Notunterkünfte: Schlaflos im Bunker

Die Stadt lässt Obdachlose neuerdings in einem Bunker übernachten. Es hagelt scharfe Kritik - dennoch will die Sozialbehörde an der Maßnahme festhalten.

Kein Winterspaß: Obdachlose müssen sich warm anziehen. Bild: Mauricio Bustamante

Wohin mit den frierenden Obdachlosen in der Nacht? Die Sozialbehörde hatte da eine Idee - und öffnete ihnen Anfang Dezember den Tiefbunker am Hachmannplatz. Seit dem Start des Winternotprogramms waren die etwa 450 vorhandenen Schlafplätze in der Stadt im wahrsten Sinne überbelegt. Laut einer Zählung der Sozialbehörde gemeinsam mit dem Straßenmagazin Hinz & Kunzt, die allerdings fast drei Jahre zurückliegt, leben in Hamburg etwa 4.000 Menschen auf der Straße. Besonders schwierig ist die Betreuung der ausländischen Obdachlosen. In Hamburg leben viele Osteuropäer, vornehmlich Polen und Rumänen, auf der Straße. "Sie kamen in der Hoffnung auf Arbeit und endeten auf der Straße", sagt Stephan Karrenbauer, Sozialarbeiter bei Hinz & Kunzt. Jetzt schliefen sie im Bunker.

"Der Verteilungskampf ist jedoch in allen Einrichtungen größer geworden", sagt Karrenbauer weiter. Im Oktober sei es im "Frauenzimmer" so voll gewesen, dass die Frauen auf Stühlen schlafen mussten. Für Obdachlose mit Hund seien in der ganzen Stadt lediglich zehn Schlafplätze reserviert. Noch nicht einmal im Bunker seien Hunde erlaubt. So schliefen meist beide, Hund und Besitzer, lieber auf der Straße. Karrenbauer kritisiert die Zustände im Bunker scharf: Die Luft sei stickig, die Toiletten nur durch Vorhänge abgetrennt und die Räume so voll, dass die meisten nicht zum Schlafen kämen.

Trotzdem sagt die Sprecherin der Sozialbehörde Julia Seifert: "Der Bunker hat sich bewährt." Ausschlaggebend ist für sie, dass er so zentral liegt und das Kontingent dort problemlos aufgestockt werden kann. Ihrer Meinung nach hat die Behörde adäquat auf die Notsituation durch den frühen Wintereinbruch reagiert. Dass pro Nacht circa 80 Menschen den Bunker als Schlafplatz nutzen, belegt für Seifert den Erfolg der Maßnahme, "trotz niedriger Standards". Es solle aber kein "starres System" sein. "Meine Mitarbeiter und ich sind fast täglich vor Ort und beobachten die Lage." Nach einer Alternative zum Bunker werde derzeit nicht gesucht.

Das Programm läuft von November bis April: In dieser Zeit stellt die Stadt zusätzliche Schlafplätze zur Verfügung.

94 Plätze gibt es in diversen Kirchengemeinden.

In der Sportallee sind in einer Notunterkunft weitere 100 Betten aufgestellt.

Obdachlose Frauen können in Wohncontainern bei der Hochschule für Angewandte Wissenschaften und im "Frauenzimmer" übernachten.

Reguläre Anlaufstation für Männer ist die Einrichtung "Pik As" mit 190 weiteren Schlafplätzen

Das kann Annegrethe Stoltenberg, Leiterin der Diakonie Hamburg, nicht verstehen. "Die Unterbringung dort kann nur ein erster Schritt sein", sagt sie. Eine Sofortmaßnahme, um Menschen vor dem Erfrieren zu retten, jedoch keine langfristige Lösung. "Ein Bunker wurde gebaut, um Menschen für ein paar Stunden vor einem Bombenangriff zu schützen."

Schon im vergangenen Sommer habe sie darauf hingewiesen, dass die Notunterkünfte im Winter nicht ausreichen würden. Im Gegensatz zur Sozialbehörde, ist Stoltenberg von der jetzigen Situation deshalb keineswegs überrascht. Sie plädiert dafür, leerstehende Häuser zu nutzen, etwa Bürogebäude zu Sozialwohnungen auszubauen. "Überhaupt müssen die Unterkünfte kleiner werden." In Massenunterbringungen sei es fast unmöglich, an den Einzelnen heranzutreten. Nur so sei es jedoch möglich, Obdachlose von der Straße zu holen.

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