Ökodorf in Schottland: Wo die Leute in Whiskyfässern leben

Die Findhorn-Community im Norden Schottlands hat einen der niedrigsten ökologischen Fußabdrucke in der industriellen Welt.

Findhorn Bay in der Abenddämmerung

Wer Freiraum vom Gemeinschaftsleben braucht, fährt an die Findhorn Bay. Foto: foto: imago/Bluegreen Pictures

Es ist Freitagabend und das üppige Buffet wird heute durch die Kreationen unseres Rohkostworkshops ergänzt: Es gibt Zucchinistreifen, die wie Spaghetti aussehen und mit einer rohen Tomatensauce gereicht werden, Hummus aus Kichererbsensprossen, Veggie-Burger aus Karotten und Mungosprossen, Algenkekse und Rohkostkäse aus fermentierter Walnusspaste. Das Schöne an Findhorn ist, dass nichts dogmatisch gesehen wird. Deshalb wundert sich auch niemand, dass die TeilnehmerInnen der Rohkostwoche mit großem Appetit die heiße Suppe, die Lasagne und die Schokoladentorte vom Buffet vertilgen.

Die Findhorn Community im Norden Schottlands ist eines der ältesten Ökodörfer der Welt, spirituelle Gemeinschaft und erfolgreicher Urlaubs- und Workshopanbieter zugleich. Sie rühmt sich, „einen der niedrigsten ökologischen Fußabdrucke in der industriellen Welt“ zu haben. Sie ist Gründungsmitglied des Globalen Ökodorf Netzwerks und die Vereinten Nationen haben die Findhorn-Stiftung als Nichtregierungs-Organisation anerkannt.

Seit den Siebzigerjahren hat die Gemeinschaft am Rande des ehemaligen Fischerdorfes Findhorn Tausende Hippies und New-Age-Anhänger angezogen. Heute reisen vor allem an Ökologie, Spiritualität und Gemeinschaftsleben interessierte Menschen in das schottische Dorf.

Grüne Algen für das Rohkostmittagessen

Das Dorf: die Findhorn-Foundation liegt nahe der Kleinstadt Forres im Norden Schottlands, etwa 30 Autominuten vom Flughafen Inverness entfernt. Übernachtung im Bed & Breakfast von Lieselotte Franke, 6 Bay View, Tel.:+44 69 02 35.https://www.findhorn.org/deutsch

Preise:70 Euro (DZ), 40 Euro (EZ) Workshops und Erfahrungswoche:7 Tage mit Übernachtung und Essen: ca. 800 Euro; Spirituelle-Praxis-Woche: ca. 900 Euro; Servicewoche: ca. 300 Euro und Mithilfe in der Gemeinschaft; drei Monate leben in der Gemeinschaft als Gast: ca. 2.500 Euro und Mithilfe in der Gemeinschaft. Die Preise sind gestaffelt, wer wenig Geld hat, zahlt weniger, wer vermögender ist, zahlt mehr.

Führungen: Von Mai bis September finden täglich (außer Dienstag und Donnerstag) um 14 Uhr Führungen durch die Community statt.

Ich habe eine Rohkostwoche gebucht, um das berühmte alternative Dorf kennenzulernen. Mit unserer Workshop-Leiterin Sheila streifen wir über die Wiesen und sammeln essbare Blätter und Kräuter ein. Schlag halb elf ist damit Schluss. Teepause.

Martin von der Gartenabteilung erzählt uns, dass er gemeinsam mit freiwilligen HelferInnen Gemüse und Obst für die Gemeinschaft anbaut – natürlich ohne den Einsatz von Pestiziden und künstlichem Dünger. Das Küchenteam verarbeitet die Produkte zu leckeren vegetarischen Mittagessen und Abendmahlzeiten. Zwischen den Beeten stehen Bänke und eine Gartenlaube, glückliche Hühner laufen herum.

Vom Gemüsegarten führt ein Weg durch die Dünen zum Sandstrand, der sich kilometerlang vom Ort Findhorn nach Westen erstreckt. Für unser Rohkostmittagessen finden wir auf den Felsen grüne Algen. Später werden wir sie trockenen und unter den Salat mischen. Das Ökodorf ist in den vergangenen Jahrzehnten stetig gewachsen. Neben alten Holzhäusern aus den 60er Jahren – einige von ihnen wurden aus Whiskytanks gebaut – stehen heute unterschiedlich gestaltete Energiesparhäuser mit Solarzellen auf dem Dach. Im Norden ist eine neue Reihenhaussiedlung entstanden, eine weitere ist im Bau.

