Peter Wahl zur weltweiten Armut: "Rückschritte nicht ignorieren"

Die weltweite Armut nehme ab, schreibt die Weltbank. "Zu simpel", sagt Globalisierungskritiker Peter Wahl. Vielerorts nehme die Armut zu, aber Chinas Erfolg übertünche das.

Obdachlose schläft auf dem Mittelstreifen im nordindischen Siliguri. Bild: reuters

taz: Herr Wahl, die weltweite Armut ist seit 1981 zurückgegangen. Die Globalisierungskritiker behaupten das Gegenteil. Eine Ihrer zentralen Thesen ist widerlegt.

Nein. Auch der neue Bericht der Weltbank, auf den Sie anspielen, sagt, dass die Armut in den meisten Regionen der Welt zwischen 1981 und 2005 zugenommen hat. Außerdem musste die Bank ihre alten Armutsstatistiken nach oben korrigieren. Bei der absoluten Armut, also dort wo Armut zur Bedrohung von Leib und Leben wird, um 400 Millionen Menschen.

Die Zahl der Menschen, die unter absoluter Armut leiden, ist zwischen 1981 und 2005 von 1,9 Milliarden auf 1,4 Milliarden gesunken - trotz wachsender Weltbevölkerung. Ist das kein Erfolg?

Sie müssen genau hinsehen. Der Erfolg hat hauptsächlich in China stattgefunden. Dort sind 600 Millionen Menschen aus der ärgsten Not herausgekommen. Rechnet man China aber heraus, ist die absolute Armut sogar gestiegen. Und wer gerade über der absoluten Armutsgrenze liegt, dem geht es noch lange nicht gut. Die Anzahl der Armen insgesamt beziffert die Weltbank auf 3,1 Milliarden. Daran gibt es nichts zu beschönigen.

Kürzlich hat die Weltbank ihre neue Studie zur globalen Entwicklung vorgelegt. Die zentrale These: Die Zahl der absolut Armen, die weniger als 1,25 US-Dollar pro Tage zur Verfügung haben, ist zwischen 1981 und 2005 von 1,9 Milliarden Menschen auf 1,4 Milliarden gesunken. Während zu Beginn der 1980er Jahre 45 Prozent der Weltbevölkerung bitterarm waren, sind es heute noch 22 Prozent.

Dennoch geht die Armut weltweit langsamer zurück als erhofft. Nehme die Armut weiter im gleichen Tempo ab wie bisher, würden im Jahr 2015 immer noch eine Milliarde Menschen von weniger als 1,25 Dollar (85 Euro-Cent) am Tag leben, betonte Lin.

Das südliche Afrika ist die einzige große Weltregion, in der es im Kampf gegen die Armut quasi keine Fortschritte gab. 1981 lebten laut Weltbank 51 Prozent der Menschen in der Region unterhalb der Armutsgrenze. Bis 1996 stieg ihr Anteil an der Bevölkerung auf 58, bis 2005 ging er wieder auf 50 Prozent zurück. Gleichzeitig stieg die absolute Zahl der Armen im südlichen Afrika stark an, sie wuchs von 200 Millionen auf 380 Millionen. Außerdem verfügen die Armen in Afrika über besonders wenig Geld: 2005 standen ihnen statistisch im Schnitt rund 70 US-Cent (48 Euro-Cent) pro Tag zur Verfügung.

China ist keine Ausnahme - auch in anderen Ländern Asiens hungern weniger Menschen als vor 25 Jahren.

Sie ignorieren die Gegenbeispiele, die Rückschritte. In Indien etwa ist die Zahl der Armen absolut gestiegen, nicht gesunken. Dort leben jetzt 455 Millionen Menschen von weniger als 1,25 Dollar pro Tag. 1981 waren es 420 Millionen. Auch in Zentralasien und Lateinamerika nimmt die Zahl der Armen nicht ab, ganz zu schweigen von Afrika südlich der Sahara.

Aber die Bevölkerung Indiens ist massiv gewachsen. Deshalb ist der relative Anteil der Armen unter dem Strich gesunken.

Das stellen wir nicht in Frage. Auch im Nahen Osten und Teilen Lateinamerikas geht es vielen Menschen besser als früher. Trotzdem ist es undifferenziert, von globalem Fortschritt zu sprechen. Afrika südlich der Sahara ist viel schlechter dran als früher. Noch immer lebt die Hälfte der Bevölkerung dort in tiefster Armut. Die neoliberalen Wirtschafts- und Entwicklungsrezepte haben daran nichts geändert. Im Gegenteil, sie verschärfen die Armut.

