Portrait: Eine britische Karriere
Kurz nachdem Tristram Hunt 2010 erstmals ins britische Parlament gewählt wurde, schrieb die BBC über ihn: „Er sieht aus wie ein in Cambridge ausgebildeter Historiker – und er ist auch einer.“ Tatsächlich war und ist Hunt, der am Montag seine neue Stelle als Direktor des berühmten Victoria & Albert Museum in London antrat, alles andere als ein typischer Politiker. Während er eigentlich den Arbeiterwahlkreis Stoke Central im britischen Unterhaus vertrat, schrieb er ein Buch über die Städte des britischen Empire und hielt an der Universität London Gastvorlesungen über Marx und Engels.
Hunt gehört zu jener Spezies radikaler Freigeister, die in Großbritannien die Geschichtsschreibung prägen und die intellektuelle Debatte Londons vor elitärer Sterilität und dogmatischen Gewissheiten bewahren. Geboren wurde er 1974 als Sohn eines Labour-Lokalpolitikers in Cambridge, wo er dann auch Geschichte studierte und lehrte. Nach seiner Promotion 2000 wurde er durch eine TV-Geschichtsserie über den englischen Bürgerkrieg des 17. Jahrhunderts bekannt. Er passte zu Tony Blairs New Labour, und er blieb Labour und der Linken auch nach Blair treu: mit einer Biografie Friedrich Engels’im Jahr 2009 und dem Einzug ins Parlament als Labour-Abgeordneter für Stoke Central im Jahr 2010. Da war sein Vater längst als Baron ins Oberhaus eingerückt.
Als zerbrechlich wirkender Denker mit einem aristokratischen Vornamen passte Tristram Hunt eher zur Porzellanindustrie seines Wahlkreises als zu seiner proletarischen Wählerschaft, und er beförderte Labours Mehrheit in Stoke Central auf historische Tiefstände.
Wenige Labour-Traditionalisten werden es bedauert haben, als er Ende 2016 das Ende seiner politischen Laufbahn verkündete. Aber mit ihm verliert Labour einen seiner letzten Intellektuellen. Und bei der jetzt fälligen Nachwahl könnte Labour den Wahlkreis an die Rechtspopulisten von Ukip verlieren.
Sollte Ukip-Chef Paul Nuttall am Donnerstag Hunt als Abgeordneter für Stoke Central ablösen, bliebe der Wahlkreis immerhin in den Händen eines ehemaligen Geschichtslehrers. Nur die Geschichte wäre eine ganz andere. Dominic Johnson
Unser Mittel gegen Antifeminismus
Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen