Präsentation von Buch über FDP-Chef: Steinmeier stichelt gegen Westerwelle

Außenminister Steinmeier hat die erste Biografie über FDP-Chef Westerwelle vorgestellt. Beim Schaukampf der Konkurrenten ging es um die Macht im Auswärtigen Amt.

Außenminister Steinmeier (re.) und Möchte-gern-Nachfolger Westerwelle. Bild: dpa

Für den Herrn im grauen Anzug interessiert sich niemand. Keine der elf Fernsehkameras filmt, wie der Mann mit dem schütter werdenden Haupthaar und dem zarten Lächeln blickt, während die beiden Politiker am Pult zwei Schritte weiter reden. Und die rund 100 Journalisten im extra hergerichteten Veranstaltungssaal tun auch nicht so, als gehe es um ihn: den Journalisten Majid Sattar und sein Buch "… und das bin ich!" Hier im Haus der Bundespressekonferenz geht es um zwei riesige Egos und deren Konkurrenz. Und um die Frage, wer dem anderen am subtilsten einen Schlag versetzen kann.

Die beiden Egos gehören zu Frank-Walter Steinmeier und Guido Westerwelle. Der Außenminister von der SPD ist auf Einladung des Olzog Verlags gekommen. Steinmeier stellt die dort erschienene Biografie über seinen möglichen Nachfolger im Auswärtigen Amt vor. Westerwelle selbst ist auch dabei, und so etwas ist nicht selbstverständlich, wenn das Buch kein Auftragswerk des Porträtierten ist. Das ist es nicht.

Majid Sattar, Jahrgang 1970, ist politischer Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein Buch hat er gespickt mit Hieben gegen den Porträtierten. Schon der Klappentext beginnt mit dem Satz: "Die Person Guido Westerwelle steht paradigmatisch für eine neue Politikergeneration, die ihren Antrieb nicht aus der Geschichte, nicht aus einer Verpflichtung zur Gesellschaftsveränderung ableitet, sondern Politik als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung empfindet."

Andere Politiker empfänden das als Tiefschlag, fühlten sich in ihrem ganzen Tun unverstanden - oder täten zumindest so. Nicht so Westerwelle. Seine Anwesenheit lässt sich als Ausdruck grenzenloser Eitelkeit deuten oder als Wille, sich Widerständen entgegenzustellen. Vielleicht steckt beides darin.

In seiner einleitenden Rede verknüpft Steinmeier ohne Wimperzucken Selbstlob für seine Arbeit als Außenminister mit Häme für den lauten Oppositionspolitiker vor ihm. Zu den schwersten Dingen in diesem Amt, sagt Steinmeier, gehöre es, über die eigenen Erfolge in der Öffentlichkeit oftmals beharrlich schweigen zu müssen. "Auch das muss man aushalten, Herr Westerwelle."

Selbst vermeintliches Lob ist vergiftet: Aus der Lektüre von "… und das bin ich!" habe er gelernt, dass Westerwelle nicht als "Krawattenmann des Jahres" zur Welt gekommen sei. Dem Adressaten dieser Worte, mit FDP-blauer Krawatte versehen, sieht man diese und andere Tiefschläge dieses Tages nicht an.

Denn der starke Mann der Blaugelben hat allen Grund, sich über diese Biografie zu freuen. Penibel hat der Autor über zwei Jahre lang Dutzende Schulfreunde, Verwandte, politische Weggefährten und Konkurrenten über den heute 48-Jährigen befragt. Gerade weil dabei kein gefälliges Bild entstanden ist, kommt das Buch Westerwelle gerade recht. Als zu glatt und akkurat gescheitelt gilt der promovierte Sohn eines Bonner Scheidungsanwalts bis heute weithin. Doch wer hierzulande ein politisches Spitzenamt anstrebt, muss nach dem Publikumswillen ein Mindestmaß an persönlicher Note, Seelenqualen und Selbstzweifeln vorweisen können - zumindest aber glaubhaft behaupten.

Der neunjährige Guido habe über alle Maßen unter der Trennung seiner Eltern, zweier selbstständiger Anwälte, gelitten, schreibt Sattar. Darin sieht er einen Schlüssel zum Verständnis des Erwachsenen. Nach kurzer Zeit auf dem Gymnasium habe der verstörte Junge auf eine - sehr gute - Realschule wechseln müssen. Ein starkes Minderwertigkeitsgefühl habe den erfolgreichen Politiker bis in die jüngste Zeit verfolgt, weil er einst erst ab der elften Klasse wieder zum Gymnasium ging.

Auch sein Abscheu vor sich links gebärdenden Bürgerkindern, die ihn wegen seiner "falschen" Schullaufbahn angeblich ignorierten, hat laut dem Biografen hier seine Wurzeln: "Dass aus dem Parkaträger, der sich seine Zigaretten selbst dreht, später der adrette Guido wird, liegt auch daran, dass die anderen ihn nicht haben wollten."

Der Buchtitel spielt auf den Machtkampf Westerwelles mit seinem Rivalen Jürgen Möllemann an. Als 2001 der rastlose Möllemann drängte, die FDP müsse als Zeichen ihres Machtwillens einen eigenen Kanzlerkandidaten benennen, musste der junge Parteichef eine seiner schwersten Machtproben bestehen. Auf dem entscheidenden Parteitag zitierte Westerwelle einen Spruch seines Konkurrenten: "Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache regelt." Nach einer Kunstpause fügte er hinzu: "Und das bin ich." Der Saal tobte, Möllemann unterlag.

Am Ende des gemeinsamen Pressetermins sitzt Westerwelle neben seinem Konkurrenten von heute, Frank-Walter Steinmeier. Ein Journalist fragt den Minister, warum er die Biografie überhaupt präsentiere.

Zum ersten und letzten Mal an diesem Tag gibt sich Steinmeier zugeknöpft: "Die Zahl der Gründe gegen eine Buchvorstellung haben die Gründe dafür nicht überwogen." Dazu sagt Westerwelle mit einem Lächeln: "Da spricht der Diplomat." Darauf blickt ihn Steinmeier direkt an und sagt: "Das lernt man im Außenamt."

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben