Ost-West-Wanderung: Polens Nannys aus der Mongolei

Die Schengengrenze sperrt Ukrainer und Weißrussen aus. Dafür kommen jetzt mehr "Touristen" aus Fernost, um in Polen illegal zu arbeiten

Touristin oder Haushaltshilfe? Bild: dpa

WARSCHAU taz In Polen nennt man sie "Schätze des Hauses" - dienstbare Geister, die die Kinder zur Schule bringen, Mittagessen kochen und die Wohnung auf Hochglanz bringen. Seit Polen dem Schengensystem beigetreten ist und seine Ostgrenze dicht gemacht hat, fehlen die Haushaltshilfen an allen Ecken und Enden. Oft stammten sie aus der Ukraine und aus Weißrussland. Und weil eine Visaverlängerung nicht möglich war, fuhren Ende Dezember auf einen Schlag alle Olas, Weronikas und Natalias nach Hause.

Dann war die Grenze im Osten der EU dicht. Die Gebühr für das nun notwendige Schengenvisum stieg auf 35 bis 75 Euro, eröffnete aber manche neue Reiseperspektive. Vor den polnischen Konsulaten herrschte ein solches Chaos, dass sich viele "Schätze" überlegten, sich vor einem anderen Konsulat anzustellen. In Polen ist die helle Verzweiflung über den Putznotstand ausgebrochen: Woher sollen die neuen dienstbaren Geister kommen?

Bis zum Schengenbeitritt Polens und der Grenzöffnung im Westen arbeiteten rund eine halbe Million Ukrainer in Polen. Die meisten illegal. Im letzten Jahr stellten die polnischen Konsulate in Lemberg, Kiew und Odessa über 600.000 Visa für Ukrainer aus, darunter nur 2.000 mit dem Recht auf Arbeit. Dass die meisten dieser "Touristen" auf dem Bau arbeiteten, in der Landwirtschaft oder in Haushalten, war bekannt und kein größeres Problem. Auf beiden Seiten war der Nutzen groß. Da der Durchschnittsverdienst in Polen mit knapp 1.000 Euro monatlich rund zehnmal so hoch ist wie in der Ukraine, konnte ein in Warschau arbeitender Bauarbeiter, eine Haushälterin oder Altenpflegerin oft die ganze Familie in der Ukraine unterhalten und sogar noch etwas für größere Anschaffungen sparen. Die Polen hingegen waren glücklich, die Kinder oder die alten Eltern für einen Stundenlohn von umgerechnet zwei bis drei Euro in guten Händen zu wissen oder die Renovierungsarbeiten einem zuverlässigen Handwerker aus der Ukraine überlassen zu können. Damit scheint es nun vorbei zu sein. Zwar soll der "kleine Grenzverkehr" in einigen Monaten wieder funktionieren, doch bis dahin könnten die noch offenen Stellen von anderen besetzt sein.

"Mongolensturm"

Hinter vorgehaltener Hand scherzt man in Warschau über den "Mongolensturm", der gerade über Polen hinwegfegt. Denn die Mongolinnen sind schwer im Kommen. Woran das liegt, weiß niemand. Ob es in der Mongolei einfacher ist, ein Schengenvisum zu bekommen als in der Ukraine, ist ein noch offenes Rätsel. Jedenfalls sind sie plötzlich da und sprechen sogar Polnisch. Gebrochen zwar, aber man kann sich verständigen. Noch halten die meisten Polen ihren ukrainischen Olas, Weronikas und Natalias die Treue, doch wenn die neue EU-Ostgrenze zwischen Polen und der Ukraine, Weißrussland und dem Kaliningrader Gebiet nicht bald wieder durchlässiger wird, dürften die Arbeitsmigrantenströme eine völlig andere Richtung nehmen, als bislang erwartet. GABRIELE LESSER

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de