: Offenbarungseid der Diplomaten
■ Owen und Stoltenberg für „Übergangslösung“ in Sarajevo / UNPROFOR bereitet sich auf serbische Vergeltungsangriffe vor
Berlin/Genf (dpa/taz) – Der Abzug der serbisch-bosnischen Truppen von den beiden strategisch wichtigen Bergen Igman und Bjelašnica bei Sarajevo ging gestern nur zögerlich voran. Nach Angaben bosnischer Militärs räumten die serbischen Truppen am späten Vormittag die ersten Stellungen auf den Anhöhen um die Stadt. Gleichzeitig meldete die UNPROFOR, Truppen der Vereinten Nationen hätten gemäß der Absprachen mit den Militärkommandeuren der Bosnier, Serben und Kroaten begonnen, ihre Stellungen auf den Berghängen um die bosnische Hauptstadt zu beziehen.
Während die Minister der sechzehn Staaten des Nato-Rates in Brüssel weiter über Luftangriffe auf die serbischen Stellungen um die bosnische Hauptstadt berieten, bereiteten sich die Blauhelme in Sarajevo auf den Ernstfall vor. Sollten sich Clinton-Administration, Nato und UN auf Luftangriffe gegen die serbischen Belagerer einigen, so werden den rund 9.000 Soldaten der UN-Schutztruppen nach eigener Einschätzung etwa zehn Stunden bleiben, um sich gegen mögliche Vergeltungsangriffe zu schützen. Schon jetzt befestigen die französischen, ukrainischen und ägyptischen UN-Soldaten daher ihre Quartiere mit Sandsäcken und planen Fluchtwege.
Die Bosnien-Vermittler von EG und UNO, Owen und Stoltenberg, haben derweil die Suche nach einer Verhandlungslösung des muslimisch-serbischen Konflikts um Sarajevo offenbar aufgegeben. In Genf schlugen die beiden Diplomaten dem UNO-Sicherheitsrat vor, statt dessen eine Übergangslösung für die seit sechzehn Monaten belagerte Stadt zu suchen. Wegen der „weit auseinandergehenden Vorstellungen von Muslimen und Serben“ sowie angesichts der „emotionsgeladenen Atmosphäre“ bei den Verhandlungen sei die Vereinbarung einer dauerhaften Lösung für Sarajevo derzeit nicht möglich. Die nicht näher erläuterte „Übergangslösung“ solle „für eine Jahr oder länger“ gelten. Nach einem Waffenstillstand werde es für Serben und Muslime dann vielleicht leichter sein, einen Kompromiß zu finden.
Während die Delegation des muslimischen Präsidenten Bosnien-Herzegowinas, Izetbegović, am Genfer Verhandlungstisch auf eine für alle ethnischen Gruppen offene Stadt Sarajevo ohne jegliche Einschränkung des Zugangs besteht, forderte Serbenführer Karadžić erneut die Teilung der Stadt. Ein den Muslimen vorbehaltener Innenstadtkern soll vollständig von serbischen Außenbezirken umgeben werden und das Verlassen der Stadt nur über einen Straßenkorridor in das nördlich gelegene Tuzla möglich sein. azu/rr
Tagesthema Seite 3
Die Engagierten stärken
Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen