Option Schwarz-Grün: Eine kleine Schicksalswahl

Die grünen Parteistrategen wollen in Hamburg eine Schwarz-Grüne Koalition, damit die Partei machtpolitische Avantgarde werden kann.

In Frankfurt ist Schwarz-Grün schon Alltag: Die grüne Bürgermeisterin Jutta Ebeling (Vordergrund) mit CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth. Bild: dpa

BERLIN taz Für die Bündnisgrünen ist die Hamburger Bürgerschaftswahl am Sonntag eine kleine Schicksalswahl. Denn dies könnte die erste und vermutlich für geraume Zeit auch letzte Chance sein, mit einer Landes-CDU zu koalieren.

Schwarz-Grün in Hamburg wäre dann der Durchbruch in eine ganz neue, zukunftsträchtige Rolle: die des Königsmachers. Die FDP klettert sich an die CDU? - Soll sie doch, dann übernehmen jetzt die Grünen.

Sie wären machtpolitische Avantgarde. Als Einzige dürften sie für sich in Anspruch nehmen, zur Überwindung der hergebrachten politischen Lager imstande zu sein. Sie könnten erklären, das Land aus der Erstarrung zu erlösen und vor der flächendeckenden Großkoalitionierung zu retten. Ja, sie brächten das dank der Linkspartei neu aufgefächerte Fünfparteiensystem überhaupt erst ins Laufen.

Was für Aussichten! Erst könnten die Grünen wohlgefällig auf die fortdauernden Lagerwahlkämpfe der linken und rechten Traditionalisten herabblicken, dann cool ihre Bedingungen stellen und am Ende bestimmen, wer regieren darf. Mit ihnen.

Die Sache hat aber einen Haken: Schwarz-grüne Gerüchte kosten Stimmen bei den rot-grünen Lagerwählern, die zur Verblüffung der Parteistrategen nach wie vor die Mehrheit stellen. Das mussten auch die Hamburger schmerzhaft spüren, die morgen womöglich im einstelligen Bereich landen.

Doch das Kalkül lautet: Gäbe es eine ordentlich funktionierende schwarz-grüne Landesregierung, würde sich eine frisch zugeschnittene neobourgeoise grüne Klientel um das Erfolgsmodell sammeln. Auch wenn die Statistiken das noch nicht hergeben - es müssten sich doch Wähler finden lassen, die so ticken wie ein beträchtlicher Teil der Bundesgrünen selbst und der sie begleitenden Leitartikler: akademisch, öko, liberal, mit privater Altersvorsorge und an Umverteilungsfragen eher weniger interessiert.

Sollte sich gleichzeitig in Hessen etwas an der rot-rot-grünen Front bewegen - umso besser, das steigert nur die Glaubwürdigkeit. Schließlich müssen alle Grünen seit der Bundestagswahl 2005 x-tausendfach die Formel wiederholen, dass es den Grünen eben nur um die kerngrüne Sache gehe und sie sich rein nach Inhalten für Koalitionen entschieden. Ohnehin macht man sich mit ständigen rot-grünen Wahlkämpfen lächerlich, wenn es weder in Umfragen noch im Ergebnis je für Rot-Grün reicht.

So weit die Hoffnungen. Jetzt muss nur noch die Realität passen. Sonst gilt, was einer der ersten Schwarz-Grün-Sondierer, Fraktionschef Fritz Kuhn, gern zu sagen pflegt: "Die Schwarz-Grün-Debatte ist ein Mirakel: die Schnittmengen sind eben nicht so groß, wie der feuilletonistische Genuss vieler Leute daran."

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