Sie haben den Neoliberalismus immer bekämpft. Räumen Sie ein, dass er auch seine guten Seiten hat?

Nein. Die Erfolge in China und anderen Regionen haben mit dem Neoliberalismus, mit wahlloser Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung nichts zu tun.

Gerade China setzt auf den freien Markt. Der Kapitalismus hat dort dazu beigetragen, dass Hunderte Millionen Menschen Fleisch statt Reis essen und sich eine Wohnung in der Stadt leisten können.

China und auch Indien praktizieren eine spezielle Variante des Kapitalismus, ein Modell mit viel staatlicher Lenkung. Das unterscheidet sich sehr vom neoliberalen Glauben, der Mark würde alles richten. Die Öffnung zum Weltmarkt findet nur selektiv und planvoll statt.

Die meisten westlichen Konzerne produzieren in China. Und große Mengen Computer und Textilien, die auf dem globalen Markt verkauft werden, kommen von dort.

Aber der chinesische Finanzsektor ist ausländischen Unternehmen noch weitgehend verschlossen. Ähnliches gilt für den Agrarmarkt und andere Bereiche. Erst, wenn die eigenen Unternehmen stark genug sind, lässt die Regierung ausländische Konkurrenz zu.

China öffnet sich zwar langsam. Aber Kapitalismus bleibt doch Kapitalismus.

Diese Betrachtung ist zu schlicht, wie wir ja auch am Unterschied zwischen rheinischem Kapitalismus und dem jetzt dominanten neoliberalen Modell sehen. China setzt zuerst auf die innere Entwicklung und dann auf Weltmarktintegration. Und die Politik lenkt den Markt. Das ist ein anderes Modell, als es Weltbank und Währungsfonds jahrzehntelang gepredigt haben.

Die neoliberale Globalisierung ist in Ihren Augen ein Übel, der Kapitalismus an sich aber gar nicht so schlecht?

Der Markt ist viel älter als der Kapitalismus. Er kann durchaus zu Wohlstand für alle beitragen. Aber nur unter einer Bedingung: Der politische Rahmen muss stimmen, der Markt muss reguliert sein. Der unregulierte Markt ist Kampf aller gegen alle, die Schwachen gehen dann unter.

Mit dieser freundlichen Einstellung gegenüber der Marktwirtschaft haben Sie es bei Attac nicht immer leicht gehabt. Sind Sie ausgestiegen, weil sie sich nicht durchsetzen konnten?

Ich bin nicht ausgestiegen. Zusammen mit einigen anderen Aktivisten der ersten Stunde habe ich lediglich nicht mehr für den Koordinierungskreis kandidiert, weil ich seit acht Jahren keine politikfreie Minute mehr hatte. Jetzt sollen auch mal Jüngere an die Spitze.

Mit dem ewigen Streit über den Kapitalismus hatte Ihr Rückzug nichts zu tun?

Überhaupt nichts. Attac hat ja einen klugen Kompromiss gefunden. Auch grundsätzliche Gegner des Kapitalismus können damit leben, dass unsere Kritik sich auf die neoliberale Globalisierung konzentrierte, nicht auf den Kapitalismus an sich. Aber im Frühjahr 2009 gibt es genau zu diesem Thema einen großen Kongress.

Seit dem G-8-Gipfel der mächtigsten Staaten 2007 im Ostseebad Heiligendamm hört man nicht mehr viel von den Globalisierungskritikern. Warum?

Die gesamte politische Landschaft in Deutschland hat sich nach links verschoben. CDU-Politiker Heiner Geissler ist Attac beigetreten, Globalisierungskritik ist jetzt Mainstream. Zu diesem Erfolg haben wir beigetragen. Und die Linkspartei bündelt einen großen Teil des kritischen Potentials.

Schwäche als Erfolg?

Attac hat sein Alleinstellungsmerkmal verloren. Bisher ist es nicht gelungen, ein neues zu definieren. Trotzdem wächst Attac weiter, wenn auch langsam. Demnächst werden wir 20.000 Mitglieder erreichen.

INTERVIEW: HANNES KOCH

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