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Problemfall GenZ-Sprache Ein bisschen Liebe oder so

Warum druckst meine Generation eventuell fast nur noch irgendwie in relativierenden Füllworten herum?

Küssen wir jetzt wirklich oder nur ein bisschen? Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

taz FUTURZWEI | „Also, ich würde sagen, ich bin schon fast irgendwie ein bisschen verliebt“, sagt meine Freundin Sophie abschließend, nachdem sie mir fast zwei Stunden ununterbrochen von ihrem neuen Lover erzählt hat. Ich freue mich für sie. Schließlich scheint zwischen den beiden wirklich alles zu passen.

Aber etwas stört mich doch. Sophies Gesichtausdruck ist zu glücklich, sodass mir ihr Fazit fahl, geradezu bescheiden erscheint. Warum eigentlich nur „fast“ und „irgendwie“ und „ein bisschen“? Ist man nicht ganz oder gar nicht verliebt? Hat man bei fast-ein-bisschen-Verliebtheit nur die Hälfte an Schmetterlinge im Bauch, die man sonst hätte? Wie bemisst man das?

Das alles will ich sie fragen, aber da redet sie schon weiter. Diesmal über ihren Ex, der sie nämlich „ein bisschen verletzt“ habe damals und sie sich deswegen gerade nur schwer auf jemand neues einlassen könne, obwohl sie doch schon möchte. Und ich muss daran denken, wie die „ein bisschen verletzte“ Sophie damals tränenüberströmt bei mir angekommen war und mir das schon ein bisschen mehr vorkam als ein bisschen verletzt.

Der Typ war einfach ein Arschloch. Und nicht „halt ein bisschen schwierig“, wie Sophie das gerade beschreibt.

Kolumne STIMME MEINER GENERATION

Ruth Fuentes und Aron Boks schreiben die taz FUTURZWEI-Kolumne „Stimme meiner Generation“.

Fuentes, 30, wurde 1995 in Kaiserslautern geboren und war bis Januar 2023 taz Panter Volontärin.

Boks, 28, wurde 1997 in Wernigerode geboren und lebt als Slam Poet und Schriftsteller in Berlin.

Warum regt mich das so auf?

Okay, beruhige dich, sage ich mir. Sophie erzählt mir einfach nur ganz normal aus ihrem Leben, warum regt mich das innerlich so auf? Im Grunde verstehe ich ja genau, was sie mir mitteilen möchte, und dieses relativierende „ein bisschen“ und so, das sie da immer wieder einschiebt, könnte mir deshalb ziemlich egal sein, oder?

Ist es mir aber nicht. Es stört mich. Ich will ihr entgegenschreien, dass sie jetzt doch klar sagen soll, ob sie nun verliebt ist oder nicht! Was dieses Herumgedruckse soll. Aber vor allem stört es mich, weil diese relativierende Art zu sprechen keine Marotte von ihr persönlich ist, sondern sie mir seit Neustem bei fast allen meinen Freund:innen auffällt.

Und bei fast jedem Podcast und jeder Radiosendung, die ich höre. Und – ganz schlimm – sogar bei mir selbst! Selbst wenn ich ganz und gar eine bestimmte Meinung vertrete oder ein Gefühl wirklich fühle, ertappe ich mich dabei, wie ich es sage: „vielleicht irgendwie ein bisschen“.

Was ist nur los?

Arsen ist ein paar Jahrzehnte älter als ich, und hätte er mir das nicht neulich im Streit an den Kopf geworfen, wäre mir das Ganze nicht einmal aufgefallen. „Steh doch mal zu dem, was du denkst und fühlst!“, hatte er gesagt, als ich tatsächlich zu ihm meinte, dass mich sein Verhalten „eventuell ein bisschen gestört“ hätte.

"Ihr könnt euch einfach nicht festlegen"

„Hat’s dich jetzt gestört oder nicht?“, hatte er genervt geschrien. Um dann hinzuzufügen: „Ihr seid doch alle gleich in deiner Generation, könnt euch einfach nicht festlegen.“ Was dann zu einem neuen Streit geführt hatte, in dem ich versuchte, den Sprachgebrauch meiner ganzen Generation zu verteidigen, mir dann aber irgendwann irgendwie albern dabei vorkam und uns auffiel, dass wir immerhin den ursprünglichen Streitgrund vergessen hatten.

