Olympia-Kenner in fünf Minuten: Was hat denn der Hammer eigentlich mit Curling zu tun?
Zehn Dinge, die Sie über die Olympischen Winterspiele unbedingt wissen sollten. Ein kleines Glossar für Anfänger und Fortgeschrittene.
AIN
Es gibt Länderkürzel bei Olympia, die sich schnell entschlüsseln lassen wie USA, FRA oder GER. Bei anderen ist es ein wenig schwieriger. KSA etwa steht für Saudi-Arabien und PRK für Nordkorea. Und dann gibt es das Kürzel, unter dem die Sportlerinnen und Sportler antreten, die gerade nicht für ihre Heimatländer starten dürfen, weil die gerade ein Nachbarland überfallen haben. AIN steht für „Athlètes individuels neutre“, die Neutralen. Als solche dürfen Sportlinnen und Sportler aus Russland und Belarus antreten, sofern sie nicht Militärangehörige sind oder den Krieg gegen die Ukraine verherrlicht haben. Nationale Symbole ihre Heimatländer dürfen sie nicht zeigen.
Anzuggate
Eine Übertragung vom Skispringen aus Predazzo wird wohl kaum ohne dieses Wort auskommen. Und die Freunde der gepflegten Telemark-Landung (siehe unten) werden natürlich sofort wissen, dass es dabei um den Skandal um manipulierte Skisprunganzüge geht, mit dem sich die Norweger ihre Heim-WM im vergangenen Jahr selbst vermasselt haben. Sie hatten die Nähte der Anzüge innen versteift, so dass sie sich beim Spreizen der Beine in der Luft beinahe schon Flügel gebildet haben. Das darf natürlich nicht sein. Es folgten Disqualifikationen und Sperren.
Bahnwechsel
Auf den ersten Blick geht es hier um eine harmlos erscheinende Regel aus der olympischen Disziplin des Eisschnelllaufs. Die Kufenläuferinnen und -läufer müssen jede Runde die Bahn wechseln, entweder von der Innenbahn nach außen oder umgekehrt, und zwar in jeder Runde auf der Gegengeraden. Durch den Ausgleich der längeren Außen- und der kürzeren Innenbahn werden so faire Bedingungen geschaffen. Zur Berühmtheit gelangte ein Bahnwechsel im Jahr 2010, als die niederländische Eisschnelllauflegende Sven Kramer im Rennen über 10.000 Meter kurz vor dem Gewinn der Goldmedaille stand und auf Geheiß von Trainer Gerard Kemkers nach gut 8.000 Metern im falschen Moment die Bahn wechselte. Seine Disqualifikation war die logische Folge. Danach musste der arme Trainer sich vom aufgebrachten Kramer in aller Öffentlichkeit als „Arschloch“ beschimpfen lassen. Ein Bahnwechsel ist also eine ernstzunehmende Angelegenheit. In extremen Fällen kann er zu schlimmsten Verwerfungen führen.
Gundersen-Methode
Die Nordische Kombination steht auf der olympischen Streichliste. Dabei hat man Grundlegendes getan, um den Sport attraktiver zu machen. Noch Anfang der 1980er Jahren wurde das Skispringen und der Skilanglauf unabhängig nacheinander ausgetragen und die Leistungen erst dann verrechnet. Dass der Mann, der im Langlauf dehydriert als Zwölfter über die Ziellinie keuchte, dennoch der Gesamtsieger sein konnte, ließ sich weder vor Ort noch im TV gut in Szene setzen. Der norwegische Kombinierer Gunder Gundersen entwickelte die Idee, den Abstand zwischen den Sprungweiten in Sekunden umzurechnen. Der beste Springer startet seither als Erster ins Langlaufrennen, und je nach Sprungergebnissen folgen die anderen mit dem errechnetem Abstand. Jetzt war der Erste im Ziel auch der Gesamtsieger. Dem IOC ist wohl selbst die Gundersen-Methode noch zu wissenschaftlich.
