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Oh my

Von unserer Kontext-Redaktion↓

Wer sich gelegentlich auf Twitter herumtreibt, weiß, dass dort neben herzerwärmenden Katzenvideos auch allerlei Unsinn kursiert. Jüngst hat sich auch die Kontext-Redaktion einer gewissen Lässlichkeit schuldig gemacht. Ausgangspunkt ist wieder einmal das Milliardengrab Stuttgart 21. Genauer gesagt, die Auswirkungen der damit einhergehenden Grabungsarbeiten auf das Erscheinungsbild der Stadt. Für Ortskundige ein alter Hut. Wer als Be­su­che­r:in nach Stuttgart kommt, ist aber mitunter irritiert über das schiere Ausmaß. So auch Monty-Python-Legende John Cleese, der jüngst in der Landeshauptstadt auftrat und ein Bild aus seinem Hotelzimmer mit Blick auf die Bahnhofsruine postete – mitsamt dem Kommentar, dass er heute dann wohl lieber drinnen bleibt.

Stadt-Sprecher Sven Matis sah sich zu einer Intervention genötigt und wies (den 82-jährigen) Cleese ohne erkennbare Ironie darauf hin, dass der Gast, wenn er länger bliebe, sehen würde, wie sich Stuttgart durch die Tieferlegung der Gleise zum Hauptbahnhof eine Gelegenheit eröffnet, einen neuen Stadtteil zu entwickeln. ­Erste Neubauten sind allerdings frühestens 2033 realistisch. Auch wir haben uns eingemischt und präsentierten Cleese Stadtansichten, die ähnlich ansehnlich sind wie das Riesenloch vor dem Bahnhof.

Am Ende unserer Galerie haben wir dann behauptet: „The experts from ‚skyscanner‘ rank Stuttgart within the top 3 of Germany’s most beautiful cities. However, 80 percent of the young people consider moving away.“ Zu deutsch: „Die Experten von ‚Skyscanner‘ bewerten Stuttgart als eine der drei schönsten Städte in Deutschland – trotzdem erwägen 80 Prozent der jungen Menschen einen …“ Da wird die Übersetzung tricky: Einen Umzug? Oder einen Wegzug?

Jedenfalls ist Stadt-Sprecher Matis der Behauptung nachgegangen, die auf Daten der Stuttgarter Bürgerbefragung von 2021 basiert. Und er betont: „Die Studie, auf die Sie sich beziehen, beleuchtet die ‚Umzugsabsichten‘ der Stuttgarter und zwischen ‚move away‘ und ‚move houses‘ ist schon ein Unterschied.“ Später hat er sich sogar beim Autoren der Studie erkundigt, „weil mir die Verifikation wichtig war“ und richtet der Redaktion die Antwort aus: „Das ist in der Tat falsch übersetzt. 80 Prozent der jungen Menschen (18 bis unter 30 Jahre) erwägen (möglicherweise) einen Umzug. Also auch innerhalb des Stadtgebiets.“

Nun behauptet zwar das größte Online-Wörterbuch der Welt, „move (away)“ bedeute „verziehen [in andere Wohnung, Stadt]“. Es ist unsererseits also gar nicht explizit behauptet worden, dass alle weg wollen. Aber natürlich sollte die Pointe darauf hinauslaufen, dass die konsequente Missachtung ästhetischer Prinzipien die Jugend scharenweise aus der Stadt verjagt. Doch ganz so einfach ist es nicht.

Wohin die Jugend ziehen möchte, geht aus der Bürgerbefragung nicht hervor. Allerdings heißt es: „Von den 45 Prozent der umzugswilligen Stutt­gar­te­r*in­nen (inkl. der Nennung ‚möglicherweise‘) wollen 27 Prozent eine andere Wohnung innerhalb der Landeshauptstadt beziehen.“ Unterstellt, dass es sich bei den Jugendlichen in ähnlicher Größenordnung bewegt, wären es also gerade mal sechs von zehn Menschen unter 30, die überlegen, der Stadt den Rücken zu kehren. Tatsächlich hat das weniger mit dem Stadtbild zu tun als mit den Mietpreisen, die 86 Prozent der Befragten als Problem bewerten.

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