Die nächsten Wochen war es mir dann mehr und mehr aufgefallen, dass Arsen gar nicht so Unrecht hatte. Die Menschen um mich herum fanden plötzlich alles „ein bisschen schwierig“, aber immer auch „ein bisschen spannend“. Und ich fing an, mich zu fragen: Warum sprechen wir so? Warum spreche ich so?

Eigentlich war ich doch früher immer diejenige gewesen, der in Diskussionen vorgeworfen wurde, zu hart zu werten, zu schnell zu urteilen. Und tatsächlich hatte ich das auch genossen. Hatte davon geträumt, mal in einer Talkshow wie Nick Pallat aus Ablehnung mit einer Axt auf den Tisch einzuschlagen. Und fand es geil, mir anzuschauen, wie jemand wie Rainald Goetz, um zu provozieren, sich während einer Lesung die Stirn mit einer Rasierklinge aufschnitt.

Aber dann hatte sich das „ein bisschen“ und das „irgendwie“ in meinen Sprachgebrauch eingeschlichen, die Relativierung, der Konjunktiv. Sie wurden immer mehr und fühlten sich warm und cozy an. Lieber zu viel Provokation vermeiden, und damit auch Konflikte?

Anplaudern gegen Kritik

Der Kunsthistoriker Wolfgang Kemp hat vor Kurzem das Buch "Irgendwie so total spannend" über dieses Sprachphänomen veröffentlicht. Er sagt, wir hätten tatsächlich Angst uns festzulegen (also eher meine Generation, wobei mir bei meiner wochenlangen Beobachtung aufgefallen ist, dass es langsam zur generationenübergreifenden Angelegenheit wird). Weil wir Angst vor Kritik haben.

Lieber reden wir in einem lockeren Plauderton, der ungezwungen wirkt, aber hauptsächlich zur Ungenauigkeit tendiert. Er spricht von „verbale Weichmachern“, also unnötige Füllwörter wie „irgendwie“ oder „sozusagen“, deren Gebrauch – so seine Analyse - in den letzten zehn bis zwanzig Jahre stark zugenommen habe.

Denen gegenüber stehen, sagt Kemp, aber auch hart urteilende Worte wie „absolut“, „total“ oder „das geht gar nicht“. Die sind dann für die Aussagen, den alle aus der gemeinsamen Bubble zustimmen, ohne sie groß zu hinterfragen.

In einem Interview erzählt er von einer Talkshowteilnehmerin, die von „Krieg oder so“ gesprochen habe. Und davon, dass die häufigsten Einordnungen in Podcast- oder Radiogeprächen „schwierig“ oder „spannend“ seien, oft beides in einem Satz ohne weitere Erläuterungen. Seine Erklärung für das Ganze ist unter anderem – surprise – die digitale Welt. Das Tippen, also das harte Urteilen, stehe dem Wischen, dem Ausweichen gegenüber. Das Ergebnis: ein bisschen Verliebtheit.

Einfach mal nachfragen

Am Ende des Interviews erklärt Kemp dann noch, dass man ja nicht immer sofort losreden muss. Dass mal auch mal pausieren kann und kurz nachdenken, bevor man etwas sagt.

Ich schaue Sophie an, die gerade ein Schluck Kaffee nimmt, höre die Vögel über uns zwitschern.

„Also auf mich wirkst du richtig verliebt“, sage ich dann ruhig.

Sie schaut mich irritiert an, es scheint sie echt Mühe zu kosten, doch dann sagt sie es tatsächlich: „Ja, bin ich. Voll und ganz.“

Manchmal hilft es eben einfach nachzufragen. Also, ein bisschen.

🐾 „Stimme meiner Generation“ heißt die gemeinsame Online-Kolumne von Aron Books und Ruth Lang Fuentes. In loser Folge schreiben sie darin für unser Magazin taz FUTURZWEI über die Lebensrealität der Gen Z und darüber hinaus.

🐾 Lesen Sie weiter: Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI N°36 mit dem Titelthema "Die AfD interessiert uns nicht. “ gibt es jetzt im taz Shop.