Proficellist im Klassenzimmer: Weltstar mit Schwielen

Leonard Elschenbroich ist ein Musik-Botschafter, der in einem schlichten Bremer Schulzimmer fast noch mehr Wirkung entfaltet als vom großen Konzert-Podium herab.

"Richtige Drähte": Leonard Elschenbroich zeigt seine Hornhaut-Schwielen. Bild: Henning Bleyl

Vor der Mathe-Pinnwand liegt ein aufgeschlagener Cellokasten, darüber steht auf einem Stück Papier: „Das sind die Grundformen der Geometrie.“ Welten treffen sich, das ist der Sinn der Veranstaltung in der Bremer Bürgermeister-Smidt-Schule. Eine Celloform ist geometrisch kaum zu beschreiben. Und ein Spitzen-Cellist wie Leonard Elschenbroich nur selten in Grundschulen anzutreffen.

Nun aber sitzt er mit 21 Kindern im Stuhlkreis, hinter ihm auf der Tafel steht der Tagesplan: „8.20 Uhr Werwolfspiel, 9.30 Herr Elschenbroich/Cello“. Der gedankliche Übergang vom Werwolf zum Weltstar aus Fleisch und Blut klappt reibungslos: „Was verdient man als Cellist?“, fragt ein Drittklässler, „Haben Sie ein Idol?“, kommt gleich hinterher. Elschenbroich, Lockenkopf, roter Pullover, der mit seinen 28 Jahren für manche schon selbst ein Idol, antwortet lässig: „Nee, man will ja man selber sein.“

Wie lange übt er pro Tag? „Sechs Stunden.“ Nein, der Arm sei danach nicht müde. Eher der Kopf, fügt Elschenbroich hinzu, „meine Arme kennen das ja schon“. Das gilt ganz offensichtlich auch für die Fingerkuppen: An der linken Hand hat Elschenbroich beeindruckende Hornhaut-Schwielen. „Eigentlich sind die Saiten, auf denen ich herum rutschen muss, richtige Drähte“, sagt er sachlich. Länger seien die Finger der linken Hand im Übrigen auch: vom dauernden Strecken. Und dann sei da noch die höher stehende linke Schulter, Folge der asymmetrischen Körperhaltung: „Ich bin ja auch nicht so auf die Welt gekommen.“ Wahrlich keiner, der sein Künstlerleben beschönigt.

„Das sind Pferdehaare“

Die Kinder mögen seine Unvermitteltheit – und trauen sich jetzt, auch unvorbereitete Fragen zu stellen: „Was ist denn das Fell da?“ – „Das sind Pferdehaare“, sagt Elschenbroich und zeigt den Aufbau seines Bogens. „Wir spielen meistens alte Musik“, erklärt er dann. Wobei „alt“ nicht wie in der Popmusik bedeute, älter als zwei Jahre – „sondern richtig alt“. „Für uns ist alles neu, was vor weniger als 50 Jahren entstand“, erklärt er den verwundert guckenden Schülern – deren Eltern demnach überwiegend als „neu auf der Welt“ zu bezeichnen wären.

Dann spielt er den Kindern etwas vor, das richtig neu ist, erst einen Tag alt: Das am Vorabend in der „Glocke“ uraufgeführte „a riveder le stelle“, ein Auftragswerk von Suzanne Farrin für die Bremer Philharmonische Gesellschaft. Und das fasziniert die Kinder noch deutlich stärker als etwa die Bach-Sarabande, die Elschenbroich als Einstieg spielte. Das Zuhören wird durch die Unerwartbarkeit der Klänge unmittelbar herausgefordert: Ein Schaben und Kratzen, ein inbrünstiges Schrabben, gepaart mit fistelhohen Falsett-Tönen. Farrin hat einen Vers aus Dantes „Inferno“ auskomponiert, bei dem der sterbende Jesus ein Licht in die Hölle wirft. Erdbeben inklusive: „Und dann sahen wir wieder die Sterne“.

Kein Sujet für Dritt- und Viertklässler, könnte man meinen. Doch Konzentration als Voraussetzung für Faszination entsteht hier ganz von alleine. Sogar die Atemgeräusche des Akkordeons, das hier im Klassenzimmer nicht mit von der Partie ist, entlockt Elschenbroich dem Cello. Wenn Neue Musik ein Publikum sucht, muss sie zu den Kindern gehen. Nur tut sie das noch seltener als die „Klassik-Klassik“.

Am Vorabend, in der Bremer „Glocke“, hatte Elschenbroich auch Gelegenheit zum Fragen gegeben. Da standen sie zu dritt auf der Bühne des Konzerthauses, der Cellist, die Akkordeonistin und die Komponistin – und kein Mensch meldete sich. „Will wirklich niemand etwas wissen?“ – unverrichteter Dinge traten die drei von der Bühne ab. Zurück blieb ein in Ehren ergrautes, offenbar nicht allzu wissbegieriges Publikum.

„Wenn man will, dass es in Zukunft noch Zuhörer gibt, muss man jetzt etwas tun“, sagt der junge Cellist. Vor sieben Jahren, noch eher unbekannt, saß er mit seinem Instrument zum ersten Mal vor einer Klasse. Seither tut er das regelmäßig. „Ein Orchester ist ja eher ein abstrakter Apparat“, sagt Elschenbroich. Wenn man als einzelner Musiker in die Schule komme, sei die Kontaktaufnahme leicht.

„Keine Scheu mehr“

Die Bremer Grundschüler dürfen jetzt sogar selber spielen, auf Elschenbroichs Instrument. Es ist zwar nicht das berühmte „Ex Leonard Rose“, das Matteo Goffriller 1693 in Venedig baute, auf dem Elschenbroich seit einiger Zeit konzertiert – aber doch ein kostbares Zweitinstrument, das Lukas mit begeistertem Gesicht zwischen die Knie nimmt. Elschenbroich hilft ein bisschen beim Streichen – und Lukas’ Augen leuchten auf. So geht das die Reihe durch: Alle, die wollen, dürfen sich am Cello ausprobieren. Elschenbroich ist ein wirklich geduldiger Mensch.

„Wenn Kinder so ein Instrument und diese Art Musik einmal kennengelernt haben“, sagt er hinterher, „haben sie keine Scheu mehr.“ Aber auch keine falschen Vorstellungen: Lukas reibt sich noch immer die schmerzenden Fingerkuppen. „Jetzt weißt du, wovon ich die Hornhaut habe“, sagt Elschenbroich. Lukas lacht.

Auch im Londoner Osten – Elschenbroich ist derzeit „Artist in Residence“ der Bremer Philharmonischen Gesellschaft, aber auch Fellow an der Royal Academy of Music – engagiert er sich in einem Schulprojekt. Etliche KollegInnen hat er bereits dafür begeistert. Es bleibe aber ein komisches Gefühl: „20 Kinder hat man erreicht, aber 1.000 andere eben nicht.“

Die Stunde ist zu Ende, die nächste Klasse wartet auf Elschenbroich, aber jetzt ist erstmal kurz Pause. Ein Neunjähriger bietet ihm zutraulich eine Traube aus der Frühstücksdose an. Kontaktaufnahme geglückt.

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