Öffentliche Hochzeit: Die Verwandten im Fernsehen

Der schönste Tag im Leben - jeden Tag. Der Kölner Sender "Dügün TV" überträgt türkische Hochzeiten in die ganze Welt, auch live mit Kamerateam, Übertragungswagen und Moderator.

Die Frisur hält, das Jackett rutscht: Mr und Mrs Februar aus dem Dügün-TV-Hochzeitskalender 2009. Bild: dügün tv

KÖLN taz | In Köln Dellbrück ist die Eheschließung vor allem ein Geschäft. Hier befindet sich die Zentrale von "Dügün TV" (dügün ist das türkische Wort für Hochzeit), dem einzigen Trauungssender Europas. Die orientalische Version der "Traumhochzeit" zeigt nur die glücklichen Momente des Lebens, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. "Normalsterbliche" können hier ihre eigene Vermählung live übertragen lassen.

"Wir machen reine Unterhaltung, die Zuschauer sollen sich bei uns entspannen", sagt Güler Balaban. Sie ist die Chefin von Sonfilm, einer Firma, die mit 60 Angestellten in fünf Studios auf 2.000 Quadratmeter zwei türkische Fernsehprogramme ausstrahlt, den Hauptsender "Türkshow" und den Spartenkanal "Dügün TV". Das Programm kann über Satellit weltweit empfangen werden. Balaban ist eine freundliche und strenge Betriebswirtin. Der Typ erfolgreiche Geschäftsfrau: lange schwarze Haare, dunkles Kostüm, dazu den passenden edlen Schmuck. Jedes ihrer Worte sitzt, Fragen zu Umsätzen und Preisen lächelt sie weg. Bevor eine Hochzeit gesendet wird, schaut Balaban sich jedes Video an.

Auf dem großen Bildschirm im Konferenzraum ist gerade eine Feier im vollen Gange. Eine türkische Hochzeit in einer Sporthalle in Bergisch Gladbach, im Hintergrund hängen die Basketballkörbe. Frauen in bonbonfarbenen, meist zu engen Rüschenkleidern tanzen im Kreis, manche tragen die dazu farblich passenden Kopftücher. Das junge Brautpaar sitzt an einem Tisch wie gerührte Oscar-Preisträger. Zwischendurch sieht man immer wieder einen dynamischen Moderator rumrennen, ein Mikro mit zwei goldenen Herzen in der Hand - dem Logo von "Dügün TV". Für die Alten ist es die Gelegenheit, Bekannte wiederzutreffen. Für die Jungen ist es vor allem eine Flirtbörse. Die Szenen sind von schauderhaftem Kitsch. SMS-Meldungen zwecks Partnersuche laufen durchs Bild. "Hey, du mit dem roten Kleid, willst du mich kennenlernen" ist dort auf Türkisch zu lesen.

Zielgruppe sind die über sechs Millionen Türken in Europa, die fern lebende Verwandte und Bekannte und den Rest der Welt an ihrem schönsten Tag teilnehmen lassen wollen. Für viele Türken ist die Feier das bedeutendste und spektakulärste Erlebnis schlechthin - und ein Statussymbol. Nicht selten werden hunderte Gäste eingeladen. Die Hochzeit ist keine Privatsache. Und eine türkische Hochzeit ohne ein mehrstündiges Video ist nur eine halbherzige türkische Hochzeit. "Unsere Kunden wollen zeigen, was sie haben", sagt Balaban. Angefangen hat alles 2001.

Damals gründete der Filmproduzent Mehmet Coban gemeinsam mit seiner Frau Hatice und ihrer Schwester Güler Balaban die Firma TeleBazaar Marketing, die sich auf Ethnomarketing spezialisierte. "Was interessiert die Türken in Europa, was in Istanbul passiert?", fragt Balaban. Seit 2002 präsentiert sie Teleshoppingformate, Polit-, Musik-, Quiz-, Sport- und Kulturshows für das türkischsprachige Publikum. Heute wird in fünf Studios rund um die Uhr produziert, davon zehn Stunden täglich live.

Die Idee zu "Dügün TV" kam den dreien, als sie gemeinsam auf einer Hochzeit waren. 2005 ging die erste Hochzeit auf Sendung, seitdem wurden hunderte türkische und zwei deutsche Feiern gezeigt. Wer will, kann sich ein Kamerateam samt Übertragungswagen und Moderator zur Vermählung bestellen, was mehrere tausend Euro kosten kann. Günstiger wird es, wenn man eine selbst bespielte Videokassette einreicht. Die werden dann zu sendefähigen Beitragen zusammengeschnitten. Feiern mit politischen Symbolen oder Fahnen werden nicht angenommen. "Wir machen reine Unterhaltung", wiederholt Balaban.

Auch jetzt während des Ramadans, obwohl zu dieser Zeit nicht geheiratet werden darf. Dann müssen Wiederholungen herhalten - oder Videos von Beschneidungszeremonien.

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