Neue Pädophiliediagnostik: Die Suche nach dem Feind im Kopf

Jorge Ponseti versucht, Pädophile zu verstehen. In einem einzigartigen Projekt durchleuchtet der Psychologe ihre Gehirne, während sie Sexbilder betrachten.

Was lässt Männer Kinder lieben? Vielleicht gibt der Kernspintomograph die Antwort. Bild: dpa

In ihrem Gehirn ist irgendetwas anders. Er ist sich sicher. Er weiß nur noch nicht genau, was. Aber er wird den Fehler finden. Den Grund entdecken, weshalb sie nicht wie die meisten anderen Menschen empfinden. Die falsche Verknüpfung. Die funktionsgestörten Synapsen. Die veränderten Zellen.

Per Magnetresonanztomografie - kurz MRT - sieht Jorge Ponseti, 47, in die Köpfe sexuell erregter Menschen. Der Psychologe an der Universitätsklinik Schleswig-Holstein in Kiel ist auf der Suche nach dem, was männliche Erwachsene kleine Mädchen und Jungs lieben lässt. Nicht die Liebe, die Eltern für ihre Kinder empfinden, sondern sexuelle Anziehung. Ponseti erforscht Pädophilie und glaubt, endlich eine Methode gefunden zu haben, um die sexuelle Fehlorientierung physiologisch diagnostizieren zu können. Er misst die hämodynamische Response auf optische Reize, also wie sich die Blutströme im Hirn bei bestimmten Bildern verändern. "Schon Arbeitsgruppen vor uns haben Leute in den Scanner gelegt und ihnen Sexbilder gezeigt. Die haben allerdings immer geguckt, wo durch sexuelle Erregung Aktivität im Gehirn auslöst wird. Wir haben nun erstmalig gefragt: Kann man anhand der spezifischen Aktivierung des Gehirns feststellen, auf was jemand steht?", erklärt der Kieler Wissenschaftler sein weltweit einzigartiges Forschungsprojekt.

In seinen Praxisräumen in der Sektion für Sexualmedizin schiebt Ponseti seit 2003 unentwegt Probanden in den Kernspintomografen - Männer und Frauen, Schwule und Lesben, solche, die auf Blümchensex stehen und andere, die Lack und Leder vorziehen. Immer und immer wieder dasselbe Prozedere: Der Versuchsteilnehmer klettert auf die Metallliege und wird in die schmale Röhre gefahren, dann drückt der Arzt auf einen Knopf. Auf dem Bildschirm im Inneren prasseln Sexbilder los. Auf nackte Körper folgen entblößte Geschlechtsorgane, auf entblößte Geschlechtsorgane wieder nackte Körper. Während das Gerät das Gehirn der Testperson durchleuchtet und es Scheibchen für Scheibchen fotografiert. Drinnen ist es bedrückend eng. Ein markdurchdringendes Rattern erklingt und die Fixierung des Kopfes zwickt mal hier und mal dort. Dennoch kommen alle Probanden irgendwann in Stimmung. Die Attraktivität der Genitalien, die hundertfach über den zehn mal zehn Zentimeter großen Bildschirm flackern, ist nicht wegzuwischen. Im Bruchteil einer Sekunde - der Proband hat das Foto noch nicht einmal bewusst wahrgenommen - trifft das Gehirn bereits eine Entscheidung über das Gesehene: sexuell interessant, sexuell uninteressant, sexuell interessant. Dazu braucht es weder Kerzenschein noch Barry White. Der Proband kann dort, bewegungslos in der aufmerksamen Maschine, seine Reaktion weder kontrollieren noch vortäuschen.

"Wenn das Gehirn stimulierende Bilder präsentiert bekommt, wird nicht nur das Belohnungszentrum angesprochen, sondern auch ein Teil der motorischen Hirnrinde, und zwar das Mundareal", erklärt Ponseti die Bilder des Kopfinneren, auf denen der Laie kleine roten Markierungen erkennen kann. "Das heißt, sobald die Probanden das Bild eines erregten Genitals vor der Nase haben, bereitet ihr Gehirn vermutlich Oralsex vor. Obwohl sie wissen, dass sie im Scanner liegen und außer ihrem eigenen kein Geschlechtsteil in der Nähe ist." Die Physiologie überlistet das, was manche als den menschlichen Geist bezeichnen. Das ist bei Heterosexuellen so. Und bei Pädophilen. "Wir vermuten, dass die sexuelle Orientierung biologisch angelegt ist. Die wird zum größten Teil schon angelegt sein, wenn wir zur Welt kommen oder in einem früheren Bereich der postnatalen Entwicklung."

Fünf Jahre hat es gedauert, bis Ponseti alle notwendigen Ergebnisse zusammenhatte, um die sexuelle Präferenz seiner Versuchspersonen erfolgreich bestimmen zu können. Fünf Jahre scannen, vergleichen, rechnen. Dann rote und blaue Flecken auf den MRT-Ausdrucken deuten. Und wieder von vorn.

Wencke Chodan hat die sexualmedizinische Forschung von beiden Seiten miterlebt. Die 22-jährige Psychologiestudentin hatte sich zunächst auf einen Aushang in der Kieler Universität gemeldet und ließ sich, wie alle anderen Probanden, von Ponseti schmutzige Bildchen zeigen. Sie war so fasziniert von der Studie, dass sie nur wenige Wochen später plötzlich auf der anderen Seite stand. "Es ist beeindruckend, mit welcher Präzision man Vorgänge im Gehirn, die sogar einem selbst nicht immer zugänglich sind, sichtbar machen kann", sagt sie. "Man stellt sich vor, dass das MRT Bilder auswirft, die schon alles aussagen. Aber das ist nicht so. Das Programm musste geprüft werden, und zwar immer wieder." Deswegen hat Ponseti auch nicht gleich damit begonnen, Pädophile zu untersuchen. "Wir haben zunächst homo- und heterosexuelle Männer in den Kernspintomografen gesteckt und ihnen Bilder von stimulierten Vulven und erigierten Penissen gezeigt", erklärt der Psychologe. "In 90 Prozent der Fälle konnten wir die sexuelle Orientierung danach richtig zuordnen." Bei der aktuellen Untersuchung von Pädophilen, befürchtet Ponseti, könnte er diese hohe Trefferquote jedoch verfehlen. Denn die Bedingungen für die Testreihe sind sehr viel schwieriger: Die Technik muss exzellent sein, das Diagnose-Programm genau konfiguriert, weil das Gehirn bei der Verarbeitung der Bilder von Erwachsenen und Kindern sehr viel länger benötigt. "Dem Gehirn fällt es zwar leicht, zwischen männlichem und weiblichem Genital zu unterscheiden. Ein erwachsenes Geschlechtsteil kann es aber weitaus schwerer von einem noch juvenilen oder infantilen differenzieren." Ein sensiblerer Kernspintomograf, der selbst Veränderungen in den kleinsten Blutgefäßen wahrnimmt, wurde deshalb angeschafft.

"Glücklicherweise interessiert es heute niemanden mehr, ob jemand hetero- oder homosexuell ist", glaubt Ponseti. Ist jemand potenziell pädophil, interessiert das aber schon. Und zwar alle: die Medien, die Rechtsprechung, die Gesellschaft. Das weiß auch der Psychologe. Mit seiner Forschung will er den Betroffenen nicht nur im Kampf mit der Umwelt, sondern allen voran im Kampf mit sich selbst helfen. "Die Scham über die eigenen Gefühle sitzt oft so tief, dass sich die Männer gar nicht trauen, sich behandeln zu lassen. Man kriegt es den Leuten häufig nicht aus der Nase gezogen, wie sie sexuell orientiert sind." Damit Ponseti dennoch nicht an seinen Patienten "vorbeitherapiert", muss er wissen, ob eine sexuelle Neigung zu Kindern besteht. Oder ob der wegen der Nutzung von Kinderpornografie Verurteilte doch nur - wie er selbst unablässig behauptet - auf den falschen Link geklickt hat. "Man fällt leicht auf die Selbstschilderung oder auch das Wunschdenken von Pädophilen hinein", sagt Ponseti, der fünf Jahre im Kieler Gefängnis gearbeitet und Sexualstraftäter betreut hat. "Ich hatte häufig Männer vor mir, die äußerst glaubhaft dargelegt haben, dass sie nicht an Kindern interessiert sind, obwohl sie in der Vergangenheit mehrmals Kindesmissbrauch begangen hatten." Oft wünschte sich der Therapeut dann, er könnte ohne die Einwilligung seines Patienten eine Untersuchung der sexuellen Präferenz durchführen. Nur, um zu beweisen, dass der Straftäter sich selbst und anderen etwas vormacht.

