Porträt Rahm Emanuel: Der Chef-Drahtzieher von Obama
Der Kongressabgeordnete Rahm Emanuel soll Obamas Stabschef werden. Was steckt hinter dem Mann mit dem Spitznamen "Rahmbo"? Er tanzte zum Beispiel Ballett.
Die Personalie war noch nicht bestätigt, da kursierten über den Wunschkandidaten von Barack Obama für den Posten des Stabschefs im Weißen Haus schon die bösesten Geschichten - und einige der Anekdoten werden genüsslich auch im Fernsehen ausgebreitet. Die im Hinblick auf seine künftigen Aufgaben wohl interessanteste: Wenn man Rahm Emanuel etwas vertraulich erzähle, so soll Bill Clinton einst am Telefon gewütet haben, dann könne man auch gleich eine Pressemitteilung veröffentlichen.
Indiskretionen wird sich der 48-jährige Kongressabgeordnete künftig verkneifen müssen, wenn er das Angebot von Obama denn tatsächlich annimmt. Der Posten gilt als eine der mächtigsten Schlüsselfunktionen, die ein Präsident überhaupt zu vergeben hat - aber Verschwiegenheit ist eine wesentliche Voraussetzung dafür. Die Aufgaben des "Chief of Staff" im Weißen Haus sind mit denen des deutschen Kanzleramtsministers vergleichbar, sein Einfluss reicht aber noch weiter. Er soll die politische Strategie des Präsidenten umsetzen und formulieren, ist also der Drahtzieher im Hintergrund. Aber Drähte werden leise gezogen. Von Kanonendonner ist in der Stellenbeschreibung nicht die Rede.
Für Rahm Emanuel dürfte das eine gewaltige Umstellung bedeuten. Bisher ging der Abgeordnete, der sich den Spitznamen "Rahmbo" erworben hat, keinem Streit aus dem Weg, obwohl er politisch in der Region angesiedelt ist, die in den Vereinigten Staaten als "Mitte" bezeichnet wird.
Was immer seine Gegner über ihn jetzt sagen: Niemand bestreitet, dass Emanuel über viel Erfahrung verfügt. Seit 2002 sitzt der ehemalige Spitzenberater von Bill Clinton und spätere Investmentbanker im Kongress. Er weiß also, wie man Mehrheiten organisiert. Und er gehört zu den wenigen, die sowohl die Arbeit in der Exekutive als auch die in der Legislative von innen kennen.
Der dreifache Familienvater, der übrigens in seiner Jugend eine Ausbildung als Ballett-Tänzer absolviert hat - was für ein Stoff für Karikaturisten! Spitzentanz! Schwanensee! -, wohnt ebenso wie die Obamas in Chicago. Für die künftige politische Richtung dürften andere Faktoren wesentlich sein: Emanuel gilt als treuer Verbündeter Israels und als Gegner teurer Sozialprogramme.
Der Personalwunsch des neuen Präsidenten ist also sehr aufschlussreich. Er deutet darauf hin, dass Barack Obama auch künftig seiner bisherigen Linie treu bleiben will: mit wirkungsvollen Worten eine Politik umzusetzen, die auch in den so genannten gemäßigten Kreisen der USA und, wenn denn irgend möglich, sogar bei Teilen der Opposition auf Zustimmung stößt.
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