Peter Weissenburger Der Wochenendkrimi: Kommissarin Susanne Bonard, 66 Jahre alt, sucht: sich selbst
Am Berliner Teufelsberg wurde ein Wolf gesehen und eine Leiche gefunden. Die Frage ist: Hat das eine mit dem anderen zu tun? Erst mal abwarten, sagt Kommissar Karow (Mark Waschke), was die Indizien sagen.
Dazu kommt es aber nicht, denn kurz darauf treffen er und Kollegin Bonard im Wald auf eine abgedrehte Survival-Trainerin (Anne Ratte-Polle). Wie praktisch, denn es ist ja die letzte Folge mit Corinna Harfouch als Kommissarin Bonard, und die soll doch in ihrem letzten Fall ein bisschen in den Mittelpunkt treten.
Deswegen drückt sie kurzerhand den Pauseknopf auf dem Krimiplot und nimmt uns mit auf eine kleine Selbstentdeckungs-Survival-Tour.
Frau Bonard ist angesichts der Pensionierung nämlich am Kriseln. Und da hilft nichts besser, als auf sich allein gestellt sein in der Natur. Deswegen lässt sie Karow stehen („Ich muss das jetzt machen!“) und folgt der Survivaltante ins Westberliner Unterholz.
Es wird sich viel verabschiedet derzeit beim deutschen Sonntagskrimi. Zuletzt aufgehört haben Kommissar Borowski in Kiel und Staatsanwältin Klemm in Münster. Demnächst folgen Abschiede in Dortmund, Halle, München und Wien.
Elegant ist immer, wenn die Fernsehkommissar*innen einigermaßen geräuschlos ihren Hut nehmen, als bescheidene Bedienstete der Krimiunterhaltung. Leider haben immer mehr von ihnen Hauptfigursyndrom und belagern den kompletten Plot ihres letzten Films mit irgendeiner austauschbaren Midlifecrisis.
Corinna Harfouch kann nichts dafür, dass man ihr genau so einen Midlifecrisis-Abschiedsplot geschrieben hat. Sie ist halt eine Grande Dame des Fernsehens.
Jedenfalls, von der Frage nach Wolf und Leiche ist erst mal nichts mehr zu hören, stattdessen gibt es Feuermachen mit Flintstein und Fischefangen mit spitzem Stock. Warum? Langsam wird klar, dass dieser „Tatort“ eher thematisch assoziativ aufgebaut ist als erzählerisch.
Das Thema ist Survival, Krise, und dass „der Mensch des Menschen Wolf“ ist. Während Bonard im Grunewald Lagerfeuer macht, vögelt Karow in der Stadt mit einem Tech-Bro-Prepper (Nils Kahnwald) in dessen eigenem Luxusbunker. Wolf, Wald, Gefahr, Überleben, Bunker, okay, Assoziationskette verstanden.
Nichts einzuwenden gegen ein assoziatives Drehbuch. Ist aber für einen Krimifan ganz schön schwierig, klarzukommen in einem Film, der jegliche Ermittlungen, Fährten, Verdachtsfälle und Motive einfach liegen lässt zugunsten von lauter vereinzelten Plots, die nur symbolisch miteinander zu tun haben.
Es ist wohlgemerkt auch nichts dagegen einzuwenden, dass man eine „Tatort“-Kommissarin in die Wildnis schickt, auf der Suche nach sich selbst. Aber ausgerechnet am Berliner Teufelsberg? Dort kann man wandern, baden, picknicken, Fotoshootings für Albumcover machen und Drachen steigen lassen. Was man dort nicht kann, ist einen atmosphärischen „Tatort“ drehen. Auf ihrem „Survival“-Trip befindet Kommissarin Bonard sich jederzeit in Hörweite von B 2 und A 115.
Schade ist vor allem, dass dieser Film, der ganz viel aufmacht zur Vertrauenskrise unserer Zeit, zu dieser am Ende gar nichts zu sagen hat. Er zeigt ein paar Archetypen, die im Wald schlafen und sich Bunker bauen. Schau mal, so was gibt es, sagt dieser Film – krass, oder? Und dabei bleibt es dann.
Berlin-„Tatort“: „Gefahrengebiet“, 1. 2. 26, 20.15 Uhr, ARD
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