: Nebengeschäft frühzeitig beendet
■ Deutschkurse für junge Flüchtlinge: Pädagogen und Pennäler als Verschiebemasse / Unterrichtsausfall keine Seltenheit
Eigentlich wollte Hilal Kaya, Sozialarbeiterin an der Staatlichen Handelsschule Wandsbek, nur erfahren, warum der Unterricht für ihre Schützlinge Mehmet, Ahmet und Ibrahim zwei Wochen lang ausfallen sollte. Anstelle einer Erklärung teilte ihr die Schulsekretärin mit, daß der Deutschintensivkurs für die Flüchtlingskinder der Klasse II ab kommenden Montag völlig entfalle. „Die Schulbehörde ist offenbar nicht in der Lage, einen regelmäßigen Unterricht für die minderjährigen Flüchtlinge zu gewährleisten“ kommentiert Fritz Saxowsky, Koordinator beim Verein Jugendhilfe e.V.
Bis Ende vorigen Jahres wurden in den Erstversorgungseinrichtungen für minderjährige Flüchtlinge noch 250 Neuankömmlinge von hauseigenen Lehrern unterrichtet. Im Zuge der „Haushaltskonsolidierung“ strich der Senat diese Stellen. Statt dessen sollten „Lehrerüberhänge“ an Gymnasien und anderen staatlichen Schulen genutzt werden, um Flüchtlingskindern erste Deutschkenntnisse beizubringen. Die Schulbehörde forscht nach angeblich freien Lehrerkapazitäten und läßt an diesen Schulen dann Intensivkurse einrichten.
So fanden sich an der Wandsbeker Handelsschule Pädagogen, die ihren Pennälern bislang Verlagsbetriebslehre oder andere kaufmännische Kenntnisse vermittelten, unverhofft vor ausländischen Schülern wieder. Didaktikkurse am „Institut für Lehrerfortbildung“ sollen ihnen bei der Bewältigung der neuen Aufgabe helfen.
Die Deutschintensivkurse für die minderjährigen Flüchtlinge bleiben für den stellvertretenden Leiter der Wandsbeker Schule, Sigfried Seeler, jedoch ein „Nebengeschäft“. Der Deutschintensivkurs II zum Beispiel hätte „leider frühzeitig beendet“ werden müssen, weil die Schulbehörde um die Einrichtung eines neuen Kurses gebeten habe.
Bei den Betreuern der Erstversorgungseinrichtungen ist der Eindruck entstanden, daß Flüchtlingskinder zur „Verschiebemasse“ degradiert werden. Die häufigen Unterrichtsausfälle vermittelten den Jugendlichen das Gefühl, nicht erwünscht zu sein. Die Klasse von Ibrahim, Ahmet und Mehmet erhielt von Anfang an montags keinen Unterricht, weil dafür kein Lehrer vorhanden war. „Andere Jugendliche müssen manchmal monatelang darauf warten, einen Schulplatz zu bekommen, weil die Kurse nur vierteljährlich eingerichtet werden“, beklagt Fritz Saxowsky.
Bis Ende vorigen Jahres konnten sie gleich nach ihrer Einweisung in eine Erstaufnahmeeinrichtung an den Deutschkursen im Haus teilnehmen und sich so auf die Regelschule vorbereiten. „Jetzt stehen die Kinder bei uns vor der Tür und wollen, daß wir für sie Unterricht machen. Personell sind wir dazu aber überhaupt nicht in der Lage“, erklärt Hilal Kaya.
Sven Dahlgaard, Referatsleiter im Amt für Jugend, ist hingegen von häufigen Unterrichtsausfällen und langen Wartezeiten bei den Deutschintensivkursen nichts bekannt. „Unterrichtsausfälle sind eben ein allgemeines Schulproblem.“ Anita Merkt
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen