: Pillenmarkt gefährdet Methadonvergabe
■ Polamidonausgabe am Wochenende soll dezentralisiert werden / 200 Substituierte und eine eigene Szene am HGA
F. traute seinen Augen kaum: Ein Junkie, den er seit langem kennt und von dem er weiß, daß er Aids im vierten Stadium hat, kam ihm kopfüber aus dem Hauptgesundheitsamt entgegengestürzt. F. sah auch, daß ein Arzt den Aidskranken am Kragen gepackt und aus dem Haus gestoßen hatte. Passiert ist das Ganze bei der Methadonvergabe im Hauptgesundheitsamt, wo sich die mittlerweile knapp 200 Bremer Substituierten an Wochenenden und Feiertagen ihren täglichen „Schluck Pola“ holen müssen. F., der selbst seit acht Monaten mit dem künstlichen Opiat Polamidon substituiert wird, war über das Verhalten des Arztes zutiefst erschüttert: zumal der Arzt zu denjenigen gehört, die sich als erste in Bremen an die Methadonvergabe heranwagten und deshalb bei den Drogenabhängigen und Substituierten besonderes Vertrauen genießt. „Ich habe den Doktor gleich am nächsten Morgen angerufen und ihm gesagt, wie enttäuscht ich über ihn bin“, erzählte F. der taz. Er berichtete aber auch, daß der Arzt über den Sturz seines Klienten „sehr erschrocken“ gewesen sei.
Der handgreifliche Rausschmiß ist ein Indiz für die allmählich eskalierende Situation bei der Methadonvergabe am Wochenende: Er ereignete sich am ersten Sonntag, nachdem die Gemeinsame Kommission zur Methadonvergabe in ihrer turnusgemäßen Mittwochssitzung beschlossen hatte, die inzwischen ausufernde Wochenendszene am HGA aufzulösen.
Denn mittlerweile hat sich im weiteren Umkreis des HGA eine Art Pillenmarkt entwickelt, auf dem sich einige der methadongestützten Abhängigen mit Barbituraten und anderen zusätzlichen Kicks eindecken. Und weil am Wochenende besonders die obdachlosen Substituierten die Eingangshalle des HGA als Raum zum Aufwärmen nutzen, halten sich viele stundenlang dort auf, während andere sich zunehmend scheuen, regelmäßig durch diese Szene hindurchzumüssen, um ihre Wochenendration zu holen.
Als Konsequenz aus dieser zum Beigebrauch animierenden Situation wollen Gesundheitsbehörde und die behandelnden Ärzte den Aufenthalt im HGA verbieten. Künftig soll das Wochenendteam (aus bisher je einem Arzt und einem Sozialarbeiter) verdoppelt werden — letztlich auch, um die Eingangstür im Erdgeschoß kontrollieren zu können, während die Methadonvergabe weiter im ersten Stock stattfindet. „Dies wird zu einer schnelleren Behandlung führen und ermöglicht außerdem, in der zugespitzen Situation angemessener reagieren zu können“, erklärte Helga Loest, Sprecherin der Gesundheitssenatorin, der taz.
Wie Unterbringung, Hilfs-und Beratungsangebote auch, soll darüber hinaus die Vergabepraxis spätestens ab Februar dezentralisiert werden: Dann soll zur Entlastung des HGA das Bezirksgesundheitsamt in Bremen-Nord die rund 30-40 Methadonpatienten seiner Region versorgen. Auch in Bremerhaven wird an eine eigene Vergabestelle gedacht. Die drogenhilfe e.V., Trägerin eines Wohnprojektes für Substituierte in Strom, will außerdem noch im Januar mit deren Ärzten eine Vergabe direkt vor Ort, in dem Bauernhaus in Strom, vereinbaren. ra
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