Modellprojekt des Themas angenommen. Das psychosoziale Zentrum für Flucht und Trauma des Caritasverbands Mainz e.V., bei dem auch Canpolat arbeitet, ist dessen Träger. Das Ziel des von Grünen-Spitzenkandidatin Anne Spiegel initiierten Projekts: Betroffene zu unterstützen und gefährdete Mädchen zu schützen.

Als erstes geht es jedoch darum, sich einen Überblick zu verschaffen, wer überhaupt zu dem Thema arbeitet. Nach einer Bestandsaufnahme will die Caritas die involvierten Ak­teu­r*in­nen in Regionalgruppen vernetzen. Anschließend sind Fortbildungen für Lehrer*innen, Erzieher*innen, aber auch Ärz­t*in­nen und Beschäftigte in der Jugendhilfe geplant.

„Wir wollen nicht gegen die Communities arbeiten, sondern das Projekt mit ihnen gemeinsam gestalten“, sagt Frauenministerin Spiegel. Projektleiterin Canpolat stellt deswegen gerade Kontakt zu Vereinen her, in denen Mi­gran­t*in­nen aus Ländern organisiert sind, wo FGM praktiziert wird.

Auf Bundesebene hapert es

„In Fortbildungen möchten wir außerdem die Fachkräfte dafür sensibilisieren, dass Aussagen auch dann rassistisch sein können, wenn sie nicht so gemeint waren“, sagt Canpolat. „Wenn man zum Beispiel zu einer Frau sagt,,Was hat man denn mit Ihnen gemacht?’, führt das nicht gerade dazu, dass sie sich auf Augenhöhe behandelt fühlt“.

Neben Rheinland-Pfalz sind einige andere Bundesländer aktiv – sie haben Runde Tische ins Leben gerufen, in Berlin gibt es eine Koordinierungsstelle, in Hessen seit mehreren Jahren Modellprojekte. „Aber auf Bundesebene passiert nicht genug“, kritisiert Grünen-Politikerin Spiegel.

Zuletzt hatte Frauenministerin Franziska Giffey (SPD) einen Schutzbrief vorgestellt, der über die Strafbarkeit der Praxis auch bei ihrer Durchführung im Ausland informiert und somit Mädchen mit deutscher Staatsagehörigkeit, Wohnsitz oder Lebensmittelpunkt in Deutschland schützen soll.

„Mein Eindruck ist, dass hier vorwiegend Symbolpolitik gemacht wird“, so Spiegel. Viele Ansätze wie eine Beratungsstellenstruktur, mit der man wirklich weiterkäme, würden außer Acht gelassen.

„Chefinnensache“

Dabei ließe sich durch mehr Beratungsstellen und Fortbildungsmöglichkeiten viel erreichen. „Die größte Hürde im Kampf gegen weibliche Genitalbeschneidung ist die fehlende Kenntnis des Themas“, das weiß Jawahir Cumar vom Düsseldorfer Verein stop mutilation e.V. nur allzu gut.

Denn es gibt Anzeichen dafür, dass ein Mädchen bedroht ist: Zum Beispiel, wenn ein Kind im Kindergarten von einem geplanten Besuch im Herkunftsland erzählt, bei dem ein Ritual gefeiert werden soll. Viel zu oft können Erzieher*innen, Ärz­t*in­nen und Lehrkräfte die Indizien jedoch nicht deuten, oder haben Angst, die Familien zu konfrontieren – und tun nichts.

Cumar und ihr Team klären auf, ermutigen, das Thema anzusprechen. „Häufig wollen die Eltern gar nicht, dass ihre Tochter beschnitten wird, aber die Familie übt Druck aus“, berichtet Cumar, die selbst aus Somalia kommt.

Dann ist es wichtig, die Eltern beim Schutz ihrer Töchter zu unterstützen – durch einen Anruf bei den Großeltern im Herkunftsland oder die Vernetzung von Familien. „Diese Mütter und Väter brauchen auch, dass man ihnen sagt:,Ich habe es geschafft, meine Tochter zu schützen, und du wirst das auch schaffen’“, so Cumar.

Das Modellprojekt in Rheinland-Pfalz ist zunächst für ein Jahr ausgelegt und mit 50.000 Euro ausgestattet. „Aber da muss natürlich mehr passieren“, das weiß auch Spiegel. Ziel sei es, das Projekt zu verstetigen und auszuweiten. Bei den nächsten Koalitionsverhandlungen will die Spitzenkandidatin der rheinland-pfälzischen Grünen das Thema „zur Chefinnensache machen“.

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