Molly Nilsson über ihre Musik

„Ich liebe Humor“

Synthie-Pop-Musikerin Nilsson spricht über die Schönheit der Volkshochschule, Kreditkartennummern und die Frage, wann ein Album fertig ist.

Eine Frau mit roten Haaren legt ihre Hand an ihr Kinn und schaut in die Kamera

Molly Nilsson tourt seit zehn Jahren durch die Welt und bringt jährlich ein neus Album heraus Foto: André Wunstorf

taz am wochenende: Sie waren viel unterwegs in den letzten Monaten. Was hat Ihnen am besten gefallen?

Molly Nilsson: Ich mag Städte.

Weil Sie in einer aufgewachsen sind?

Ja, ich bin in Stockholm aufgewachsen und habe da bis zu meinem 19. Lebensjahr gewohnt. Deswegen mag ich das Chaos, die Anonymität und das Leben auf den Straßen. Letztens war ich in New York und hatte einen emotionalen Tag. Also bin durch die Straßen gezogen und habe die Menschen beobachtet. Das hat geholfen. Für mich fühlt sich das so an wie für andere Menschen ein Aufenthalt im Wald.

Wie denn?

Es ist dieses Gefühl, im Jetzt und total ruhig zu sein. So beschreiben das jedenfalls viele Menschen, wenn sie im Wald waren. Für mich klingt das langweilig. Mit Bäumen kann ich nichts anfangen. Aber Menschenmassen regenerieren mich sofort.

In einigen Interviews mit Ihnen liest man, dass Sie gerade Japanisch lernen.

Ich habe jedenfalls damit angefangen.

Wieso?

Ich will viele verschiedene Sprachen ein bisschen lernen, damit ich verstehen kann, wie sie funktionieren. Das beinhaltet oft eine ganz neue Logik und zeigt, wie Gedanken und Ausdrücke sich formieren. Das ist auf eine schöne Art anstrengend.

Wie lernen Sie Sprachen?

Ich bin ein Riesenfan der Volkshochschule und belege dort Sprachkurse. Angefangen habe ich mit Chinesisch und Japanisch. Das Schöne ist, dass ich dadurch Menschen begegne, mit denen ich sonst nichts zu tun hätte. Einmal sollten wir uns im Kurs zum Beispiel gegenseitig interviewen. Eine Frau, die ich befragt habe, was sie auf eine einsame Insel mitnehmen würde, hat mir geantwortet: ihren Freund und „Das Kapital“ von Karl Marx. Und dass das ihr Lieblingsbuch sei und sie es auf Englisch, Deutsch und Türkisch gelesen habe.

Solche kleinen Situationen mag ich. Alle kommen aus verschiedenen Gründen da hin. Manche interessieren sich für die Küche des Landes, manche mögen das Land selbst und manche haben einen Partner oder eine Partnerin gefunden, deren Sprache sie lernen möchten.

Und beenden den Kurs dann wieder, wenn die Beziehung vorbei ist?

Wenn Menschen mit etwas aufgrund eines anderen Menschen anfangen, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie wegen dieses anderen Menschen auch wieder damit aufhören.

Aus Japan kam auch die Idee für den Titel Ihres neuen Albums.

Die Frau

Molly Nilsson, geboren 1984, wuchs in Stockholm auf und wohnt in Berlin. Sie hat im Jahr 2009 ihr eigenes Label gegründet. Seitdem veröffentlicht sie jedes Jahr ein neues Album.

Die Musik

Als Kind hat Molly Nilsson auf Bühnen weibliche Vorbilder vermisst. Mittlerweile stehen in der mentalen Hall of Fame der Synthie-Pop- und Dark-Wave-Künstlerin beispielsweise Laurie Anderson und Prince.

Ja, aber eigentlich eher durch Zufall. Ich war im Herbst vor zwei Jahren zum ersten Mal in Japan und hing am Flughafen fest. Das Land richtet 2020 die Olympischen Spiele aus, also hingen überall Poster, auf denen die Jahreszahl stand. Deswegen habe ich darüber nachgedacht, was Jahreszahlen eigentlich für uns bedeuten. Wir sagen ja immer so gängige Sätze wie „Das war ein schlechtes Jahr!“ oder „Dieses Jahr hat mich besonders geprägt!“.

