: Nie enden wollende Weiten
Erst wollte sie keiner kaufen, dann sollte sie schnell wieder abgesetzt werden. Heute kann die Science-Fiction-Serie „Star Trek“ ihr 60-jähriges Jubiläum begehen. Doch in ihrer Geschichte gibt es nicht nur Grund zum Feiern
Foto: Everett Collection/imago
Von Manuel Schubert
Angenommen, Sie würden sämtliche „Star Trek“-Serien und -Filme hintereinander weg schauen wollen – was schätzen Sie, wie lange wären Sie mit den unendlichen Weiten des Weltraums beschäftigt? 50.000 Minuten. Also über 833 Stunden, fast 35 Tage ohne Pause. So viel Bewegtbild ist in nun 60 Jahren „Star Trek“ entstanden. Aber kein Mensch könnte es aushalten, das alles wegzubringen. Menschen im Jahr 2026 müssen schließlich auch noch arbeiten, schlafen und essen.
Im Universum von „Star Trek“ müssen die Menschen ebenfalls essen, aber praktischerweise hat die Science-Fiction-Zukunft das Kochen abgeschafft. Lebensmittel kommen aus dem Replikator. Ein Ruf zum Computer genügt, und schon erscheint eine heiße Tasse Tee aus dem Nichts in der Maschine. Heißgetränke spielen in „Star Trek“ eine faszinierend prominente Rolle. Allen voran: Earl Grey. Captain Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) trinkt diesen Schwarztee am liebsten, und die zahlreichen entsprechenden Teetrinkerszenen bei der Serie „Star Trek: The Next Generation“ haben beinahe Meme-Qualitäten.
Picard beziehungsweise Stewart zählen zu einer der vielen Legenden wie sie „Star Trek“ ins kollektive Gedächtnis der Popkultur katapultiert hat. Allen voran James T. Kirk, Spock, Pille, Scotty, Uhura, Sulu und Chekov.
Dabei wäre die erste „Star Trek“-Serie beinahe gescheitert. Alle großen TV-Sender ließen den ehemaligen Piloten und Polizisten Gene Roddenberry mit seiner Idee für „Star Trek“ abblitzen. Erst als er seinen Stoff dem Studio Desilu Productions anbot, das der Schauspielerin Lucille Ball gehörte, wendete sich das Blatt. Lucille Ball, damals eine der mächtigsten Frauen Hollywoods, glaubte an Roddenberrys Idee und drückte die Produktion von Pilotfolgen gegen den Widerstand ihres rein männlich besetzten Studiovorstands durch.
Kirks Enterprise flog trotzdem nicht lange. Der Senderkonzern NBC, der die Serie dann herausbrachte, war mit den Quoten nicht zufrieden und wollte die Serie bald wieder absetzen. Doch es sollte nur der erste von vielen Fanprotesten in 60 Jahren unendlicher Weiten sein, der „Star Trek“ vor einem frühzeitigen Ende bewahrte. 1969, nach nur drei Staffeln, räumte NBC die Show schließlich doch ab.
Zur Legende wurde die erste „Star Trek“-Serie durch eine Besonderheit des US-Fernsehmarkts. Dort gab es neben den großen nationalen Netzwerken wie NBC auch unzählige lokale dritte Programme, die lokale News mit gebrauchten Unterhaltungsformaten mischten, die sie von den großen Sendern einkauften. Der „Rerun“, die fortwährende Wiederholung auf diesen Dritten, machte Kirks Truppe zum popkulturellen Hit, der ab 1979 schließlich im Kino lief. Darunter auch der gefeierte Film „Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart“ von 1986.
Der Film, der 2026 sein 40-jähriges Jubiläum feiert, führt Kirk, Spock und Crew per Zeitreise zurück zur Erde des Jahres 1986. Ihr Ziel: Buckelwale entführen, die die Erde des 23. Jahrhunderts retten sollen, wo Buckelwale längst ausgestorben sind. Selten war ein umweltaktivistisch erhobener Zeigefinger so unterhaltsam verpackt.
Aber „Star Trek“ geht auch anders. William Shattner soll sich seinen Kollegen gegenüber am Set wie ein Arschloch aufgeführt haben. Und Kate Mulgrew, als Kathryn Janeway 1995 die erste Frau im Kapitänssessel, war ständigem Argwohn der Studiobosse über ihre Anziehungskraft beim (männlichen) Publikum ausgesetzt. Das ging so weit, dass man „Star Trek: Voyager“ (1995–2001) ab Staffel vier sogar eine zusätzliche weibliche Figur einschrieb, deren Darstellerin Jeri Ryan ausdrücklich figurbetonte Catsuits zu tragen hatte. Die Arbeitsbedingungen der Serien, die pro Staffel heute undenkbare 26 und mehr Folgen von je mindestens 45 Minuten Länge hatten, waren derweil auch ohne Sexismus schon hart genug und glichen schwerer Fließbandarbeit.
Doch die große serielle „Star Trek“-Erzählung scheint beim Eigner des Franchises, den Paramount Studios, inzwischen auszusterben. Keines der Serien-Reboots der letzten 10 Jahre konnte an die früheren Erfolge anknüpfen. Und aktuell sind keine Planungen für neue Serien bekannt. Dafür sollen Gespräche über neue „Star Trek“-Kinofilme laufen.
Also wohl keine Chance mehr für Serienmeisterwerke wie die Geschichte von „Star Trek: Deep Space Nine“ (DS9, 1993–1999). Die Serie spielt erstmals nicht in einem Raumschiff, sondern auf einer Raumstation, genauer gesagt, der Hinterlassenschaft einer Besatzungsarmee. Commander Benjamin Sisko, der seine Frau bei einen verheerenden Angriff auf die Föderation gleich zu Beginn verliert, kommt nun als alleinerziehender Vater und neuer Chef auf diese Station, die zuvor ein Zwangsarbeiterlager war.
DS9 ist die wohl düsterste und mutigste unter den vielen „Star Trek“-Erzählungen, wobei die weltweiten Umbrüche, Kriege und Konflikte der 1990er in den Geschichten der Serie tiefe Spuren hinterlassen haben. Für den Kern ihrer Story mussten die Showrunner von DS9 allerdings nur hinaus in die Realität der USA der 1990er treten: Rassendiskriminierung. In keiner anderen der „Star Trek“-Ausgaben ist Gene Roddenberrys Idee eines multiethnischen, diversen und (nicht immer) friedlichen Zusammenlebens in all seiner Komplexität so glaubwürdig inszeniert wie bei DS9, diesem Meltingpot intergalaktischer Völker. Mag auch draußen im All der Tod oder Schlimmeres lauern, auf dieser Blechdose mit Ausblick lebt die Utopie.
Und es ist eine ausdrücklich ungeschönte Utopie, die jede Menge Rassismus kennt. Etwa in der Episode „Far Beyond the Stars“, wo Commander Sisko, herausragend gespielt von Avery Brooks, dem ersten Schwarzen Darsteller an der Spitze eines „Star Trek“-Franchise, und seine Crew durch eine rätselhafte Vision in den USA der 1950er landen, wo sie sich als Autor:innen eines Fantasymagazins durchschlagen. Sisko rasselt mit dem weißen Herausgeber des Magazins schwer zusammen, weil dieser sich strikt weigert, das neuestes Stück seines Autors abzudrucken: die Story einer Raumstation unter dem Kommando eines Schwarzen Captains und seiner multiethnischen Crew. Aber seien wir ehrlich: Selbst auf der Erde von 2026 würde dieser Stoff nicht mehr ohne Weiteres durchgehen. Auch nicht bei „Star Trek“.
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