NPD-Vize in Wolfsburg: "Kraft durch Freude"-Museum geplant

In Wolfsburg will NPD-Vize Jürgen Rieger ein "gewerbliches" Kraft durch Freude-Museum eröffnen. Der Widerstand dagegen ist schwierig.

Will die NS-Organisation "Kraft durch Freude" mit einem Museum adeln: NPD-Vize Rieger. Bild: ap

WOLFSBURG taz | Vom Wolfsburger Bahnhof ist der Fußweg zur "Autostadt" nicht weit. Keine zehn Minuten, schon kann man im Erlebnispark die neue Modellpalette des VW-Konzerns bewundern. Ältere Modelle aus der Wehrmachtsproduktion sind vielleicht demnächst in einem Museum zu besichtigen. Statt nach links, müsste der Besucher vom Bahnhof zehn Minuten nach rechts gehen um "Kübelwagen Typ 82", "Schwimmwagen Typ 166" oder "Kommandeurwagen Typ 87" betrachten zu können. Der Betreiber: Jürgen Rieger - rechtsextremer Rechtsanwalt und Vizechef der NPD.

In der 1938 gegründeten "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben" hofft Rieger ein Museum einrichten zu können, um das Tun der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" (KdF) ohne "staatliche Einmischung" würdigen zu können.

Die KdF war eine politische Organisation, welche die Freizeit der deutschen Bevölkerung gestalten und die Menschen noch mehr an die Ideologie des Regimes binden sollte. Zu diesem Zweck veranstaltete sie Reisen und unterhielt Ferienanlagen. Eine der größten, wenn auch unvollendet, ist Prora auf der Insel Rügen.

"Die Stadt wird alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um das Museum zu verhindern" versichert Ralf Schmidt, Pressesprecher der Stadt. In der ersten Juliwoche scheiterte die Stadtverwaltung allerdings daran die Nutzung eines bisher als Möbelhaus genutzen Gebäudes aus baurechtlichen Gründen zu untersagen. Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg hob ein entsprechendes Verbot auf.

Oberbürgermeister Rolf Schnellecke erklärte, dass das noch lange nicht das Ende des Rechtstreits bedeute. Der 63-jährige Anwalt Rieger konterte, er sei fest entschlossen, ein "gewerbliches Museum zu eröffnen."

Gewerbliches Museum - dieses Rechtskonstrukt erschwert ein Verbot des Vorhabens erheblich. Rieger stellt es so dar, als wolle er im "Möbelhaus Alsdorff" einfach ein neues Geschäft eröffnen. Das kann man ihm in einem Gewerbegebiet, in dem alle Räume als Geschäftsräume ausgewiesen sind kaum untersagen.

Unklar ist derzeit, ob Rieger das Haus mit angeschlossener Lagerhalle tatsächlich schon gepachtet hat. Der Anwalt behauptet dies zwar, bleibt aber entsprechende Dokumente schuldig und die Stadtverwaltung äußert sich dazu nicht.

Auch die Eigentümerin des Möbelhauses, Rosemarie Alsdorff, schweigt dazu. Sie hatte sich nach eigener Aussage selbst an Jürgen Rieger gewandt, weil sie mit ihrem Geschäft in finanziellen Schwierigkeiten sei und die Stadt ihr nicht geholfen habe. Rund 2 Millionen Euro soll sie für die Gebäude haben wollen, sagte sie den Wolfsburger Nachrichten.

Rieger wäre aufgeschlossen gewesen, denn ihm gefiele die Lage. Sie sei dankbar, dass der Anwalt sie aus ihrer Not erretten wolle: "Ich hätte ihn küssen können."

Riegers Pläne hatten Journalisten aufgedeckt. Eine interne Einladung von der "Initiative für ein KdF-Museum" war ihnen zugänglich geworden. Am vierten Juni gründete Riegers Truppe im Alsdorffschen Möbelladen einen Verein, der die Idee vorantreiben soll.

An jenem Samstag kamen an die 100 NPD-Mitglieder und Freie Kameradschaftsanhänger zu der Veranstaltung, inklusive einschlägiger Reden, Livemusik, Bier und Grillen. Selbstbewusst hängten sie ein Transparent an die Fassade: "Stadt des KdF-Wagen". Mehrere Gäste der Feier griffen Journalisten an, schubsten und schlugen. "Ich habe ein Schädeltrauma und eine verletze Nackenmuskulatur", sagt ein betroffener Fotograf. Er berichtet zudem, "später wurde eine dunkelhäutiger Mensch am Bahnhof von Rechten angegriffen".

Über 20 Kameraden, so NPD-Bundesvorstandmitglied und Mitinitiator Thomas Wulff, tragen den "Verein für ein KDF-MUSEUM e.V. I.G". In der Lagerhalle des wollen die Neonazis vor allem alte Fahrzeuge ausstellen. Bilder und historische Ölgemälde sollen auch die "sozialen Aktivitäten" der KdF belegen.

Mit der Aktion schaffen die Rechtsextremen vor allem zu provozieren und sich zum Gesprächsthema zu machen. Allerdings steckt auch eine tiefere politische Absicht hinter dem Vorhaben, glaubt Jürgen Rostock, Projektleiter des "Dokumentationszentrum Prora": "Den vermeintlich sozialen Schein der Volksgemeinschaft wollen die Rechtsextremen nutzem, um die angeblich guten Seiten des Nationalsozialismus hervorheben zu können", sagt Rostock. Die KdF habe mit ihrem Programm mit Ausflügen, Reisen und ihren Ferienanlagen, genau diese Projektionsfläche angeboten.

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