Meditationsräume und Freiluftbad

Das Zentrum des Ökodorfes bilden das Community Center mit Küche und Essräumen und die Universal Hall, ein Rundbau, in dem Theaterstücke, Konzerte und Tanzveranstaltungen stattfinden. Daneben gibt es: Meditationsräume, ein heißes Freiluftbad, die Kunstgalerie, die Töpferei, die Pflanzenfarbendruckerei, ein Café, eine Crèperie und einen kleinen Laden mit Lebensmitteln und Büchern.

Viele ehemalige Dorfbewohner haben sich in der Gegend um Findhorn selbstständig gemacht. Heute gehören etwa 1.400 Menschen der New Findhorn Association an. Sie leben nicht in der Gemeinschaft, aber sie fühlen sich ihr zugehörig. Auch einige Deutsche sind dabei, zum Beispiel die ehemalige Stewardess Lieselotte Franke. Sie bietet nur fünf Gehminuten von der Community entfernt Bed and Breakfast an.

Auf ihrem Stammplatz vor dem Meditationsraum sitzt Dorothy Maclean, die vor 55 Jahren die Community mitgründet hat. Die 95 Jahre alte rüstige Dame hat viele Jahre in Amerika gelebt und ist vor einiger Zeit nach Findhorn zurückgekehrt. Im Jahr 1962 zogen Eileen und Peter Caddy mit ihren drei Kindern und ihrer Freundin Dorothy auf den damaligen Campingplatz am Rande des Fischerdorfes Findhorn.

Der kleine grüne Wohnwagen, in dem sie damals lebten, steht immer noch in der Mitte des Ökodorfes und wird heute als Büro genutzt. Sie legten einen Gemüsegarten an, in dem erstaunlich große Kohlköpfe wuchsen. Die Gemeinschaft zog immer mehr spirituell interessierte Menschen an. Ihre Mitglieder bauten Wohnhäuser, ein kleines Meditationsgebäude und einen Essensraum. Sie kauften den Campingplatz und das nahegelegene Cluny Hill Hotel. In dem großen, altmodischen Gebäude finden heute Seminare und Workshops statt.

Selbstverwirklichung für die älteren Semester

Zur morgendlichen Teepause an meinem dritten Tag bin ich bei Craig Gibsone eingeladenen. Der in Australien geborene Künstler bietet mir schwarzen Tee und Haferkekse an, eine nette Abwechslung vom strengen Rohkostregime in unserem Workshop.

Craig kam Ende der Sechzigerjahre nach Findhorn. Er wohnt in mehreren runden, etwa fünf Meter hohen Whisky-Fässern, die miteinander verbunden sind. Das gemütliche Wohnzimmer geht in einen weiteren runden Raum über. Licht dringt durch ein rundes Fenster an der Oberseite des Hauses. Über eine Treppe gelangen wir in das Atelier im ersten Stock und von dort aus auf die Dachterrasse, die einen Ausblick auf den liebevoll angelegten Garten bietet.

„Eigentlich wollte ich mit einem Freund Whiskyfässer als Brennholz kaufen, aber als wir diese großen Tanks sahen, hatten wir die Idee, dass man daraus Häuser bauen könnte“, erzählt Craig. Der agile Mittsiebziger erinnert sich: „Ende der Sechzigerjahre hatte ich genug von der Hippieszene in London und war auf der Suche nach einer spirituellen Heimat. Als ich hier ankam, hatte ich das Gefühl, endlich zu Hause zu sein.“ Was der unabhängige Geist an Findhorn besonders mag: „Hier gibt es keine Doktrin. Menschen aller Religionen kommen zusammen und tolerieren sich. Was uns eint, ist der Respekt und die Fürsorge für die Menschen und die Natur.“

Heute ist Craig einer von 120 Angestellten der Findhorn-Stiftung und veranstaltet Workshops über Ökologie, Architektur und Spiritualität sowie Mal- und Töpferkurse. Seine beiden Töchter sind in Findhorn aufgewachsen und haben die von Craig mitgegründete Steiner-Schule in der Nähe besucht. Tara ist inzwischen 21, studiert Sozialwissenschaften und wird in diesem Sommer ihre erste „Findhorn-Erfahrungswoche für Jugendliche“ leiten. „Unsere Gemeinschaft zieht vor allem Menschen an, die etwas älter sind und sich für Spiritualität und Ökologie interessieren“, sagt Craig, „in Zukunft wollen wir aber auch mehr Programme für junge Leute anbieten.“

Leben als Gast in der Gemeinschaft

Daniela Zapf ist 22 und gehört damit zu den Jüngeren in Findhorn. Ich treffe sie, als sie vor dem Community Center ein Beet umgräbt. Die Freiburgerin absolviert das dreimonatige Programm „Leben als Gast in der Gemeinschaft“ und bezahlt dafür einige Hundert Euro im Monat. Ein Freund hatte ihr von Findhorn erzählt, als es ihr gerade nicht gut ging und sie ihr Studium abgebrochen hatte.

Fünf Stunden am Tag arbeitet sie im Gärtnereiteam. „In der übrigen Zeit kann ich an anderen Projekten teilnehmen, zum Beispiel an kreativen Workshops“, erzählt sie. Gemeinsam mit anderen hat Daniela ein Papier ausgearbeitet, wie der Aufenthalt in der Gemeinschaft für Jugendliche günstiger und attraktiver gemacht werden könnte. „Ich hoffe, dass die Stiftung unsere Vorschläge akzeptiert“, sagt sie.

Yasko, eine der beiden Leiterinnen unseres Rohkostworkshops, fühlt sich „in Findhorn zu Hause“. Die 46-jährige Grafikdesignerin hatte vor zehn Jahren in Japan ein Buch über die Gemeinschaft gelesen und wusste danach, wo sie hin wollte. Sie buchte die „Erfahrungswoche“ und reiste nach Schottland. Danach kam das dreimonatige Gastprogramm, dann arbeitete sie einige Jahre lang im Garten und in der PR-Abteilung. Inzwischen ist sie Geschäftsführerin der Universal Hall.

„Wo immer ich innerhalb der Community hingehe, treffe ich Menschen mit denen ich gute Gespräche führen kann“, schwärmt sie: „Wir leben und arbeiten alle für denselben Traum.“ Natürlich gebe es auch immer wieder Spannungen, schließlich lebten in Findhorn viele ausgeprägte Persönlichkeiten. „Aber alle halten sich an unsere Prinzipien des friedvollen Umgangs mit den Menschen und der Natur“, sagt Yasko. Wenn es Probleme gibt, finden sich immer Menschen, die vermitteln. „Wir haben sehr viele Therapeuten und Berater in unserer Gemeinschaft“, berichtet die Japanerin und lacht.

Eine Gemeinschaft für viele Existenzgründer

Nicht nur Therapeuten, auch andere Selbstständige leben in der Gemeinschaft oder in ihrer Nähe: Yogalehrer, Heilpraktikerinnen, eine Kräuterexpertin, eine Firma für Blütenessenzen. Außerdem gibt es einen Verlag, ein Unternehmen, das Solarplatten verkauft und den Windpark. „Wir verkaufen Strom, denn unsere vier Windräder und die Solaranlagen stellen mehr Strom her, als wir verbrauchen“, sagt Yasko.

Den Südafrikaner Geoff Dalglish hat der niedrige ökologische Fußabdruck des Ökodorfes angezogen. „Ich wollte wissen, wie die das machen“, erzählt der 66-Jährige, der seit sechs Jahren in Findhorn lebt. Sein eigener CO2- Fußabdruck als Autorennfahrer war einst enorm. Inzwischen ist Geoff aufs Wandern umgestiegen. In den vergangenen zwei Jahren marschierte er 16.000 Kilometer: durch Italien, Frankreich und Spanien und in Afrika. Wenn er nicht gerade auf Wanderschaft ist, organisiert er die Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinschaft.

Finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde

Geoff hält auch Kontakt zu den örtlichen Gemeindepolitikern: „Sie haben verstanden, dass wir hier wichtige Arbeit leisten, und unterstützen uns finanziell.“ Bis zu 4.000 Leute besuchen jedes Jahr die Findhorn-Workshops, dazu kommen viele Tagesgäste. „Wir sind inzwischen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in der Gemeinde“, sagt Geoff. Früher, so der ehemalige Rennfahrer, hätten die schottischen Nachbarn die Findhorn-Community als Hippiekommune abgetan. „Inzwischen wissen die meisten, dass wir hier sinnvolle Sachen machen und Gäste aus aller Welt anziehen.“

Immer mehr Einheimische kommen auch zu den öffentlichen Konzerten und Filmen in der Universal Hall. Die Angestellten der Findhorn-Stiftung bekommen einen Teil ihres Gehalts in der Alternativwährung Eco ausgezahlt.

Ein Eco entspricht einem britischen Pfund und man kann damit inzwischen sogar im Pub und im Restaurant des nahegelegenen Dorfes Findhorn bezahlen. „Der Eco trägt dazu bei, dass die Leute ihr Geld lokal ausgeben“, erläutert Geoff, „und nicht in die großen Supermärkte tragen.“

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