Ortstermin: Der unfassbare Herr Aust

Moritz von Uslar interviewt Stefan Aust in der Hamburger Fleetstreet

Vor diesem Filmstill fand das Gespräch zwischen von Uslar und Aust statt Bild: DPA

Es ist nicht ganz seine Welt, diese abgeschrabbelte Bühne, auf der sonst die freie Szene mit der Kunst ringt. Die Stühle sind hart und stehen auf dünnen Beinchen, der Tisch ist guten Umgang nicht gewohnt und zu trinken gibt es Wasser aus der Plastikflasche. Als Stefan Aust mit einem Kommentar über die Armseligkeit der einen Plastikflasche Platz nimmt, murmelt Moritz von Uslar etwas von Bier. Aust ist in das Hamburger Fleetstreet-Theater gekommen, um einmal mehr über die RAF zu reden. Von Uslar ist da, um Aust Fragen zu stellen, auf die Austs weichgespülte Kollegen im Fernsehen nicht kommen. Die Frage war, wie er sich schlagen würde, im Live-Interview mit dem großen alten Mann der RAF-Forschung.

Von Uslar ist 38 Jahre alt, hat bei der Zeitschrift Tempo volontiert und machte sich einen Namen mit seiner Interviewserie "100 Fragen an …", die im SZ Magazin erschien. Aust ist 62 Jahre alt, war Chefredakteur des Spiegel und hat das Buch "Der Baader-Meinhof-Komplex" geschrieben. Von Uslar ist der junge, rotzige Pop-Journalist aus Berlin, Aust ist der ergraute, reich gewordene Faktenmann aus Hamburg. Zwischenzeitlich trafen sich beide schon mal beim Spiegel, von Uslar war mal Redakteur unter Aust, ist mittlerweile aber zu der Zeitschrift Liebling gewechselt. Bei beiden ist es wie im Profi-Fußball: Man wechselt öfter mal den Verein. Wobei Aust im Fußball-Geschäft wohl Manager von Bayern München wäre, wohingegen von Uslar eher im offensiven Mittelfeld des FC St. Pauli kicken würde.

Einstiegsfrage von Uslar: "Herr Aust, sagen Sie eigenlich R. - A. - F. oder Raf?" Aust sagt, über diese Unterscheidung hätte er noch nie nachgedacht und er wisse gerade auch nicht, was die R. - A. - F.-Leute selber sagten. Gleich ein Treffer für von Uslar, auch beim Publikum, das fast ausschließlich von Uslars Generation angehört. Bombiger Einstieg.

Aber dann zeigt sich Aust als jemand, der sich nicht von dem von ihm bestellten Feld locken lässt - von Uslars Fragen gehen ins Leere. "Was haben Sie ihrer Frau gesagt, nachdem Sie zum ersten Mal den Film gesehen haben?" - "Haben Sie sich kurz geschämt, als ,Blowing in the Wind' lief am Schluss des Films?" - "Ist die RAF im Rückblick eine trostlose Geschichte?" - "Ist es eigentlich schade, schade, schade, dass das alles bald zu Ende recherchiert ist?" Aust sagt, dass der Film wie auch sein Buch auf Fakten basierten, die er in jahrelanger Arbeit recherchiert habe. Außerdem sagt er, dass er sein ganzes Leben nie für etwas aufgestanden sei und gebrüllt habe, so wie die Studenten in dem Film. "Ich bin absolut nüchtern", sagt Aust, und: "Ich habe versucht, die RAF-Geschichte so genau wie möglich zu recherchieren."

Aust geht völlig auf in seiner Rolle als faktenorientierter, unparteiischer Rechercheur. Es gibt keine Angriffsfläche, nichts, wo sich einhaken ließe, alles ist wohl überlegt und politisch korrekt. Aust ist Medienprofi. Von Uslar reagiert darauf mit extra tiefer Stimme, fixiert Aust mit höchster Aufmerksamkeit, nickt, grummelt und versucht, das Ganze durch betonte Ernsthaftigkeit zu ironsieren. "Herr Aust, kennen Sie einen RAF-Witz?" Aust kennt keinen.

Trotzdem bekommt von Uslar bestätigt, dass Aust und Gerhard Schröder 2001 zusammen in einem Party-Keller die Capri-Fischer gesungen haben. Und er schafft es, dass Aust zumindest ein bisschen locker wird. "Wie heißt ihr Lieblingssong von den Rolling Stones?" - "Ruby Tuesday". - "Jawoll!" - "Hab ich die Frage richtig beantwortet?" - "Ja, das ist ein Rolling-Stones-Song."

Es wäre interessanter gewesen, Aust hätte von Uslar interviewt. Gern auch zum Thema RAF. Von Uslar würde sie wohl Raf nennen und hätte wohl den ein oder anderen Gedanken gehabt, der über die Fakten hinausgeht.

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