Alle verbinden bestimmte Dinge mit Jahreszahlen, dabei sind sie eigentlich nur aneinandergereihte Nummern. Ich mag das. Irgendwie sind sie abstrakt, aber wir teilen sie auch miteinander. Deswegen habe ich mein Album „2020“ genannt. Jetzt will ich mehr über Zahlen wissen.

Was haben Sie vor?

Ich habe ein neues Spiel entwickelt und lerne gerade alle Nummern der Kreditkarten meiner Freund*innen auswendig. Nicht, um sie abzuzocken. Ich will einfach ein anderes Gefühl für Zahlen entwickeln.

Hatten Sie bisher denn ein eher schlechtes?

Zu Zahlen habe ich kein gutes Verhältnis. Allein schon wegen Mathe in der Schule. Das hat mich immer demotiviert. Das Resultat daraus war für mich das Gefühl, dass ich nicht klug genug bin oder bestimmte Sachen einfach nicht verstehe. So fühlen sich manche Menschen bestimmt, wenn sie eine neue Sprache lernen. Sachen machen mehr Spaß, wenn man erst mal einsieht, dass man sie nicht perfekt beherrschen muss. Momentan will ich versuchen, mich nicht nur immer auf eine Sache zu fokussieren.

Inwiefern?

Seit zehn Jahren bringe ich jährlich genau ein Musikalbum heraus und toure damit durch die Welt. Das ist großartig, und ich liebe es sehr. Aber mittlerweile habe ich Angst, dadurch etwas anderes Schönes zu verpassen. Also will ich jetzt damit anfangen, verschiedene Sachen gleichzeitig machen.

Vielleicht verlieren Sie dadurch den Fokus.

Meiner Meinung nach investiert man automatisch am meisten Zeit in die Sache, die einem am wichtigsten ist. Vielleicht passiert das auch unbewusst und man würde es selbst ganz anders einschätzen.

Denken Sie manchmal daran, das mit der Musik ganz sein zu lassen?

Ständig. Nach jedem Abschluss eines Albums sage ich mir: Vielleicht war es das jetzt. Vielleicht habe ich mit diesem Album alles gesagt, was ich wollte. Vielleicht wird es nicht mehr besser. Aber wenn man einer Sache leidenschaftlich gesinnt ist, kommt man immer wieder zu ihr zurück. Selbst wenn ich sagen würde, ich sei jetzt fertig mit der Musik, ist sie vielleicht noch nicht fertig mit mir. Und dann habe ich im Anschluss direkt wieder eine Idee, von der ich glaube: Das ist ja noch besser.

Wie hat es überhaupt angefangen?

29, arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie pflegt in den meisten Fällen eine eher angenehme Beziehung zu Zahlen.

Als Teenager habe ich viel Musik gehört und bin ab und zu als DJ aufgetreten. Aber dass ich selbst mal mit Musik arbeite, kam mir nicht in den Sinn. Das war eine exklusive Welt für mich, zu der ich keinen Zugang hatte. In meiner Vorstellung hatte Musik immer damit zu tun, in einer Band zu spielen. Auch in meiner Familie spielt niemand irgendwelche Musikinstrumente oder hört besonders viel Musik.

Haben sie jetzt damit angefangen, um Ihre Musik zu hören?

Klar, mein Dad ist mein größter Fan. Ich bin zwar nicht bei Facebook, aber meine Freund*innen schicken mir immer Screenshots, wenn er wieder einen meiner Songs geteilt hat. Das mag ich, weil er nicht kritisch über meine Musik spricht, wie es die meisten anderen Menschen tun. Er liebt einfach, dass ich es geschafft habe.

Ist das aus Tochterperspektive nicht manchmal ein bisschen unangenehm?

Wenn ich meine Songs schreibe, denke ich nicht darüber nach, wer sie sich anhört. Bei meinem Dad glaube ich, dass es ihm etwas aus meinem Leben zeigt, das er nicht sehen würde, wenn wir uns einfach nur unterhalten. Mir geht es genauso mit seiner Arbeit als Visual Artist. Dazu habe ich nicht so sehr den Zugang, verstehe aber irgendetwas von ihm, was ich nicht in Wörtern ausdrücken kann. Es ist eine andere, nonverbale Art der Kommunikation zwischen uns. Das schätze ich sehr.

Die eine Sache ist, zu Hause allein an Sachen zu arbeiten, die andere, sie auf eine Bühne zu tragen. Macht Ihnen das keine Angst?

Am Anfang habe ich mich damit sehr unwohl gefühlt, das stimmt. Es ist ein bisschen wie meine Furcht davor, auf ein Trampolin zu steigen. Vorher ist man nervös, aber wenn man erst mal springt, merkt man, dass es gar nicht so schlimm ist. So ähnlich ist es auf der Bühne. Ohne dieses Gefühl wäre es aber weniger schön. Und ich habe festgestellt, dass ich ein bisschen Stress brauche. Die Aufregung hat mit den Jahren abgenommen. Ganz weggegangen ist sie aber nie.

Werden Sie alt?

Vielleicht. In der letzten Zeit ist mein Publikum auf jeden Fall immer jünger geworden. Das gefällt mir. Ich mag die Vorstellung, dass junge Frauen zu meinen Shows kommen und eine Frau auf der Bühne stehen sehen, die über persönliche Probleme singt. In meiner Jugend habe ich das selten erlebt. Vielleicht habe ich auch deswegen so lange gebraucht, um selbst mit der Musik anzufangen.

Aus Mangel an Vorbildern?

Die einzige Band, die mir damals begegnet ist und bei der nur Frauen auf der Bühne standen, war die Punkband Cruzified Barbara. Das hat sich mittlerweile verändert. Heute sind viele Künstlerinnen auf der Bühne präsent. Laurie Anderson oder Prince stehen in meiner mentalen Hall of Fame. An Tagen, an den ich alles blöd finde, wandere ich da durch und überlege mir, was in deren Leben alles schiefgelaufen sein könnte. Und dann denke ich: Wenn sie jetzt hier wären, wären sie bestimmt auf meiner Seite.

Woher weiß man, dass etwas fertig ist?

Nie. Manche Dinge werden nie fertig. Und manchmal ist es wichtig, genau da aufzuhören, bevor sie wirklich fertig sind, und eine Leerstelle zu lassen. Immer alles noch ein bisschen polieren zu wollen, ist ein Hindernis. Man muss zum Ende kommen können, wenn man etwas erschafft. Denn es geht auch darum, irgendwann aufzuhören. Diese Erfahrung nimmt man in die neue Idee mit. Dinge werden nicht schöner, nur weil sie scheinbar perfekt sind. Es muss ja auch Spaß machen.

Wie?

Spaß nicht im Sinne von haha, sondern als Herausforderung. Man sollte sich nicht mit Sachen quälen, die man eigentlich gar nicht mag, nur weil man sich etwas beweisen will. Damit will ich nicht sagen, dass Spaß nie anstrengend sein darf. Aber eher auf eine Art, bei der man versteht, wie sie einen weiterbringt und was man davon mitnimmt. Es ist ein Talent, über Sachen zu lachen, auch wenn sie hart sind.

Humor hilft?

Ich liebe Humor. Er stellt Verbindungen zwischen Menschen her und gibt die Möglichkeit, dass man sich überraschen lassen kann. Für mich ist es ein wichtiger Skill, über Dinge zu lachen, auch wenn sie eigentlich hart sind. Ich will Humor auch unbedingt bei mir zu Hause haben.

Was soll das heißen?

Ich habe sehr viele richtig blöde und unnütze Dinge in meiner Wohnung herumstehen, die nicht unbedingt eine Funktion haben, mich aber zum Lachen bringen.

Was zeichnet diese Dinge aus?

Es sind Dinge, die wie andere Dinge aussehen.

Das ist zu kompliziert.

Mein Telefon sieht aus wie zwei Lippen. Und meine Teekanne ist ein kleines Bücherregal. Im Badezimmer habe ich einen Korken, der aussieht wie ein Pilz. Meine neueste Errungenschaft kommt aus dem Secondhandshop. Da habe ich einen winzigen, türkisfarbenen Schuh gefunden. Der kann weder für Kinder noch für Frauen sein, weil er dafür einfach zu klein ist. Und außerdem gibt es ihn nur einmal. In den habe ich mich sofort verliebt.

Aus welchem Grund?

Ich mag es, wenn Dinge unproportional sind und nicht in den Rahmen passen, den man ihnen eigentlich geben würde. Absurde Sachen um mich herum zu haben, macht mich fröhlich.

Wissen Sie schon, wo Sie die Sachen hinstellen, wenn Sie sie finden?

Meistens denke ich schon an den perfekten Ort in meiner Wohnung. Ich habe eine ganz kleine David-Statue, von David und Goliath. Ich hab einen kleinen Spiegel vor ihn gestellt, damit er sich selbst anschauen kann. Das ist so großartig! Ich mag die Vorstellung, dass es um mich herum kleine Szenen gibt, zu denen ich gar nicht gehöre, die ich mir aber anschauen kann, wenn ich will.

Im Zusammenhang mit Ihrer Person und Ihrer Musik fällt immer wieder das Wort nostalgisch. Können Sie das auf sich selbst anwenden?

Darüber habe ich lange nachgedacht. Wenn Menschen mich oder meine Musik so beschreiben, meinen sie damit meistens eine bestimmte Ästhetik, die ich transportiere. Die kommt wahrscheinlich daher, weil ich viel über persönliche Erfahrung singe. Aber nostalgisch kann auch noch etwas ganz anders bedeuten. Wenn jemand stirbt, macht es nostalgisch. Weil du nicht loslassen möchtest. Als ich zehn Jahre alt war, ist meine Mutter gestorben. Das hat mich als Kind sehr konservativ gemacht. Einfach weil ich wollte, dass alles so bleibt, wie es gewesen ist, als sie noch am Leben war.

Jede Veränderung hätte bedeutet, dass die neue Welt ohne sie stattfinden muss. Von außen sieht das aus wie Nostalgie. Aber es geht darum, eine Person im Leben zu halten. Es ist eine Verweigerung, so weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Aus meiner Perspektive bin ich keine nostalgische Person, weil ich mittlerweile viel mehr in der Zukunft lebe als sonst wo. Mich interessiert, was als Nächstes kommt. Wenn man sich dafür öffnet, dass nicht alles so läuft, wie man es erwartet, passieren oft großartige Dinge.

Passiert es manchmal, dass Menschen Sie auf der Straße wiedererkennen?

Vielleicht hier in Berlin. Menschen, die wissen, wer ich bin, sehen mich eh die ganze Zeit, wenn ich die Pfandflaschen in den Supermarkt zurückbringe. Für die gehöre ich zum Ambiente. Komisch wird es an Orten, an die ich eigentlich nicht gehöre. Da sprechen mich manchmal Menschen an und sagen: Hi, ich mag deine Musik. Das ist schön, aber auch surreal. Das liegt an diesem anderen Filter, der dann über mich gelegt wird. Außerdem will ich ja auch höflich sein und irgendetwas sagen – aber was? Ich bin mir sicher, dass du auch super bist?

Das wäre ein Anfang.

Ist aber trotzdem komisch. Einerseits ist es natürlich ein Kompliment, auf diese Art gesehen zu werden. Andererseits habe ich mir vorgenommen, nicht zu sehr darüber nachzudenken, wer meine Fans sind und was sie von mir halten. Nicht, weil ich es nicht zu schätzen weiß. Aber ich will mich selbst nicht so gerne ernst nehmen.

Wie machen Sie das?

Ich bin nicht viel auf Social Media unterwegs, habe aber den Eindruck, dass Menschen sich immer weiter voneinander entfernen. Sie identifizieren sich mehr mit ihrer Online-Performance als mit ihrem Selbst, das es offline gibt. Aber es ist wichtig, das eigene Image auch mal zu vergessen. Deswegen will ich mich nicht darauf konzentrieren, was andere von mir denken.

In einem anderen Interview haben Sie mal gesagt: „Alles, was du an dir hasst, ist auch der Grund für alles, was du an dir liebst.“ Was soll das bedeuten?

Manchmal bin ich unglücklich über meine sozialen Fähigkeiten. Ich wäre gerne besser darin, mit anderen zusammenzuarbeiten, und würde gerne offener auf Menschen zugehen können. Aber gerade diese Dinge, die ich nicht an mir mag, haben mich zu mir selbst gebracht. Wenn man zu einer Party eingeladen wird, aber nicht hingeht, weil man lieber allein ist und einen Song schreibt, sieht das im ersten Moment wie Versagen aus. Aber irgendwann ist die Party vorbei, und den Song gibt es für immer. Es geht darum, auch die blöden Sachen als Teil des Gesamtpakets zu verstehen.

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29, arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie pflegt in den meisten Fällen eine eher angenehme Beziehung zu Zahlen.

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