„Prancercise“ statt Harlem Shake

Das autonome Fitnessprogramm

Die 61-jährige Joanna Rohrback begeistert derzeit mit ihrem „Prancercise“-Video die Netzgemeinde. Dabei hüpft sie ihr Work Out-Programm schon seit den 80er Jahren.

Joanna Rohrback präsentiert ihr Fitnessprogramm. Bild: screenshot

Schmeißt die Nordic Walking Stöcke in die Ecke, kündigt eure Fitnessclub-Mitgliedschaft, fangt an zu prancen. Seit Dezember 2012 kursiert im Internet ein Video, in dem die 61-jährige Sozialarbeiterin Joanna Rohrback aus dem US-Bundesstaat Florida „Prancercise“ vorführt. 1989 fing sie an, ihr Fitnessprogramm zu entwickeln. Aber damals interessierte sich noch niemand für diese Art von Work-Out.

Nach dem Upload blieb das Video ein halbes Jahr fast unbemerkt, doch seit Mai ist es zum Internetphänomen geworden und mit dem neuen Interesse wächst nun auch die Beliebtheit von „Prancercise“.

Ein gut durchdachtes Fitnessprogramm hat natürlich eine theoretische Grundlage. Die hat Joanna Rohrback in ihrem 1994 veröffentlichten Buch „Prancercise - The Art of Physical and Spiritual Excellence“ dargelegt. Die jüngsten Kundenrezensionen bei Amazon erzählen von einem unglaublichen, ja fast beflügelnden Erlebnis. Das Beste am „Prancercise“ ist: Das Programm soll von den PrancerInnen völlig autonom gestaltet werden.

Schon über sechs Millionen mal wurde das Video auf Youtube angeguckt. Die Klickzahlen steigen, genau wie die Anzahl der Parodien und Video-Remixe. Nach Gangnam Style und Harlem Shake ist „Prancercise“ jetzt am Zug. Die Popularität des Videos beweist, dass dieses Fitnessprogramm für etwas ganz Großes geschaffen wurde. „Prancercise“ passt perfekt in unsere beschleunigte, stark strukturierte Gesellschaft.

Es geht nicht darum, den VortänzerInnen in der Muckibude nachzuäffen: Die Bewegungen, von der Natur inspiriert, werden selbst gewählt. Spielend das „innere Kind“ erwecken, hilft beim „Prancercise“ die richtige Work-Life-Balance zu finden. Es heißt nicht mehr: „von 8 bis 9 bin ich im Studio und trainiere“. Beim „Prancercise“ legt jeder selbst den Ort und die Dauer der Trainingseinheit fest. Ob auf dem Weg zur Arbeit, auf der Arbeit oder in der Freizeit: Prancen geht überall. Diese Art von Fitnesstraining löst sich eben von herkömmlichen Trainingsmethoden und soll Körper und Geist befreien.

Die Vorstellung selbst ein Tier zu sein

Doch nicht nur das reine Training gehört dazu. Es geht auch um bewusste und gesunde Ernährung. Der Appetit darauf soll angeregt werden. Rohrback schlägt vor, sich von Lebensmitteln zu trennen, die mit Geschmacksverstärkern und anderen Giften Lust auf mehr machen und in die Übergewichtsfalle locken.

Die Vorstellung selbst ein Tier zu sein, das Kraft und Schönheit symbolisiert - Joanna Rohrback hat sich an Pferden orientiert -, dessen Bewegungen man mit dem eigenen Körper imitiert, hilft bei den Übungen den Kopf von vorgefertigten Gesellschaftsbildern zu befreien und soll, so Rohrback, darin bestärken, ein besseres Ich anzustreben.

Wer sich für das „Prancercise“ entscheidet, kann, nein, soll die eigene Musik verwenden. Denn nichts ist schlimmer als das schnöde Radioprogramm im Fitnessclub, das Musikdiktat der Trainer, bei dem niemand den eigenen Rhythmus findet. Es gibt natürlich Songs, die am geeignetsten sind: „Prancing with myself“ und „everybody prance now“ oder bei schlechtem Wetter „prancing in the rain“, aber die Wahl ist den PrancerInnen natürlich selbst überlassen.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben