Montagsinterview Himmlers Großnichte: "Meine Familie ist ein Spiegel der Gesellschaft"

Katrin Himmler ist die Großnichte des "Reichsführers SS" Heinrich Himmler. Dass dessen Brüder auch überzeugte Nazis waren, hat sie in ihrem Buch "Die Brüder Himmler" nachgewiesen - was ihr Teile der Familie bis heute nicht verzeihen.

Katrin Himmler, hier an der Dokumentationsstaette Topographie des Terrors, ist Politikwissenschaftlerin, Autorin und Grossnichte von Heinrich Himmler. Bild: Detlef Schilke

taz: Frau Himmler, was bedeutet für Sie Familie?

Die 1967 in Dinslaken geborene Katrin Himmler ist Physiotherapeutin und Diplom-Politologin. In dem Buch "Die Brüder Himmler" (2005) hat sie ihre Familiengeschichte verarbeitet.

Ihr Großvater, Ernst Himmler, war der jüngere Bruder von Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS und Hauptverantwortlichen für den Holocaust an den europäischen Juden. Ernst Himmler starb im Mai 1945 unter ungeklärten Umständen. In der Familie wurde nach dem Krieg erzählt, der jüngste Himmler-Bruder sei - ebenso wie der älteste Bruder Gebhard, der den Krieg überlebte - ein unpolitischer Ingenieur gewesen, der nichts mit Heinrich zu tun gehabt habe. Auch Ernsts Witwe, die Großmutter von Katrin, hielt diesen Mythos hoch. In ihrem Buch wies Katrin allerdings nach, dass beide, Ernst und Gebhardt, überzeugte Nazis waren, die sich vom "schrecklichen Heinrich" protegieren ließen. Ernst schrieb zudem schlechte Beurteilungen über jüdische Kollegen, wohl wissend, dass dies ihren Tod bedeuten konnte.

Mit ihrem Mann, der der Sohn jüdischer Überlebender aus Warschau ist, und dem neunjährigen Sohn lebt Katrin in Moabit. Im Buch schreibt sie: "Noch immer fürchte ich mich vor dem Augenblick, wenn er erfahren wird, dass die eine Seite seiner Familie bemüht war, die andere Seite seiner Familie auszurotten."

Katrin Himmler: Das ist für mich zunächst meine engste Familie, meine Eltern, mein Sohn. Dann gehört natürlich noch ein weiterer Umkreis dazu. Aber ich habe gemerkt, dass meine Vorstellung, wie nah oder weit weg jemand ist, sich geändert hat durch die Recherchen zur Geschichte meiner Familie.

Inwiefern?

Meine Angehörigen haben sehr unterschiedlich auf mein Buch "Die Brüder Himmler" reagiert - von völliger Ablehnung über breites Nichtreagieren bis zu einigen, die eher froh sind, dass ich das gemacht habe.

Sagt Ihnen das Wort "Familienloyalität" etwas?

Das ist eine zweischneidige Sache. Mir war anfangs sehr wichtig, dass die nächsten Verwandten weitgehend einverstanden sind mit dem, was ich mache. Ich brauchte sie, um das, was ich in Archiven an Informationen gefunden hatte, zusammenzubauen, und um die Gegensätze erkennen zu können zwischen dem, was in der Familie überliefert wurde, und dem, was in den Akten stand. Anfangs habe ich sehr positive Reaktionen und Unterstützung bekommen. Das hat sich bei einigen allerdings gewandelt, als sie gemerkt haben, was ich vorhatte.

Denen passte nicht, dass Sie die Familienlüge entlarvten von den zwei unpolitischen Brüdern, die nichts mit dem bösen Heinrich Himmler zu tun haben?

Ja. Aber sie würden das nicht als Lüge definieren. Es geht dabei auch um unterschiedliche Interpretationen, da gibt es eine Grauzone. In meiner Familie war "Heinrich der Schreckliche" das Zentrum, um das alles kreiste, der Täter schlechthin. Der Nebeneffekt war, dass sich alle mit ihm beschäftigten und keiner mehr nach den anderen fragte. Und wer fragte, wie mein Vater, bekam keine Antworten.

Sie haben auf Bitten Ihres Vaters mit dem Buch angefangen.

Nicht ganz. Ich habe auf seine Bitte angefangen, zu recherchieren. Er hat geahnt, dass auch sein Vater, Ernst Himmler, in der Partei und in der SS gewesen sein könnte. Aber er hatte keine Gewissheit, weil seine Mutter nie darüber geredet hat. Ich habe also Dokumente besorgt, die zeigten, dass mein Großvater tatsächlich schon 1931 in die NSDAP und 1933 in die SS eingetreten war. Für meinen Vater war das eher der Abschluss einer Sache, die ihn jahrzehntelang beschäftigt hatte. Für mich war es ein Anfang. Ich wurde neugierig.

War Ihr Buch vor allem persönliche Aufarbeitung?

Anfangs dachte ich so. Ich machte das für mich, meine Familie, vor allem für meinen Sohn. Aber ich habe schnell gemerkt, dass es keine singuläre Familiengeschichte ist. Es gibt viele Parallelen zu anderen deutschen Familien, nicht nur Täterfamilien. Etwa die Nachkriegsgeschichte, wie mit der Vergangenheit umgegangen wurde, ist ziemlich typisch. Viele wissen bis heute nicht: Waren die Vorfahren Mitläufer, Profiteure, Täter? Man kann an der Himmler-Familie außerdem gut ablesen, wie eng die Verknüpfungen waren zwischen den Haupttätern im Zentrum der Macht und jenen, die in konzentrischen Kreisen darum herum angeordnet waren. Alle haben auf ihren Positionen dafür gesorgt, dass dieses System so reibungslos funktionieren konnte. Da ist meine Familie gewissermaßen ein Spiegel der Gesellschaft.

Hatten Sie nie den Impuls, reinzuwaschen, zu entschulden - gerade wo es um den eigenen Großvater ging?

Es gab Momente, da war mein Großvater mir sehr nah, und solche, wo ich sein Verhalten überhaupt nicht nachvollziehen konnte, wo er überzeugter Antisemit und Rassist gewesen ist und das auch aktiv umgesetzt hat. Das zusammenzubringen und auszuhalten, ist schwer. Dann gibt es immer wieder auch das Bedürfnis zu verharmlosen. Aber da kommt der Drang zur Wahrheit durch: Dass ich es so aufschreiben muss, wie es war.

Dachten Sie dabei auch an Ihren Sohn? Haben Sie mit ihm schon über Ihre Familiengeschichte gesprochen?

Ich denke, es gibt nicht den einen Moment, wo man mit Kindern über "das alles" redet. Das entwickelt sich allmählich. Mein Sohn ist neun Jahre alt. Er weiß schon eine Menge. Aber man muss immer gucken, was versteht er schon - und wann ist es erst mal genug.

Was kann man denn mit neun Jahren schon wissen?

Eine Menge. Er weiß, dass Heinrich Himmler ein unglaublicher Verbrecher war und dass er verwandt mit mir ist und mit ihm auch. Er weiß aber auch viel über seine jüdische Herkunft, denn ich finde es wichtig, dass er möglichst beide Seiten gleichermaßen vermittelt bekommt - die Herkunft aus einer deutschen Täter- und einer jüdischen Überlebendenfamilie. Man weiß ja nie vorher, wie ein Kind sich entscheidet, welche Identität es als seine begreift. Da möchte ich meinem Sohn keine Rolle vorgeben. Er muss seinen Weg selbst finden.

Sie arbeiten ehrenamtlich als Lesepatin an der Grundschule, die Ihr Sohn besucht - hat das auch etwas mit Ihrer Familiengeschichte zu tun?

Eigentlich nicht. Die Schule liegt in einem Brennpunktviertel. Ich finde es wichtig, da etwas zu tun für benachteiligte Schüler, die ja nicht nur aus Migrantenfamilien kommen. Es gibt quer durch alle Herkunftsländer Kinder, die zu Hause keine Unterstützung bekommen. Insofern ist das eher ein Ausgleich, weil mein Sohn von zu Hause her so viel mehr Unterstützung bekommt. Das hat etwas mit Gerechtigkeit und natürlich auch mit einer Vorstellung von demokratischer Bildung zu tun. Das Lesepaten-Projekt ist ein kleiner Baustein davon. Und es knüpft an meine anderen Schwerpunkte an, die ich neben der Geschichte schon während meines Studiums verfolgt habe: Migration und Multikulturalismus. Da würde ich eigentlich gerne wieder hin. Ich möchte irgendwann weg von der Vergangenheit.

Lassen Sie uns da erst noch etwas bleiben. Finden Sie, dass das Thema NS-Geschichte an Schulen richtig behandelt wird?

Es kommt drauf an, wo. Ich finde es nicht richtig, das schon in der Grundschule zu behandeln. Man muss aufpassen, dass man die Kinder nicht emotional überfordert.

So wie in den 80ern, als man uns KZ-Filme vorspielte …

… und sagte: "Guckt euch das mal an. Wie ihr dann damit fertig werdet, ist eure Sache." Damit allein gelassen zu werden finde ich fatal. Ich habe das bei meinen Altersgenossen erlebt, dass sie sich deswegen von dem Thema distanziert haben. Weil sie völlig überfordert waren.

Was wäre ein guter Zugang in der Schule?

Ich lese ja in Oberschulen aus meinem Buch und ich stelle immer wieder fest, dass es für Schüler wichtig ist, einen persönlichen Zugang zu finden. Über einzelne Biografien zu versuchen, das Schicksal eines Menschen nachzuvollziehen, und das dann einzuordnen in den historischen Kontext. So lernt man viel mehr als mit der alten Schockpädagogik. Aber auch heute sagen Schüler oft genau wie wir damals, das Thema stehe ihnen bis zum Hals. Nur, wenn ich dann frage: "Was wisst ihr denn über eure eigenen Vorfahren oder was war hier am Ort los? Wie viele Juden haben hier gelebt, wie wurden sie vertrieben, kamen welche zurück?", dann haben sie keine Ahnung.

Immer mehr Schüler haben keinen deutschen Familienhintergrund. Wie spricht man die an? Kann man von ihnen überhaupt erwarten, dass sie die deutsche Geschichte als ihre Geschichte akzeptieren?

Ich denke, die Geschichte dieses Landes zu kennen, ist für alle wichtig, die hier leben. Da hilft der Ansatz über die Erinnerung in den Familien, etwa Fluchtgeschichten. Was bei uns in den Familien überliefert wird, ist ja vor allem Krieg, Vertreibung, Flucht, Hunger, Bomben. Das kann eine Verbindung schaffen zu denen, deren Familien hierher geflüchtet sind. Auf dieser Ebene kann man mit SchülerInnen ganz unterschiedlicher Herkunft über Vergangenheit sprechen. Und auch grundsätzlich diskutieren: Was haben wir für eine Einstellung zu Krieg, gibt es "gute" und "böse" Kriege? Das sind ja ganz aktuelle Fragen.

Sie haben gesagt, eigentlich möchten Sie irgendwann weg von der Vergangenheit, etwas anderes machen. Was denn?

Am liebsten würde ich Bücher schreiben - Belletristik. Aber ich komme nicht so schnell weg von dem NS-Thema, wie ich gerne würde. Ich werde auch drei Jahre nach dem Erscheinen des Buches noch überschüttet mit Post. Es gibt einen großen Bedarf an Aufarbeitung von Familiengeschichten. Viele Leute fragen mich um Rat, wie sie das machen können. Ich werde als Expertin für Familiengeschichte angesehen. Ich biete das inzwischen als Dienstleistung an: Beratung, Recherche, Schreiben von Erinnerungen oder Biografien.

Ist das nicht auch ambivalent: Mit diesem Namen, der so schrecklich ist …

… Geld zu verdienen? Es ist interessant, dass diese Frage immer nur von Leuten gestellt wird, die eher links sind. Das habe ich von anderen nie gehört. Ich verstehe nicht, wo das Problem ist. Wenn ich reich werden wollte, hätte ich mir einen anderen Job gesucht. Dann hätte ich mir das nicht angetan, die Belastung, die das auch bedeutet. Ich denke, niemand macht so etwas und ich auch nicht, um von diesem Namen zu profitieren. Ich bin Politologin, Wissenschaftlerin, ich habe ein Sachbuch geschrieben. Natürlich ist es okay, dafür Geld zu bekommen. Warum soll das nicht okay sein? Ich finde, das ist Moral an der falschen Stelle.

Vielleicht hat die Frage danach etwas mit Schuld zu tun. Damit, Abbitte zu leisten.

Das stimmt. Das hat mit Schuld und mit Scham zu tun. Viele Leute, die von mir Ratschläge haben möchten, erwarten, dass ich das kostenlos mache. So nach dem Motto, die kann doch dafür nichts nehmen. Das ist interessant: Das bin ich sozusagen allen schuldig.

Machen Sie sich Sorgen darüber, wie Ihr Sohn mit der Geschichte Ihrer Familie umgehen wird? Dass er sich schuldig fühlen könnte?

Ich denke, das ist etwas, was immer wieder, in jeder Generation auftaucht. Alle Täternachfahren müssen das durchmachen. Auf der rationalen Ebene ist klar: Konkrete Schuld hat keiner der Nachkommen. Auf der anderen Seite sind irrationale Schuldgefühle. Es ist notwendig, von diesen wegzukommen hin zu einem Verantwortungsgefühl. Das Schuldgefühl ist total destruktiv, etwas wahnsinnig Lähmendes und Blockierendes. Solange man Schuldgefühle hat, ist es ganz schwierig, auf die andere Seite zuzugehen. Ich merke an mir selber und auch im Gespräch mit anderen Betroffenen, dass es für uns leichter ist, auf jüdische Überlebende oder deren Kinder zuzugehen von dem Moment an, wo wir unsere eigene Geschichte ehrlich aufgearbeitet haben. Dann muss man auch nicht mehr ständig beteuern, dass man nicht schuldig ist.

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