: Momentaufnahme einer winterlichen Heide oder Der Zweikampf
In der winterlichen Heide
unter einer Trauerweide
stehen, oh wie fürchterlich,
zwei Ritter, und sie blicken sich
voll Strenge in die ernsten Augen.
Die Szene möcht' zum Zweikampf taugen.
Doch harren beide regungslos
des andern Schwertes ersten Stoß.
Kein Wort, kein Ruf, kein Augenschlag,
schon neigt sich jäh der Wintertag,
die glühend' Sonne sinkt ins Feld
und in der Fern' der Wolfshund bellt.
Noch immer stehn die Ritter still,
warum wohl keiner kämpfen will?
Jetzt kehrt die Nacht mit Nachdruck ein,
es naht der Wolfshund, hebt sein Bein
und markiert die beiden Zossen,
die zum Kampfe unentschlossen.
Die Reaktion auf diesen Akt,
zum Beispiel, daß der Zorn sie packt,
oder man den Wolf zerdolcht,
der tückisch um die Weide strolcht,
sehr erstaunlich, sie ist diese:
Null Bewegung auf der Wiese.
Nun, wer der Heide Kälte kennt
und Schläue auch sein eigen nennt,
dem drängt sich nach der Dinge Lauf
folgende Erkenntnis auf:
Es sind die beiden trüben Toren
schon seit Stundenfrist erfroren!
Jan Kaiser
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen