Paglen bei der Transmediale

Kunst als Beweis

Trevor Paglen hat eigentlich nur Flugzeuge gefunden. Und Aufnäher. Aber das ist großartig. Und vielleicht ist es sogar Kunst. Ein Besuch bei der Transmediale in Berlin.

In seinem Projekt „The Last Pictures“ hat Trevor Paglen Satelliten gefunden. Tabelle: paglen.com

Jetzt wissen wir noch nicht mal mehr das: Ist es eigentlich revolutionär oder doch nur ein Rückschritt, wenn plötzlich die Wahrheit schon als Kunst verkauft wird? Art as Evidence? Denn die Wahrheit knallt doch schon genug: Geheimgefängnisse in Osteuropa und dem mittleren Osten, zivile Fluggesellschaften, die in Wirklichkeit für Entführungsflüge von Geheimdiensten gegründet wurden, bei Amazon bestellte USB-Sticks, die mit Spitzelsoftware der NSA ausgeliefert werden.

Das zu wissen – ist das Kunst?

Trevor Paglen ist zumindest so ein Künstler. Seine Kunst, sagt er, besteht daraus, den Widersprüchen zwischen Geheimnissen und ihrer Materialisierung auf den Grund zu gehen. Das hört sich kompliziert an, ist aber eigentlich ganz einfach.

Zusammengefasst geht das so: Geheimnisse sind soziale Institutionen, die immer künstlich aufrecht erhalten werden. Wer große Geheimnisse hat, muss großen Aufwand betreiben, um sein Geheimnis aufrecht zu erhalten. Geheimdienste zum Beispiel. Wer großen Aufwand betreiben will, um, sagen wir, eine geheime Infrastruktur zur Entführung von Menschen weltweit zu organisieren, braucht eine gute Logistik und Flugzeuge. Flugzeuge aber bestehen aus Material und Material reflektiert Licht. Man kann sie also finden. Trevor Paglen hat Flugzeuge gefunden.

Mit seinen Vorträgen begeistert der US-Künstler //www.youtube.com/watch?v=mF4vQA7eWgE:seit seinem Auftritt im Dezember beim Chaos Communication Congress in Hamburg die deutsche Hacker-Szene. Am Donnerstagabend gab er auf der Transmediale in Berlin einen weiteren Einblick in seine Kunst.

Denn mit seinen gigantischen Fernrohren ist Paglen etwa US-Spionage-Satelliten im Orbit auf die Spur gekommen und hat geheime Militärbasen in der tiefsten Pampa ausfindig gemacht. Er hat in Unternehmensregistern Unterschriften von vermeintlichen Geschäftsleuten verglichen – und ist auf eine ganze Sammlung von Tarnidentitäten gestoßen. Und er hat etwas total bescheuertes gefunden: Annäher für Uniformen. Denn, so sagt Paglen, selbst die geheimsten Geheimmilitäreinheiten ließen sich eines nicht nehmen, nämlich Stoffannäher ihrer Einheiten zu entwerfen, die sie auf ihre Uniformen nähen können. Paglen hat die Annäher gefunden. Und so weiß er nun, was es in den USA so alles an Top Secret-Kampfeinheiten gibt.

Da hat sich also, würde der Künstler sagen, ein Geheimnis materialisiert. Es ist ein lustiger Abend.

Neben Trevor Paglen sitzen //de.wikipedia.org/wiki/Jacob_Appelbaum:Jacob Appelbaum und //de.wikipedia.org/wiki/Laura_Poitras:Laura Poitras. Appelbaums Kunst, sagt er, bestehe eher daraus, Leaks zu verwalten und Texte zu schreiben. Sie fängt oft mit einer Buchstabenkombinantion an: TS//SL//REF. Das steht für Top Secret und so weiter. Appelbaum zeigt dann der Welt, was es gibt. Zum Beispiel USB-Sticks, die man bei Amazon bestellt und die dann mit eingebauter Spionagetechnik ausgeliefert werden. Laura Poitras hat Edward Snowden gefilmt. Aber vorher war sie in Abu Ghraib, begleitete die Leiche eines Guantanamo-Häftlings in den Jemen. Sie dokumentierte den Krieg gegen den Terror aus einer anderen Perspektive. Art? Evidence!

Es ist eigentlich banal, aber von großer Perfektion. Was sie Kunst nennen, ist die Kunst der Recherche. Hunderte klatschen ihnen dafür leidenschaftlich Beifall. Muss man sich einfach angucken.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de