■ Nachschlag: Das Hexenkessel Hoftheater spielt Richard III. im Kesselhaus
Das hochwandige Kesselhaus der Kulturbrauerei wird geteilt von einem laufstegartigen Bretterpodest. Die Zeit ist reif, sozusagen prêt-à-porter für ein Defilee des schier unübersichtlichen Personals aus Richard III., Shakespeares finstrem Rosenkrieg-Reigen. Es wird gehumpelt, schwertschwingend galoppiert, zu Throne geschritten, fluchend vorübergestampft, bußfertig gekrochen, im Rollstuhl hin und her geflitzt und immer wieder gramgebeutelt hinter Leichen und Särgern hergeschlurft. Im Mittelpunkt der Gangarten watet Richard himself, der machtgierige Schrittmacher des Grauens, durchs selbstinitiierte Blutbad.
Der Mann ist ein einziger Abgrund. Perfide Mordlust, der Wille zum Metzgern und intrigantes Aus-dem-Weggeräume kulminieren in seiner unansehnlichen, da verkrüppelten menschlichen Hülle zur Inkarnation des Diabolischen. Um Richard III. zu werden, läßt Richard Gloucester hinterhältig seinen Bruder, zwei Neffen, die zweckgeheiratete Gattin, deren Ex-Mann und Schwiegerpapa sowie eine Schar lästiger Lords ins Jenseits befördern. In der finalen Schlacht gegen den letzten Kandidaten, der ihm die Königswürde noch streitig machen könnte – den Franzosen Richmond –, darf der Finsterling noch die berühmten Worte „ein Pferd – mein Königreich für'n Pferd!“ in den britischen Nebel grölen, dann erwischt es ihn Gott sei Dank selbst. Endlich Sense.
Shakespeares prallste Räuberpistole in Kurzversion nacherzählend, landet man unversehens beim Komischen. Auch wenn ein Rest Unbehagen bleibt: Die komprimierte Anhäufung von Verderbnis kippt aus genügender Distanz von alleine. Mit dieser Einsicht hat sich das Shakespeare-erprobte Ensemble des Hexenkessel Hoftheaters unter der Regie von Jan Zimmermann dem Opus und seiner Aufführung genähert. Was eigentlich – oder schon längst nicht mehr – tragisch und furchtbar, treibt das „Kieztheater“ am neuen Spielort zur Groteske. Massakriert wird per Schaumstoffhammer oder Plasteschwert, die brachial historisierenden Kostüme schillern außer- bis unterirdisch, Killerclowns und schweißtreibende Vielfachbesetzungen sorgen für gesteigerten Unterhaltungswert angesichts allzumenschlicher Bösartigkeit. So richtig halten die Hexenkessler ihren Splatter allerdings nicht durch, auch deshalb, weil zu zögerlich gekürzt wurde: Bei gut drei Stunden Königsdrama taucht schon der eine oder andere Monolog auf, der's plötzlich bitter ernst meint und die durchaus passablen SchauspielerInnen dann doch an ihre Grenzen stoßen läßt. Eva Behrendt
Weitere Aufführungen heute abend um 21 Uhr, am 25.–27. 8. und 6.–8.9. im Kesselhaus der Kulturbrauerei, Knaackstraße 97
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