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„O Mensch, bewein dein Sünde groß“

■ Staatsakt für Herbert Wehner mit einem unversöhnten Willy Brandt

Bonn (dpa/taz) - Der gegenwärtig prominenteste Landsmann von Herbert Wehner, der Dresdener Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer, konnte nun doch nicht am Staatsakt in der Bonner Beethovenhalle zu Ehren des verstorbenen „SPD-Zuchtmeisters“ teilnehmen. Er stellte sich zur selben Zeit in Dresden der Vertrauensfrage.

So fielen die geplanten Gespräche am Rande über die Kandidaten einer künftigen DDR-Regierung und über einen denkbaren Ministerpräsidenten für die Wiederkehr des Landes Sachsen aus. Solche Gespräche hätten zum Abschied vom ehemaligen Gesamtdeutschen Minister Wehner, dem gesamtdeutschesten aller Bundespolitiker, gepaßt. So blieb der Staatsakt: der schweigende Brandt, der bis zum bitteren Ende eine Versöhnung ablehnte; die Vertreter der SPD-Ost; der sicherlich tief empfundene Nachruf auf „die kühnen Strategien“ von Voscherau; der Choral von Max Reger: „O Mensch, bewein dein Sünde groß„; die Bundesprominenz, die behelmten Stahlarbeiter von der Ruhr - im Falle Wehners keine Staffage. Nicht zu vergessen die sympathischste Wendung in Jochen Vogels Nachruf: der Dank an die Witwe, der es zu verdanken sei, daß Herbert Wehner den „letzten Abschnitt seines Lebens in Würde zurückgelegt hat“.

Wehner selbst hatte einen solchen Staatsakt nicht gewollt. Auch seine Witwe mußte erst mühsam überzeugt werden.

KH

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