Hammer
Der Sportkonsument kennt zur Genüge Hammertore, Hammertransfers oder Hammerskandale. Offenkundig käme man in diesen Fällen auch ohne den Hammer aus, beim Curling ist er unverzichtbar. Denn der Hammer bezeichnet das Recht, den letzten Stein in einem End zu spielen. Weil diesen Vorteil gern jedes Team hätte, muss vor dem ersten Durchgang gelost werden. Darauffolgend kommt immer der Verlierer jedes Durchgangs in den Genuss des Hammers. Mit dem letzten Stein den jeweiligen Punktestand noch einmal auf den Kopf zu stellen, das ruft bei jeder Curlerin und jedem Curler ein Gefühl hervor, das sich ganz ohne Übertreibung als Hammergefühl beschreiben lässt.
Icing
Wörter, die das englische Wort „ice“ in sich bergen, lösen nicht nur in den USA, sondern ungünstigerweise auch derzeit bei den Olympischen Winter spielen in Italien Schockstarre aus. Die Nachricht, dass die für Schrecken, Gewalt und zwei Tote verantwortlichen US-Beamten der Einwanderungsbehörde ICE in Norditalien rund um die US-Delegation zum Einsatz kommen werden, sorgte für Empörung. Vorsichtshalber haben drei US-Wintersportverbände ihren gemeinsamen Olympia-Treffpunkt von „Ice-House“ in „Winter House“ umbenannt. Klarzustellen ist an dieser Stelle allerdings, dass Icing schon bei den früheren Olympischen Spiele verboten war. Dieses Wort bezeichnet im Eishockey den unerlaubten Befreiungsschlag. Wenn ein Spieler oder eine Spielerin den Puck aus der eigenen Hälfte über die gegnerische Torlinie schießt, ohne dass ein anderer Spieler ihn berührt, muss der Schiedsrichter die Szene abpfeifen und auf Bully vor dem Tor des Verursachers des Weitschusses entscheiden. Obsessives Sicherheitsdenken war im Eishockey noch nie erlaubt.
Nachlader
Sport ist ja häufig Strafe – insbesondere beim Biathlon. Wer nicht gut schießt, muss in die Strafrunde und noch deutlich mehr Meter machen. Die ganz schlechten Schützen müssen gar mehrmals in die Strafrunde. In der Staffel jedoch zeigt der Schieß- und Laufsport sein gütiges Gesicht. Es gibt den Nachlader. Genau genommen drei. Wer die fünf Luken nicht alle trifft, bekommt noch einen sechsten, siebten und achten Versuch. Eigentlich geht es also auch ohne Strafe.
Rittberger
Es soll ja immer noch Leute geben, die lachen, wenn jemand den Ausdruck „dreifacher Rittberger“ in eine Diskussion über Sinn und Unsinn des Eiskunstlaufsports in die Runde wirft. Der Rückwärtssprung, der hierzulande nach Werner Rittberger benannt ist, der ihn mit einfacher Drehung 1910 zum ersten Mal ausgeführt hat, gehört immer noch zum Repertoire vieler Eiskunstläufer. 2016 hat der Japaner Yuzuru Hanyu als erster Mensch einen vierfachen Rittberger in einem Wettkampf gezeigt. Er selbst wird nicht wissen, dass er damals einen Rittberger ausgeführt hat. In der modernen Kampfrichterinnensprache heißt der Sprung schlicht Loop.
Switch Double Cork 1440
Das ist ein wenig tricky. Eine doppelt verkorkte Flasche edlen Rotweins Jahrgang 1440 ist es jedenfalls nicht. Zu sehen gibt es das Mysterium in Livingo im Snowpark, wo die Ski- und Snowboardartistinnen ihre Sprünge in die Luft zaubern. Also von vorn: Switch – das bedeutet, dass die Rampe rückwärts angefahren wird. In der Luft werden dann zwei Salti gedreht, während sich der Körper viermal um seine Längsachse dreht – um 4-mal 360 Grad also. Daher die 1440. Gelandet wird dann wieder mit dem Rücken zum Tal. Wer da mitzählen möchte, sollte nicht allzu viel Rotwein während der Übertragung trinken.
Telemark
Eine Landung beim Skispringen ist erst dann so richtig schön, wenn Skispringerinnen und Skispringer dabei einen Ski nach vorn schieben, während sie den anderen Ski ein wenig nachlaufen lassen. Der Telemark kommt von Telemarken, einer Kurventechnik beim Skifahren, die im 19. Jahrhundert in der norwegischen Provinz Telemark entwickelt wurde.
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