piwik no script img

■ NachschlagLuxus Berlin mit einer „Videotanz- performance“ am Halleschen Ufer

Schallplatten sind wieder furchtbar in. Leute, die ihren Besitzerblick mittlerweile über mehrere CD-Türme schweifen lassen können – sie hören wieder Schallplatten. Weil sie nicht so perfekt klingen und sich in ihren auslätschernden Rillen die Spuren der Erinnerung eingraben. In jedem Kratzer verbirgt sich für mich eine kleine Geschichte, sagte neulich eine Bekannte. Uff. In „Words für Windows/Exkurs“, einer „Videotanzperformance“, die Luxus Berlin derzeit zu nächtlicher Stunde im Theater am Halleschen Ufer präsentiert, schrammelt irgendwann aus einem Plattenspieler „Take me in your heart“. Uhuuu. Die Platte scheint so richtig echt und authentisch aus der Zeit der Entstehung dieses Hits zu kommen und mehr als tausendmal gespielt: Teilweise hört man nur noch Schnee.

Eine Frau tanzt zu diesem Erinnerungskrach unbeirrt hinter einer Gazewand durchaus mit ein wenig Engagement drei oder vier gleichbleibende Disco-Tanz-Bewegungen von damals. Auf den Gazestoff sind per Kamera die Pixel eines Computerfensters projiziert, und darüber, kaum erkennbar, Fensterrahmen, fahrende Züge etc. Die Zuschauer stehen auf der Mitte der Bühne, umgeben von vier Stellwänden, auf denen alles mögliche flimmert und die nicht von ungefähr an Computerfenster erinnern. Hinter diesen Windows befinden sich hier allerdings lebende Menschen – so, wie man es sich beim Fernseher gedacht hat, damals, als man noch klein war. Sie lesen ins Mikrophon hinein Texte von Ovid und vom Mitspieler Michael Busch. Sie zeichnen etwas auf ein Papier, was, von einer Kamera aufgenommen, auf die gegenüberliegende Wand projiziert wird. Sie bieten in drei Akten (im ersten befinden sich zwei Menschen in einem geschlossenen Gaze-Würfel, im zweiten kann der Zuschauer frei vor und hinter vier Windows wandern, im dritten gibt es wieder den Würfel) einen Spaziergang durch die Wahrnehmungsverschiebungen, die uns das digitale Zeitalter beschert. Eine Zeit, in der schrammelnde Platten schon wieder digital aufgezeichnet werden – um uns so ein richtig schönes Authentizitätsgefühl zu vermitteln. Michaela Schlagenwerth

Luxus Berlin: „Words for Windows/Exkurs“, heute und morgen, 23 Uhr, Theater am Halleschen Ufer (32)

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen