Olympische Winterspiele in Italien 2026 : Dem olympischen Geist auf Schritt und Schlitten folgen
Beton durch Berge? Nach der Agenda 2020 sollten Olympischen Winterspiele nachhaltiger werden. Wie ist es nun 2026? Die Geisterjäger*innen der taz-Leibesübungen der taz prüfen das vor Ort.
aus der taz | Es gibt jede Menge Gold zu gewinnen bei den Olympischen Winterspielen, die am 6. Februar in Mailand beginnen. In 116 Wettbewerben werden Plaketten mit Edelmetallanteil an die Sportlerinnen und Sportler vergeben.
In einer Disziplin indes werden keine Medaillen verteilt. Es ist eine, die mit der Eröffnungsfeier beginnt und bis zur Schlussfeier andauern wird. Eine, an der auch die taz teilnimmt.
Vielleicht gelingt es ja dem Leibesübungen-Ressort, den olympischen Geist einzufangen, jenes Wesen, das in der Lage ist, die Welt zu verzaubern. In Paris, bei den Sommerspielen vor anderthalb Jahren, da haben viele jene Stimmung gespürt, die aus dem Milliardenbusiness Sport eine Messe der Lebensfreude machen kann.
Ob so etwas diesmal auch gelingt?
Längst sind Zweifel unterwegs. Die beginnen schon bei der Frage, wo man nach ihm suchen soll. In Mailand vielleicht, wo im Fußballtempel von San Siro die große Eröffnungsshow stattfinden wird.
Wird er in Mailand erscheinen, beim Eishockeyturnier, bei den politisch immer besonders aufgeladenen Wettbewerben im Eiskunstlauf, auf dem Oval in der Eisschnelllaufhalle? Vielleicht rast er ja den Tofana-Schuss in Cortina d’Ampezzo auf Skiern ins Tal. Oder auf der Bob- und Rodelbahn, die neu gebaut werden musste, obwohl man die Spiele doch so nachhaltig halten wollte wie nie zuvor.
Nachhaltigkeit? In Italien leider nicht
Es war ja jene Nachhaltigkeitsidee, der die Suche nach dem olympischen Geist nun so schwer macht. Das Internationale Olympische Komitee hatte sich ein neues Handlungsgerüst gegeben, die Agenda 2020, mit der es auch größeren Regionen möglich sein sollte, sich für Olympische Spiele zu bewerben.
Die Spiele sollten dahin, wo ohnehin Leistungssport betrieben wird. Die Zeit der Neuerschaffung von Wintersportzentren, des Betonierens der Berglandschaft, sollte vorbei sein.
Olympia nach Mailand und in die italienischen Alpen zu vergeben, war auch eine Reaktion auf den Naturverbrauch, unter dem die Landschaft rund um Sotschi, den Olympiaort von 2016, noch lange leiden wird.
Nun wird also in Bormio Ski gefahren, in Livigno dem Funsport in Halfpipes und Schneerampen gefrönt. Im Fleimstal wird auf Langlaufskiern klassisch gelaufen oder geskatet und auf breiten Brettern von hohen Schanzen gesprungen, während in Antholz in Biathlon zur Skijagd geblasen wird.
Die Spiele
Vom 6. bis 22. Februar kämpfen SportlerInnen aus über 90 Ländern in 16 verschiedenen Disziplinen um olympische Medaillen. Zum ersten Mal ist das Skibergsteigen im olympischen Programm. Die Nordische Kombination ist als einzige olympische Disziplin weiterhin reine Männersache. Sonst werden in allen Sportarten gleich viele Medaillen an Männer und Frauen vergeben.
Die taz
Die Leibesübungenredaktion widmet sich in der Zeit der Spiele dem olympischen Sport. Fußball, vor allem der der Männer, ist dann nur Nebensache. Online, in der App und im E-Paper wird es eine umfangreiche Vor-Ort-Berichterstattung geben, die auch die ökologische und politische Bedeutung der Winterspiele einfangen möchte. Alle Olympiaberichte: taz.de/olympia
Jetzt von Mailand nach Antholz über 360 Kilometer viereinhalb Stunden im Auto dem olympischen Geist nachjagen, wird gewiss niemand als besonders nachhaltig bezeichnen. Dass über 3 Milliarden Euro in den Straßenbau durch die Alpen investiert wurden, ebenso wenig.
Am Ende werden Sportlerinnen und Sportler noch durch Norditalien kutschiert, damit sie an der Abschlussfeier in der Arena von Verona teilnehmen können.
Selbst wenn dann dort tatsächlich der olympische Geist einschweben sollte, weil die Teilnehmenden aus ihren Olympischen Dörfern endlich zusammenkommen, darf man die Agenda 2020 als gescheitert betrachten. Für Nachhaltigkeit hat sie nicht gesorgt.
Ein neues Schlagwort bestimmt längst die Olympiabewerbungen von Städten und Regionen. „One-Village Concept“ heißt es. Ein olympisches Zentrum mit einem großen Olympischen Dorf, an dem fast alle zusammenkommen, soll es fürderhin immer geben. Das ist die Zukunft.
Jetzt geht’s erst mal nach Mailand, Cortina d’Ampezzo, Antholz, Bormio, Val di Fiemme und Livigno.
🐾 Jagen Sie mit der taz dem Olympischen Geist 2026 nach: taz.de/olympia