Onlinemagazin von trans Frauen: Ein Gegenschlag

Trans Menschen sind in Redaktionen selten zu finden. Nun haben sechs Frauen das erste transfeministische Onlinemedium Frankreichs gegründet.

Zwei Frauen vor grünen Pflanzen, eine verschränkt die Arme

Youssef Belghmaidi und Carol Sibony von „XY Média“ Foto: Elin Casse

PARIS taz | „Wir hatten die Schnauze voll“, sagt Redakteurin Youssef Belghmaidi. „Vom transphoben Diskurs in den Medien, von der Diskriminierung, die wir am eigenen Leibe erfahren und davon, dass unsere Freundinnen in völliger Gleichgültigkeit sterben“. Belghmaidi arbeitet für das neue Onlineportal XY Média in Frankreich. Auf Youtube, Instagram und Twitter schreibt und spricht die Redaktion etwa über vergessene trans Personen aus der Geschichte, trans Rechte und Transphobie. In der Redaktion von XY Média in Paris sind alle 18 Mitarbeitenden transgender.

Als erstes transfeministisches Medium in Frankreich werde XY Média eine Lücke in der Medienlandschaft schließen, hofft Mitgründerin Carol Sibony. „Es wird viel über uns geschrieben, aber in den Redaktionen sitzen keine trans Personen“, sagt sie.

Häufig fehlt die Perspektive von trans Personen in der Berichterstattung. Lebenswelten außerhalb der Zweigeschlechtlichkeit kommen nicht vor. Außerdem sind cis Jour­na­lis­t:in­nen oft über Transgeschlechtlichkeit schlecht informiert. Immer wieder wird trans Personen in Texten das falsche Geschlecht zugewiesen oder die Geschlechtsangleichung wird fälschlicherweise als „Geschlechtsumwandlung“ beschrieben. Das kann für trans Personen sehr belastend sein.

Das habe den Anstoß zur Gründung von XY Média gegeben, sagen Carol Sibony und Youssef Belghmaidi. „In den USA und in Großbritannien spitzt sich der transphobe Diskurs in den Medien zu. Wir konnten nicht länger zuschauen, wie er auch in Frankreich immer vehementer wird“, so Sibony. Besonders habe sie die im Mai veröffentlichte Ausgabe der rechtsextremen Zeitschrift Valeurs actuelles über den vermeintlichen „Transgender-Wahn“ (frz. „le délire transgenre“) geprägt.

Crowdfunding und Hilfe von Promis

Außerdem seien die Präsidentschaftswahlen nächstes Jahr ein politischer Wendepunkt für LGBTQ-Rechte, meint Sibony. „Unsere Rechte könnten noch viel schlimmer missachtet werden, sollte eine rechtsextre­me Regierung an die Macht kommen.“ Bei den letzten Präsidentschaftswahlen 2017 hatte es Marine Le Pen, Vorsitzende der rechtsextremen Partei „Rassemblement National“, neben Emmanuel Macron bis in die letzte Runde geschafft. Sibony hat Angst, dass sich solch ein Duell auch 2022 wiederholt. Deswegen sei es genau jetzt wichtig, ihre Plattform zu starten. „Es war Zeit zurückzuschlagen“, so Belghmaidi.

Um sich zu finanzieren, starteten die sechs Gründerin­nen von XY Média im März eine Crowdfunding-Kampagne. Große französische Medien berichteten darüber, und bekannte Namen der LGBTQ-Szene, wie die lesbische Journalistin Alice Coffin oder der queere Eurovision-Popstar Bilal Hassani, haben sie öffentlich unterstützt. „Wir haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass die Kampagne so erfolgreich ist“, sagt Sibony. Schließlich ergab das Crowdfunding über 91.000 Euro von insgesamt 2.600 Kleinspender:innen.

Carol Sibony

„Medien interessiert es nicht, wenn sich eine trans Frau umbringt und es eine Mahnwache gibt“

Aus deutscher Sicht mag der Name XY („ics igrec“) für ein transfeministisches Magazin irritieren. Der Titel bezieht sich auf die transfeindliche Beleidigung „sale xy“, auf Deutsch „dreckiges xy“. „Hinter 'xy’ steckt eine transphobe Rhetorik, die eine trans Person auf ihren mutmaßlich biologischen Karyotypen reduzieren will“, sagt Sibony. „Das wollten wir uns zu eigen machen“.

Wie Sibony und Belghmaidi haben auch die anderen Mitarbeitenden verschiedenste Hintergründe, sind Aktivist:innen, Producer:innen, Ton­tech­ni­ke­r:in­nen oder Journalist:innen. Noch arbeiten sie alle ehrenamtlich und mit ihrer eigenen privaten Ausrüstung. Dank der Crowdfunding-Kampagne hoffen sie jedoch, dass sich XY zumindest für ein Jahr finanzieren kann. „Das Geld stecken wir in die Produktion unserer Videos, in Kameras und Laptops und in die Vergütung von trans Personen. Angesichts unserer unsicheren Situation ist das unbezahlbar“, sagt Belghmaidi.