Zurzeit aber führt Ponseti seine Untersuchungen an Pädophilen ausschließlich auf Freiwilligenbasis durch. Zwei Typen von Männern landen zumeist in seiner Praxis: Solche, die sich gefährdet fühlen und aus Angst, irgendwann ein Kind zu missbrauchen, Hilfe in der Klinik suchen. Und andere, die eine gerichtliche Weisung zur Therapie erhalten haben. Keinen von ihnen darf Ponseti zwingen, sich auf Störungen der sexuellen Vorlieben testen zu lassen. Im anglo-amerikanischen Raum ist das anders. Dort ist es den behandelnden Psychologen vorbehalten, Phallografen einzusetzen, die die Reaktion auf Sexbilder am Penis messen. Straffällige müssen sich der intimen Untersuchung oft vor Beginn ihrer Therapie unterziehen. "In Toronto habe ich Männer mit Fußfesseln und begleitet von schwerbewaffneten Beamten in den Untersuchungsraum kommen sehen", erzählt Ponseti. "Die Ärzte im Kurt-Freund-Labor haben die Ergebnisse des Phallografen genutzt, um die Behandlung während der Haft optimal planen zu können."

Ponseti selbst nutzt die Phallografie ebenfalls in seiner Praxis. "Wir geben dem Probanden eine kleine Schlaufe in die Hand. Die zieht er sich über den Penis. Dann werden wieder Sexbilder gezeigt. Der Ring misst währenddessen, wann sich der Umfang des Penis verändert." Soweit er weiß, ist seine Sektion die einzige in Deutschland, die den Apparat zu diagnostischen Zwecken nutzt. Auch weil die rechtliche Lage nicht eindeutig ist: Bei der Begutachtung von Angeklagten darf der Therapeut den Phallografen nämlich nicht ohne Weiteres verwenden. "Mittel und Zweck müssen sich die Waage halten", erklärt Ulrich Staudiegl, Sprecher des Bundesministeriums der Justiz. Der Eingriff in die Intimsphäre des Verdächtigen muss also gegen die Bedeutung der Untersuchungsergebnisse abgewogen werden. "In der juristischen Praxis spielt die Phallografie deshalb oft keine große Rolle. Auch weil ihre Aussagekraft stark angezweifelt wird."

Nichtsdestotrotz hat das Bundesverfassungsgericht im Mai 2004 keine Entscheidung über die Verwendung des Geräts in Strafprozessen getroffen. Ponseti findet das gerechtfertigt. Er selbst hält die Phallografie für die richtige Lösung, wenn Patient und Arzt gemeinsam Erkenntnis über eine sexuelle Störung erlangen wollen. Wenn der Patient sich sträubt, ist der Phallograf allerdings das falsche Mittel, um ihm seine Neigungen zu entlocken. Denn Männer können ihre Genitalreaktion bis zu einem gewissen Grad beeinflussen. "Man kann zwar gegensteuern, wenn man sie in sexuelle Stimuli einpackt: riesige Leinwände, dazu erotische Geschichten auf Kopfhörern", erklärt der Wissenschaftler. "Aber eigentlich ist eine unfreiwillige Phallografie immer ein Kampf zwischen Versuchsleiter und Testperson, in dem es darum geht, die sexuelle Reaktion offenzulegen respektive sie zu faken."

Im MRT ist es hingegen kaum möglich, das Ergebnis zu beeinflussen. Dennoch hat Ponseti nicht vor, seine Methode künftig für erkennende Gerichtsverfahren zur Verfügung zu stellen - auch nicht, wenn er irgendwann mit 99,9-prozentiger Sicherheit sagen könnte, ob sein Proband Gefühle für Minderjährige hegt. "Das Risiko wäre sehr hoch, dass die Neigung bestraft wird", befürchtet der Psychologe.

Gutachten könnten, bereits vor der Aufnahme aller Beweise, zu einer Vorverurteilung des Pädophilen führen. Allein die sexuelle Orientierung, nicht die Tat würde sanktioniert. Für Ponseti wäre das verheerend, denn so viel weiß der Psychologe bereits: "Niemand kann etwas für seine Präferenz. Auch nicht die Pädophilen."

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