Erst mal prekär

Und danach? Aus XY soll ein unabhängiges, selbstverwaltetes Medium mit fairer Bezahlung werden – wie sich ihr Projekt langfristig und dauerhaft finanzieren soll, wissen die Gründerinnen aber selbst noch nicht. Es ist unwahrscheinlich, dass sie jedes Jahr so viel Geld sammeln können, darüber sind sie sich im Klaren. Also suchen sie nach weiteren Finanzierungsmöglichkeiten.

Alle Inhalte sollen nach wie vor kostenlos und werbefrei zugänglich bleiben, versichert Sibony. XY ist jetzt ein gemeinnütziger Verein, dadurch können einerseits Fördermittel beantragt und andererseits Spenden der Le­se­r:in­nen­schaft eingenommen werden. Je­de:r kann einmalig oder monatlich einen Beitrag zahlen, egal wie hoch. Auf Instagram, Twitter und Youtube laden die Re­dak­teu­r:in­nen ihre insgesamt 46.000 Follower zum Spenden ein. Obwohl die Crowdfunding-Kampagne gezeigt hat, dass viele Menschen das Projekt unterstützen, ist es fraglich, wie viele ihrer Follower auch zahlende Le­se­r:in­nen werden.

„Uns ist sehr bewusst, dass der Anfang schwierig sein wird, bis wir Fuß gefasst haben“, sagt Belghmaidi. Von Scheitern will Sibony dennoch nichts wissen. „Das ist für uns keine Option“, beharrt sie. „Unser Projekt wird klappen, denn wir sind zahlreich und hochmotiviert, wir werden Fördergelder erhalten und die Leute werden spenden.“ Das ist optimistisch, wenn man es mit den Finanzierungsmodellen bereits etablierter Onlinemedien vergleicht. Denn selbst netzpolitik.org hat es schwer, sich ausschließlich durch Spenden und staatliche Hilfen zu finanzieren – bei doppelt so vielen Followern.

Viele LGBTQI*-Menschen berichten von Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt. Deshalb solle ihr Medium ein erster Schritt für trans Personen sein, sagt Sibony. „Wir wollen trans Personen Zugang zu Berufen geben, die ihnen sonst verwehrt bleiben.“ Mehr als zehn Personen hätten bereits wegen eines Praktikums angefragt.

Trans Leben dokumentieren

Was die Bezahlung der Mit­ar­bei­te­r:in­nen angeht, bleibt Sibony vage. Bei XY sollen trans Menschen für ihre Arbeit vergütet werden. Dennoch werde niemand in Vollzeit arbeiten, das könne sich das Medium nicht leisten. Stattdessen sollen Gründerinnen und Redaktionsmitglieder wie freie Jour­na­lis­t:in­nen auf Honorarbasis, pro Artikel oder Video, oder pauschal pro Arbeitstag vergütet werden. Ein sicherer Ausstieg aus der Prekarität ist das zunächst nicht. Höchstwahrscheinlich kann so niemand in einer teuren Großstadt wie Paris leben.

Trotzdem sehe sich XY Média als ein solidarisches Medium, betont Sibony. „Unter solidarisches Medium verstehen wir, dass die Reichweite von XY dazu beitragen kann, weitere Projekte, Crowdfunding-Aktio­nen, Wohnungssuchen oder auch Hilfsgesuche für prekäre Transgender-Personen effi­zient zu verbreiten.“

Über Demos berichten, trans Personen interviewen, filmen und dabei sein, das hat noch einen weiteren Grund: Bei XY soll das Leben von trans Menschen dokumentiert und archiviert werden – langfristig. „Medien interessiert es nicht, wenn sich eine trans Frau umbringt und es eine Mahnwache gibt“, sagt Sibony. „Wir wollen an diese Ereignisse in der Geschichte von trans Menschen erinnern.“ Würde XY Média nicht darüber berichten, gäbe es von diesen Ereignissen keine Spur mehr, meint sie.

Bisher sind ihre Beiträge nur auf Instagram und Youtube zu sehen. Eine eigene Webseite ist in Arbeit. „Die Webseite ist sehr kostbar für uns, denn wir sind nach wie vor der Zensur-Politik dieser Plattformen ausgeliefert“, sagt Sibony. Ziel sei es auch, längere Dokus zu produzieren, ohne dabei in die aktivistische Schublade gesteckt zu werden. „Wir wollen auch über globale, politische oder wirtschaftliche Themen aus einer trans Perspektive berichten“, sagt Belghmaidi. „Nur weil wir trans sind, heißt das noch lange nicht, dass wir uns nur mit Trans-Themen befassen können.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de